Korb

Hans Karl Zeisel auf der Frankfurter Buchmesse

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Er greift zu gern selbst zu seinen Bauhaus-Bauklötzen: Hans Karl Zeisel in seinem Grafiker-Atelier in Korb_0
Er greift zu gern selbst zu seinen Bauhaus-Bauklötzen: Hans Karl Zeisel in seinem Grafiker-Atelier in Korb © Büttner / ZVW
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Ticki Tack hilft Kindern, die Uhr zu lernen. © Büttner / ZVW

Korb. Der Mensch ist nur dann ganz bei sich, wenn er spielt. Und dabei, kleine Ergänzung, durchs Hintertürchen zu Erkenntnissen kommt. Der in Korb lebende Grafiker und freie Künstler Hans Karl Zeisel ist jetzt auf der Frankfurter Buchmesse mit gleich zwei Erfindungen vertreten. Einmal als Finder abstrakter Formen, dann als Freund der Kinder, der ihnen die Uhr erklärt.

Heureka, ich hab’s gefunden, gar erfunden. So erfüllt von sich selbst könnte der 67-Jährige sich breit in den Sessel setzen. Im Verlauf des Besuchs führt er auch Name für Name an von Menschen, die in der freien wie in der angewandten Kunst was gelten.

Hans Karl Zeisel bleibt auf dem Teppich

Sie bescheinigten ihm, dass er was Neues kreiert hat. Aber der Mensch selbst, Hans Karl Zeisel, bleibt auf dem Teppich, wobei er auch einen solchen schon designt hat. Er lässt den Zweifel zu, befragt sich immer wieder selbst.

Ist heute noch baff, dass das funktioniert. Einfach vier Quadrate nehmen, die in den Primärfarben Rot, Gelb, Grün und Blau streichen, also genau nach dem Mondrian'schen Setzkasten, und damit auf den Markt gehen. Aber es scheint zu funktionieren.

Tausende von Varianten sind möglich

Vom Fleck weg hat der renommierte Stuttgarter Kunstverlag Cantz sich die Erfindung zu eigen gemacht. Und daraus ein Spielset umgesetzt mit Handbuch, das anstiftet zum Ausprobieren. „Hundred and more“, ja gar Tausende von Varianten sind möglich. Einfach, indem man die vier Rechtecke in Beziehung setzt, legt, stellt, äquilibristisch gar in ein Gleichgewicht bringt.

Etwas für Spielernaturen. Für Menschen auch, die ihre innere Mitte tätig suchen. Kreative, Werber, spielen in ihren Pausen gerne Billard. Vielleicht nehmen sie eines Tages mal Zeisels Kunst-Design-Buch mit den vier großen Bauklötzen in die Hand. Wird einen auf andere Gedanken bringen.

Beißen die Kunden an?

So wie der Meister selbst nicht einfach motorisch untätig sein kann, wenn er die vier Teile vor sich liegen hat. „Sie stört es nicht, wenn ich spiele“, fragt er dann mit einem halben Ausrufezeichen hintendran. Nö, man weiß bald: Man hat noch mehr von ihm, vom Auskunftsgeber Zeisel, wenn man ihn lässt.

Ja, er weiß selbst, dass es erklärungsbedürftig ist, wenn er in einem Alter, in dem andere im Ruhestand sind, mit dieser Idee rauskommt. Aber da war immer der Zwang, mit seinem Werbebüro das tägliche Geld verdienen zu müssen. Dann ist der Sohn schwer krank geworden.

Der Vater gab sich Aufschub. Jetzt aber feuert er mit Nachbrenner. Kann’s nicht erwarten, am Freitag auf der Frankfurter Buchmesse vor Ort zu erfahren von den Cantz-Leuten, ob die Kunden angebissen haben. Sie sein Set in die Museumsshops legen wollen, etwa.

Odyssee durch Generationen von Herstellern

Eine andere Befassung hat ihn freilich all die Jahre auch sehr beschäftigt. Und auch da steht ein Durchbruch bevor. Vor vielen Jahren haben die Zeisels, der Sohn damals, die Tochter heute, den verwegenen Gedanken gehegt und gepflegt, zu den vielen schon vorhandenen Büchern über das Uhr-Lernen ein eigenes zu gesellen.

