Korb

Gasthof Löwen: Von Politik, Ringkämpfen und der großen Liebe

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So sahen das Gasthaus zum Löwen (links) und der Löwensaal (rechts) von innen aus. © Heimatmuseum Kleinheppach
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Eine historische Postkarte zeigt das Gasthaus zum Löwen, wie es im Jahr 1914 ausgesehen hat. © Heimatmuseum Kleinheppach
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Der Löwen war ein beliebtes Postkartenmotiv, wie hier im Jahr 1927... © Heimatmuseum Kleinheppach
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...oder hier, ohne Jahresangabe. © Heimatmuseum Kleinheppach
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Haushalt Rudersberg © Heimatmuseum Kleinheppach

Korb. Der ehemalige Gasthof zum Löwen ist ein Stück Korber Ortsgeschichte – dort versammelten sich seit der Jahrhundertwende die Mitglieder des SPD-Ortsvereins, bis in die 50er Jahre trugen die Korber Löwen dort ihre Ringwettkämpfe aus und bei den nachmittäglichen Tanzveranstaltungen fand sicherlich mehr als ein Paar die große Liebe. Eine Geschichtensammlung.

Der Korber Seeplatz – wo heute nur noch ein kleiner Tümpel ist, war früher ein großer See. Unweit dessen Ufers stand schon damals das Gasthaus zum Löwen. Viele Korber verbinden noch heute große Erinnerungen mit dem ehemaligen Gasthof, der Ende vergangenen Jahres abgerissen wurde. So beispielsweise Jürgen Klotz, der Vorsitzende des SPD-Ortsvereins.

Die Korber SPD versammelte sich im Löwen

Denn die Geschichte des Gasthauses Löwen, berichtet Klotz, sei eng verknüpft mit der Geschichte der örtlichen Sozialdemokratie: War in den 1890er Jahren der Schneidermeister Joseph Schmid der einzige Wähler gewesen, der den Sozialdemokraten in Korb seine Stimme gegeben hatte, entstand nach der Jahrhundertwende zunächst ein Arbeiterverein, der nach dem Ersten Weltkrieg offiziell als SPD firmierte. Das Vereinslokal war der Löwen: Öffentliche Versammlungen wurden im Löwensaal abgehalten, häufig waren Reichstagsabgeordnete als Referenten geladen. Insbesondere während des großen Aufschwungs der örtlichen SPD in den 20er Jahren war der Löwensaal nahezu vollständig besetzt.

Ein jähes Ende fanden die Veranstaltungen im Löwen und vorläufig auch die Korber SPD nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933. Die beiden verbliebenen SPD-Gemeinderatsmitglieder, Karl Kunze und Ernst Klink, wurden abgesetzt, der Ortsverein verboten, Bücherei und Kasse wurden beschlagnahmt. Die Ersparnisse wurden geplündert, die Bücher öffentlich auf dem Seeplatz verbrannt. Das geht aus einem Zeitzeugenbericht hervor, den der ehemalige SPD-Gemeinderat Kunze im Jahr 1974 anlässlich des 75-jährigen Jubiläums der Korber Sozialdemokraten verfasst hat. Doch im Löwen wurde nicht nur Politik gemacht – Elisabeth Klotz, Jürgen Klotz’ Mutter, hat vor allem romantische Erinnerungen an das alte Gasthaus. „Das war immer so schön da“, schwärmt die 73-Jährige. Sie sei damals regelmäßig mit ihrer ganzen Clique von Hegnach nach Korb gekommen, um samstags und sonntagnachmittags im Löwen zu tanzen.

Sonntags im Gasthaus zum Löwen: Tanztee mit großer Liebe

„So war das damals, es gab nicht viel, da haben wir uns gegenseitig in Korb und Hegnach besucht“, berichtet sie. An einem dieser Tanznachmittage lernte sie ihren späteren Mann kennen, da war sie 17 Jahre alt. Drei Jahre später heiratete das Paar – allerdings im Gasthaus Hahnen, der Löwen war damals bereits ein Tapeten- und Farbengeschäft (siehe Infobox). Dass der ehemalige Gasthof nun abgerissen wurde, findet Elisabeth Klotz „jammerschade“. Ihr seien schier die Tränen gekommen, als sie davon gehört habe: „Da hängen so viele Erinnerungen dran“, sagt sie.

