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Zirkusfamilie Nock verkauft jetzt gebrannte Mandeln - und hofft auf ein Weihnachtswunder

Zirkusfamilie Nöck
Die Zirkusfamilie Nock mit ihrem neuen Mandel-Mobil: Ein kleiner Weihnachtsmarkt auf Rädern. © Benjamin Büttner

Joanna Nock hatte gerade erst Geburtstag: In der Wohnküche ihres Wohnwagens hängen noch bunte Girlanden, auf dem Tisch stehen Blumen und hübsch eingepackte Schokolade. In Feierlaune ist sie aber ganz und gar nicht: Nach wie vor weiß sie nicht, wie ihre Familie Corona, ja, nur den Winter überstehen soll. Hat sich denn seit dem letzten Bericht unserer Zeitung über die Notsituation der Artisten etwas getan? „Eigentlich gar nichts“, sagt Joanna Nock und seufzt.

Zwei Kirchengemeinden haben kleine Spenden gebracht

In ihrer verzweifelten Lage hat sich die Familie inzwischen auch an die Kirche gewendet: Dazu hatte Joanna Nocks Schwägerin Nicole Schickler zunächst zu Pfarrer Michael Oswald der Waiblinger Martin-Luther-Gemeinde Kontakt aufgenommen. Dieser hatte den Hilferuf an seine Kollegen weitergegeben. Daraufhin hat die katholische Kirchengemeinde St. Antonius die Familie in ihrer Nikolausaktion bedacht, die jedes Jahr Familien in Not unterstützt: Die Kinder durften sich etwas wünschen, außerdem sammelte die Gemeinde Lebensmittel. Mehl, Nudeln, Reis, Soßen, Obst, Gemüse und sogar Waschmittel kamen mit den Nikolausgeschenkchen am 6. Dezember bei der Familie Nock in ihrem Corona-Quartier in der Robert-Bosch-Straße in Rommelshausen an.

Auch zwei Vertreter der katholischen Kirchengemeinde St. Anna aus Beutelsbach statteten ihnen vor einigen Tagen einen Besuch ab: Sie brachten Schokolade und ein Kuvert mit etwas mehr als 200 Euro, die für die Artisten gesammelt worden waren.

Auch ein oder zwei Privatleute seien vorbeigekommen und hätten anonym eine kleine Spende dagelassen. Die Tafel brachte eines Tages Gemüse und einige andere Lebensmittel vorbei. Die Nocks sind für jede Spende sehr dankbar. „Wir sind auf diese Spenden angewiesen“, sagt Joanna Nock.

Insgeheim hatte sie gehofft, dass noch mehr Leute sich bei ihnen melden würden, um zu helfen. Denn weiterhin steht den Nocks das Wasser bis zum Hals – ein Ende der Krise ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Erneut kündigt sich ein strenger Lockdown an und ein weiteres Event, bei dem der Zirkus wenigstens ein bisschen Geld verdienen hätte können, musste abgesagt werden.

Hoffnung auf Weihnachtszirkus ist geplatzt

Große Hoffnungen hatten die Nocks nämlich in den Eislinger Weihnachtszirkus gesetzt. In den vergangenen Jahren sei die Spielzeit dort immer eine ihrer Haupteinnahmequellen gewesen. Vergangenen Freitag haben die Artisten der Stadt Eislingen abgesagt. „Es ist einfach zu unsicher: Wenn dann der Lockdown so hart wird, dass gar niemand kommen darf, haben wir auch nichts davon“, sagt Joanna Nock. Schließlich müsste ihre Familie im Voraus einiges an Geld in die Hand nehmen, um den kleinen Betrieb für den Weihnachtszirkus fit zu machen. Und Geld fehlt im Moment an allen Ecken und Enden.

Im Moment beschränkt sich die Tätigkeit der Artisten darauf, gebrannte Mandeln zu verkaufen. Jeden Tag stehen sie auf dem Parkplatz des Marktkaufs in Schorndorf, an manchen Wochenenden fährt ihr „Knusperhäuschen“ vor dem Remstal-Markt Mack in Endersbach vor. Neuerdings sind sie zusätzlich auch mit einem Mandel-Mobil quer durch die Ortschaften unterwegs. Den nach Eiswagen-Manier umgebauten Sprinter mit der bunten Beleuchtung und den Lautsprecher-Ansagen hat die Familie selbst umgebaut und ausgestattet. Die Mandeln brennen sie ebenfalls selbst: „Die sind immer ganz frisch“, verspricht Manuel Schickler, Joanna Nocks Lebensgefährte.

Gebrannte Mandeln to go als neues Geschäftsmodell

Das Geschäft mit den Mandeln läuft bis jetzt recht ordentlich – große Gewinne wirft es aber nicht ab. Allein die gebrannten Mandeln werden die Familie nicht durch den Corona-Winter bringen können, so viel steht fest. „Ich glaube, die meisten Menschen können nicht ohne weiteres nachvollziehen, dass wir laufende Kosten haben, auch wenn wir nicht auftreten“, sagt Manuel Schickler.

Ganz besonders belastend sind im Moment die Heizkosten: Die Wohnwagen werden mit Gas beheizt, ihre Wände sind natürlich unvergleichlich dünner als die eines Wohnhauses und somit schlecht isoliert. „Wir brauchen pro Wagen zwei bis drei Flaschen in der Woche, bei sieben Wohnwagen sind das um die 80 Flaschen im Monat“, rechnet Schickler vor. Nicht zu heizen oder die Temperatur drastisch zu verringern, sei schon mal wegen der Kinder nicht realisierbar.

Die Zugmaschine muss abgeschleppt werden

Die Versicherungen für die meisten ihrer Fahrzeuge sind im Moment gestundet, weil auch dafür das Geld fehlt – das bedeutet aber auch, dass sie damit nicht mehr fahren. Auch die Zugmaschine ist immer noch kaputt. „Wahrscheinlich ein Motorschaden“, befürchtet Schickler. Bezahlen kann der Zirkus Nock im Moment weder eine Reparatur noch einen neuen Motor – geschweige denn einen Abschlepper, der den Lkw ja erst einmal zu einer Werkstatt bringen müsste.

Wie es die kommenden Wochen und Monaten weitergehen soll, weiß im Moment keiner der Artisten so genau. „Wir brauchen ein Weihnachtswunder“, sagt Manuel Schickler. Trotzdem sei es wichtig, den Kopf nicht in den Sand zu stecken. „Wir sind Zirkusleute, wir lassen uns immer etwas einfallen. Aufgeben gibt’s bei uns nicht.“

Joanna Nock hatte gerade erst Geburtstag: In der Wohnküche ihres Wohnwagens hängen noch bunte Girlanden, auf dem Tisch stehen Blumen und hübsch eingepackte Schokolade. In Feierlaune ist sie aber ganz und gar nicht: Nach wie vor weiß sie nicht, wie ihre Familie Corona, ja, nur den Winter überstehen soll. Hat sich denn seit dem letzten Bericht unserer Zeitung über die Notsituation der Artisten etwas getan? „Eigentlich gar nichts“, sagt Joanna Nock und seufzt.

Zwei Kirchengemeinden

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