Entstanden ist dabei auch Ticki Tack, der grüne Wecker mit dem Micky-Maus-Gesicht. Heute, nach einer Odyssee durch Generationen von Herstellern, produzieren ihn die Chinesen. Zeisel hat sich die ganze Literatur über das Uhren-Lesen angeschaut.

„Die Uhr zum Buch, das Buch zur Uhr“

Sich gesagt, dass das nicht so recht dem Kind gerecht wird. Man weiß ja auch, dass sich selbst noch Zweitklässler schwertun mit der Uhrzeit. Also ist jetzt, endlich, ein Buch entstanden als Multi-Media-Einheit. Ein Hersteller elektronischer, didaktischer Hilfsmittel hat ihm einen Stift entwickelt. Mutter und Vater sind nun mal nicht immer um den Weg.

Also kann sich das Kind die Bildergeschichten zum Tagesablauf anschauen, den Stift nehmen, und schon spricht eine Stimme aus dem Stift - und sagt, was die Stunde geschlagen hat und was noch gesucht werden kann. Ohne dass die Kinder lesen können müssen.

Der Kinderbuchverlag Oberste Brink ist eingestiegen. Kindergärten sind eine Zielgruppe. Als Werber, der er ist, der gelernte Schriftsetzer, hat er denn auch einen Spruch zu seinem Paket: „Die Uhr zum Buch, das Buch zur Uhr“. Und die Zeisels besitzen die U(h)rheberrechte.

Im Grafiker schlummert auch der Pädagoge

Bei diesem Projekt spricht der Pädagoge aus ihm. Ihn ganz in seinem Element zu erleben heißt, sich die Geschichte anzuhören, wie er mit seiner konkreten Kunst auf den Markt ging. Wohlwissend, dass er sich am Höchsten versucht, was der deutsche Designer anstreben kann: in irgendeiner Weise (mit Bauklötzen) anzubauen an das Bauhaus in Weimar, Dessau und Berlin.

Oder eine neue Form zu finden, die über den rechten Winkel und den totalen Minimalismus hinausweist und das Organische, das Gewachsene, zulässt. Mit Rundungen. Mit Anmutungen, die den Menschen sofort denken lassen an Formen und Figuren unserer sichtbaren Welt.

Doch ein Gesicht? Eine Frucht, die gerade erblüht? Dabei hat Zeisel einfach einen Kreis genommen, ein Dreieck und ein Quadrat, und alles so lange in Ergänzung und Überdeckung gebracht, bis er auf mehr als tausend Varianten kommt. Jeder eingeladen ist, mit dem Zeisel'schen Baukasten sein Repertoire, seine Grammatik, zu bauen.

Kontakte nach Ungarn

Er wollte es wirklich wissen. Ist er jetzt der Erste und Einzige damit? Also ging er zu Pontius und Pilatus mit der Mappe unter dem Arm. Prof. Eugen Gomringer, ein Papst unter den Zeichensetzern, beschied ihm schriftlich: „Es ist tatsächlich so, dass Zeisel diesen dritten Weg gefunden hat. Man denkt weder an Bill noch an Stankowski.“

Der solchermaßen Geehrte ist nach Köln gefahren bangen Herzens zum Ex-Stuttgarter Galeristen und Atlantis-Projektgründer Müller. Der schaute sich die Mappe mit strenger Miene an und erklärte dann, er komme zum Meister selbst, nach Korb.

Zeisel hat den vormaligen Waiblinger Museumsmann Helmut Herbst aufgesucht - auch da entstand eine Freundschaft. Und er hat seine Kontakte nach Ungarn genutzt. Die Familie stammt aus Budapest, ehemalige Sudetendeutsche, der Vetter ist der Stuttgarter Volksbankchef Hans Rudolf Zeisl.

Fotos zeigen Zeisel bei Ausstellungen in Pecs, wie auch bei der Ungarn-Gesellschaft in Stuttgart. Er hat spät Eingang in eine Welt gefunden, die man einfach so, rein spielerisch, sich nicht auftun kann. Dazu gehört das Streben. Und die Gewissheit, einen kleinen Baustein geleistet zu haben für eine verbesserte Ästhetik dieser Welt. Und Pädagogik.


Zeisels Werdegang

Hans Karl Zeisel hat erst eine Schriftsetzerlehre gemacht, lernte dann bei der Johannes-Gutenberg-Schule Layout und arbeitet bei Klett und im Druckhaus Waiblingen.