Der Löwensaal war aber nicht nur Schauplatz politischer Diskussionen und romantischer Tanzveranstaltungen, regelmäßig ging es dort auch sportlich zu: In den 50er Jahren trugen die Korber Ringer dort ihre Wettkämpfe aus. Ihren Namen haben die „Löwen“, wie die Ringer auch genannt werden, aber nicht des Austragungsorts der Ringkämpfe, sondern ihrer 1930 eingeweihten Vereinsfahne wegen. Auf der war neben dem Wappen des Deutschen Athletiksportverbandes auch der Kampf Daniels mit einem Löwen zu sehen.

„Trainiert haben wir im Gasthaus Hirsch“, entsinnt sich Fritz Synek. Der heute 81-Jährige ist 1945 aus der damaligen Tschechei nach Korb gekommen und hat 1948 als einer der Ersten nach dem Krieg wieder mit dem Ringen angefangen. Mit 15 Jahren rang er bereits für die erste Mannschaft, erst mit knapp 40 zog er sich aus dem aktiven Ringsport zurück.

Die „Löwen“ kämpften im Löwen –Ringer trugen Wettkämpfe aus

„Wir mussten damals vor jedem Wettkampf unsere fünf mal fünf Meter große Ringmatte vom Hirsch in den Löwen tragen“, erzählt Synek. Das Schlimmste aber sei es gewesen, die Matte nach dem Kampf auch wieder zurückzubringen – besonders im Winter. Gerade bei den Lokalturnieren mit Rommelshausen, Waiblingen oder Winterbach sei es nämlich immer hoch hergegangen. „Da ging es rund“, erinnert sich Synek. „Die Zuschauer standen nur einen halben Meter von der Matte weg, die Empore war gedrängt voll und nicht selten kam es zu Handgreiflichkeiten.“ Dann etwa, wenn sich ein Zuschauer einmischte, und einen der Ringer von der Matte zog – da kam niemand ohne blaue Flecken davon.

Nach einigen Jahren schließlich zogen die Ringer des SC Korb in die Urbanhalle um. „Dort waren die Trainingsbedingungen besser“, sagt Synek und fügt hinzu: „Außerdem gab es Duschen.“ Die hatten im Gasthaus zum Löwen nämlich gefehlt – dort hatten die Ringer sich nach dem Kampf im Badezuber vor der Tür waschen müssen. „Was haben wir uns von den Gastringern anhören müssen, vor allem von den Städtern“, entsinnt sich der ehemalige Ringer. Von einem „Bauernverein“ sei da die Rede gewesen, nicht selten seien die Gäste gleich nach dem Kampf heimgefahren: „Ihr habt ja nicht mal eine Dusche!“ Doch trotz aller Unbequemlichkeiten denkt Synek gerne an die Zeit zurück. „Das war schon eine tolle Zeit“, schwärmt er.

Die Jahre vergehen

Das Gasthaus zum Löwen ist schon auf Postkarten aus den 1890er Jahren zu sehen – es muss also damals bereits existiert haben. 1912 wurde das eingeschossige Gebäude aufgestockt, 1919 erhielt es sein endgültiges Aussehen.

Bis in die 1960er Jahre blieb es ein Gasthof, danach zog ein Tapeten- und Farbengeschäft ein. Zu Tapeten und Farben gesellte sich Kleidung und aus dem Heimwerkermarkt wurde Lisas Modetreff. Im Eckgebäude befand sich in den 70er Jahren das Brotkörble, eine Bäckerei. Bis zuletzt hatte dort die Korber Computerhilfe ihren Sitz.