Korb

Zeugin erinnert sich nicht

Polizeiposten
Symbolfoto. © ZVW/Gabriel Habermann

Waiblingen/Korb. Unerlaubtes Führen einer Schreckschusspistole, Nötigung, ein zerrissenes Schlafanzugoberteil. Eine Geschädigte, die sich laut Angeklagtem selbst mit einem Messer verletzt haben soll, sich vor Gericht aber an nichts mehr erinnern will. Die gegenseitig aufgezeichneten Telefonate des Paares. Was klingt wie aus einer Gerichtsshow im TV, wurde nun vor dem Amtsgericht Waiblingen verhandelt.

Er soll seine damalige Ex-Freundin in ihrer Winnender Wohnung mit einer Schreckschusswaffe bedroht und gesagt haben: „Jetzt gehörst du mir.“ Und: „Ich mache dich und mich tot.“ Er soll ihr Schlafanzugoberteil zerrissen, sie gegen ihren Willen auf den Hals geküsst und erst von ihr abgelassen haben, als die Frau sich auf den Balkon flüchten und um Hilfe rufen konnte. So steht es im Strafbefehl gegen einen 61-jährigen Türken, der sich wegen Nötigung und unerlaubten Führens einer Schusswaffe vor dem Waiblinger Amtsgericht verantworten musste. Der in Korb lebende Angeklagte ist arbeitslos, lebt von Krankengeld.

Angeklagter: Es war ganz anders

Vor Gericht sagt er, was im Strafbefehl stehe, sei falsch. Es habe sich alles ganz anders abgespielt. Bereits am Vormittag habe ihn seine damalige, ebenfalls türkischstämmige, Ex-Freundin aus der Wohnung werfen wollen. Die Wohnung hätten sie damals zwar in getrennten Schlafzimmern, aber immer noch gemeinsam bewohnt. Damalige Ex-Freundin deshalb, weil sie nach dem Vorfall nochmals zusammengekommen seien und – zumindest aus Sicht des Angeklagten – auch bis heute noch ein Paar seien. Als er nicht gegangen sei, habe sie eine Nachttischlampe nach ihm geworfen und ihn dadurch an Stirn und Brust verletzt. Daraufhin habe er die Wohnung verlassen, um Anzeige bei der Polizei zu erstatten.

Erst am Nachmittag sei er in die Wohnung zurückgekehrt – um sein Mobiltelefon aufzuladen und sich Kaffee zu kochen. Da habe die Geschädigte ihn mit einem Küchenmesser bedroht und sich, als er sich unbeeindruckt gezeigt habe, schließlich selbst damit verletzt. Vorher habe sie eigenhändig ihr Shirt zerrissen. Dann sei sie auf den Balkon gerannt und habe geschrien, man wolle sie vergewaltigen. Auch diesen Vorfall habe er, der Angeklagte, der Polizei gemeldet.

Dass er beide Anzeigen gegen seine (Ex-) Partnerin zurückgezogen hat, erklärt der 62-Jährige so: Etwa einen Monat nach dem Vorfall hätten sie sich erneut getroffen, seien wieder zusammengekommen und hätten eine Art Deal geschlossen. Beide wollten demnach ihre Anzeigen gegen den jeweils anderen zurückziehen. Im August vergangenen Jahres dann hätten sie sogar wieder einen gemeinsamen Urlaub in der Türkei verbracht. Um seine Schilderung glaubhaft zu machen, verliest der Angeklagte mit Hilfe eines Dolmetschers ein aufgezeichnetes Telefongespräch. Telefonate aufzuzeichnen scheint bei dem Paar zum guten Ton gehört zu haben: Auch die Geschädigte soll Gespräche mitgeschnitten haben.

Geschädigte hat Gedächtnislücke

Als die jedoch vor Gericht aussagen soll, will sie sich plötzlich an nichts mehr erinnern. Keine Nachttischlampe, keine Schreckschusswaffe, keine Nötigung. Sie und der Angeklagte seien beide – damals wie heute – wegen Depressionen in Behandlung, so die 47-Jährige. „Ich kann nur sagen, dass es sehr heftig zwischen uns zugegangen ist damals.“ Mehr wisse sie nicht. Die Staatsanwältin reagiert gereizt: „Ich glaube Ihnen kein Wort, Sie wollen sich nur nicht erinnern.“ Entweder die Geschädigte mache gerade eine Falschaussage oder habe damals eine Straftat vorgetäuscht. Beides sei strafbar, sie müsse nun selbst mit einer Strafverfolgung rechnen.

Ohne Zeugenaussage kein Urteil

Am Ende wird das Verfahren auf Vorschlag von Richterin Bidell mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft und des Angeklagten nach Paragraf 153 StPO eingestellt. Ohne Zeugenaussage ließe sich weder der Tatbestand der Nötigung noch der des unerlaubten Führens einer Schusswaffe eindeutig feststellen, so die Richterin zur Begründung. Der unerlaubte Besitz einer Waffe (siehe Infobox) müsse in einem gesonderten Verfahren verhandelt werden.

Waffe legal gekauft

Die Schreckschusspistole habe er vor etwa zehn Jahren ganz legal erworben, sagt der Angeklagte. Damals habe er eine Dönerbude und einen kleinen Supermarkt betrieben. Mehrmals sei er beim Einkaufen überfallen worden, Banden hätten zudem versucht, Schutzgeld von ihm zu erpressen. Um sich zu schützen, habe er damals die Waffe gekauft – ganz legal und mit Waffenschein.

Weil er mit seinem Geschäft im Jahr 2008 schuldhaft in Konkurs gegangen sei, habe er den Waffenschein 2010 abgeben müssen. Die Waffe habe er behalten, sie habe seitdem immer in seinem Auto gelegen – auch während des Vorfalls, der nun verhandelt wurde.