Korb

Familienstreit in Korb eskaliert: Vater zeigt Sohn wegen Körperverletzung an

Amtsgericht Waiblingen Gericht
Das Amtsgericht in Waiblingen. © ZVW/Gabriel Habermann

Handelt es sich bei „zwei, drei Gläsern Wein am Abend“ um ein Alkoholproblem? Ist es respektlos den Eltern gegenüber, abends um 19 Uhr zu kochen? Stellt das Schubsen des Vaters bereits eine vorsätzliche Körperverletzung dar? Mit diesen und ähnlichen Fragen hatte sich Richterin Thümmel im Waiblinger Amtsgericht zu befassen.

„Landet ein Familienstreit vor dem Richterpult, dann führt das meistens dazu, dass noch mehr Porzellan zerschlagen und ein weiteres Miteinander in der Familie vollends unmöglich wird“ sinnierte der Stuttgarter Rechtsanwalt Andreas von Scholley als Vertreter des Angeklagten vor Beginn der Verhandlung im Gerichtsflur.

Besonderes Fingerspitzengefühl notwendig

Deshalb sei in Fällen wie diesem besonderes Fingerspitzengefühl notwendig, um es allen Beteiligten zu ermöglichen, möglichst unbeschadet aus dem Gerichtssaal herauszukommen. „Schadensbegrenzung ist angesagt, Gesichtsverlust muss möglichst vermieden werden, Porzellan wurde bereits mehr als genug zerschlagen“, so der erfahrene Jurist.

Der Vorfall, der in der Verhandlung erörtert wurde, ereignete sich bereits am 12. April vergangenen Jahres in Korb. Der inzwischen 24-jährige Angeklagte hatte vor, am nächsten Tag aus seinem Elternhaus auszuziehen. Das Verhältnis zu seinem Vater und der Stiefmutter sei derart eskaliert, dass ein weiteres Miteinander nicht mehr möglich gewesen sei, erklärte er vor Gericht.

Stiefmutter beschwert sich über den Lärm aus der Küche

Seine Habseligkeiten waren in Umzugskartons verpackt, er war gerade dabei, sich in der gemeinsamen Küche das letzte Mal ein Essen zuzubereiten. Seine Stiefmutter sah im Zimmer nebenan fern und beschwerte sich von dort aus über den Lärm, den er verursache – der störe. Als er mit dem Zubereiten fertig war, sei er deshalb in sein Zimmer gegangen, um dort zu essen und den letzten Abend zu verbringen. Kurz darauf sei sein Vater ins Zimmer gestürmt und habe ihn als respekt- und rücksichtslos beschimpft, um diese Zeit noch zu kochen.

"Hochgegangen wie ein HB-Männchen"

Der 59-jährige Vater wiederum erzählte im Zeugenstand, er habe seinem Sohn einen Strafbefehl auf den Tisch gelegt und ihn aufgefordert, diesen zu bezahlen. Er sei ihm zugeschickt worden, weil der Sohn beim zu schnellen Fahren mit Vaters Motorrad geblitzt worden sei. Doch der habe den Strafbefehl zerrissen, sei „hochgegangen wie ein HB-Männchen“, habe den Vater beschimpft und beleidigt.

Das HB-Männchen ist eine Zeichentrickfigur. Dabei seien auch die Worte „Loser“ und „Arschloch“ gefallen. Dann habe der Sohn ihm einen Stoß versetzt und ihn aus dem Zimmer bugsiert. Im Wohnungsflur habe er einen zweiten Stoß erhalten, so heftig, dass er fünf Meter weit geflogen sei. Hätte seine Frau ihn nicht „ausgebremst“, wäre er zudem durch die Glasscheibe der Flurtür gestürzt.

Vater sei zu Boden gefallen und habe sich dabei verletzt

Er sei zu Boden gefallen und habe sich am rechten Ellenbogen einen Bluterguss zugezogen und das Gelenk verstaucht. Er beschrieb den Sohn als „halben Nachtmensch“, der um halb zwei Uhr aus der „Muckibude“ heimkam und zu kochen anfing, ohne Rücksicht auf die Eltern und den kranken Hund. „Leise gibt es bei ihm nicht, noch nicht einmal, wenn er um halb vier Uhr (nachts) duscht.“

Vater und Sohn haben nach dem Auszug nur einmal Kontakt miteinander

Nach dem Auszug hätten Vater und Sohn nur noch einmal miteinander Kontakt gehabt, als der Sohn seine Post abholte, die weiterhin an die Anschrift im Elternhaus gegangen sei. Zuerst habe er einen Zettel im Briefkasten gefunden, mit der Aufforderung des Sohnes, ihm die an ihn gerichtete Post zukommen zu lassen. Er fühlte sich allerdings nicht als dessen Laufbursche; deshalb habe er sie gesammelt und zur Abholung bereitgehalten.

Vater zeigt Sohn an

Als dieser dann im Garten brüllte und tobte, die Haustür mit Tritten traktierte und das Rosenbeet zertrampelte, habe er ihm die Post aus dem Obergeschoss heruntergeworfen. Dieses Erlebnis habe er dann zum Anlass genommen, den Sohn anzuzeigen.

Ursprünglich sei das Verhältnis zwischen Vater, Sohn und Tochter gut gewesen

Ursprünglich sei das Verhältnis zwischen Vater, Sohn und Tochter sehr gut und eng gewesen, erklärte der Sohn. Die Zerrüttung habe im Jahr 2009 begonnen, als der Vater zu trinken begonnen habe. Ihre Kindheit sei davon geprägt gewesen, „wir litten sehr darunter“, so der Sohn. Die inzwischen ausgezogene Tochter sei deswegen auch in Behandlung. Die Garage sei zeitweise mit Weinkisten gefüllt gewesen, so der Sohn. Vollends zerbrochen, so der 24-Jährige, sei das Verhältnis, als die jetzige Lebensgefährtin seines Vaters eingezogen sei und er für deren Sohn die Einliegerwohnung im Untergeschoss des Elternhauses räumen und wieder in sein Kinderzimmer ziehen musste. Von diesem Zeitpunkt an sei er eigentlich nur noch zum Schlafen und Essen daheim gewesen.

Vater bestreitet Alkoholproblem

Der Vater wiederum bestritt, ein „Alkoholproblem“ zu haben. Zwei, drei Gläser Wein trinke er am Abend, um von der Arbeit wieder runterzukommen. Seine Frau leiste ihm dabei Gesellschaft und trinke meist Tee. Und nein, Alkohol mache ihn nicht aggressiv, sondern müde. Noch nie habe er seine Kinder geschlagen. Es gab kein Urteil: Auf Vorschlag der Staatsanwaltschaft wurde das Verfahren gemäß Paragraf 153 der Strafprozessordnung eingestellt.

Handelt es sich bei „zwei, drei Gläsern Wein am Abend“ um ein Alkoholproblem? Ist es respektlos den Eltern gegenüber, abends um 19 Uhr zu kochen? Stellt das Schubsen des Vaters bereits eine vorsätzliche Körperverletzung dar? Mit diesen und ähnlichen Fragen hatte sich Richterin Thümmel im Waiblinger Amtsgericht zu befassen.

„Landet ein Familienstreit vor dem Richterpult, dann führt das meistens dazu, dass noch mehr Porzellan zerschlagen und ein weiteres Miteinander in der Familie

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