Leutenbach

Alten Mann ausgenommen

Justitia am Marktplatz Waiblingen gericht urteil verhandlung symbol symbolbild symbolfoto
Symbolfoto. © Joachim Mogck

Leutenbach/Waiblingen. Die 54-Jährige aus Leutenbach hat einen 89-jährigen Mann, den sie auf der Winnender Marktstraße kennengelernt hatte, über fast anderthalb Jahre ausgenommen. Weil sie ihm nach Überzeugung des Gerichts versprach, das Geld zurückzuzahlen, das aber nie vorgehabt habe, ist sie wegen Betrugs verurteilt worden, zu einer Haftstrafe von einem Jahr und sechs Monaten, die auf Bewährung ausgesetzt wird.

Der Mann und die Frau waren sich im Laufe ihrer zunächst flüchtigen Bekanntschaft nähergekommen. Nach gemeinsamen Kaffeetrinken anfangs besuchte er sie mehrmals in der Woche in ihrer Wohnung in Leutenbach. Die Frau, die seit 1982 in Deutschland lebt, zweimal geschieden und zweifache Mutter ist, die von Hartz IV lebt und der der Staat die Wohnung bezahlt, klagte bei ihren Treffen über Geldsorgen, dass sie Schulden habe, und brachte so den treuherzigen, wohl auch etwas naiven Mann im Lauf dieser etwas seltsamen „Liebesgeschichte“ dazu, ihr immer wieder Geld zu geben. Auch wenn vor Gericht nicht ganz sicher geklärt werden konnte, wie oft und in welcher Höhe das jeweils geschah, dürften nach Einschätzung des Gerichts schließlich mindestens rund 30 000 Euro zusammengekommen sein.

Die Voraussetzung für die finanzielle Hilfe sei aber gewesen, versicherte der Mann vor Gericht als Zeuge, dass die Frau ihm versprochen habe, das Geld zurückzuzahlen, sobald sie ein Haus in ihrer kroatischen Heimat verkauft habe. Als die Richterin anzweifelte, ob es dieses Haus im Besitz der Angeklagten überhaupt gibt, beteuerte diese mehrfach dessen Existenz, räumte aber zugleich ein, dass es „nichts wert ist“, und damit indirekt, dass es also gar nicht möglich war und ist, es zu verkaufen.

Die Angeklagte bestritt allerdings, dass es eine Rückzahlungsvereinbarung gegeben hatte. Dies nahm ihr das Gericht angesichts der Glaubwürdigkeit der Aussage des Opfers allerdings nicht ab. Auch nicht, weil die Frau in einem anderen, ähnlich gelagerten Fall schon mal „auffällig“ geworden war.

Die Sache wäre wohl so weitergelaufen und damit möglicherweise erst aufgeflogen, wenn der Mann (und seine Ehefrau) ruiniert gewesen wären, wenn nicht die Bank, bei der das Geld abgehoben worden war, irgendwann misstrauisch geworden wäre und die Tochter benachrichtigt hätte. Als die sich die Abbuchungsbestätigungen und Kontoauszüge näher anschaute, traute sie ihren Augen nicht. „Weil so viel Geld brauchen und verbrauchen meine Eltern niemals“, berichtete sie vor Gericht als Zeugin. Als ihr Vater schweren Herzens seine Affäre beichtete, gab’s für ihn daheim erst mal so richtig Theater. Die Tochter zeigte außerdem die Frau, der ihr Vater auf den Leim gegangen war, an. Ihr Vater hätte das von sich aus nie gemacht: „Der glaubt bis heute noch, dass sie eine ehrliche Frau ist. Mein Vater war da in so einer Art Spirale, aus der er einfach nicht mehr herauskam.“

Als die Richterin die Angeklagte zu ihrem Motiv und ihrem Lebenswandel fragte, war deren unverhüllte Antwort: „Ich steh’ halt auf ältere Männer.“ Wie viel sie insgesamt von dem Mann bekommen habe, wisse sie aber selbst nicht mehr. Es seien jedoch deutlich kleinere Beträge gewesen, im 100-, 200-Euro-Bereich, als ihr von der Anklage – dort war die Rede von mehrmals mehreren 1000 Euro – vorgeworfen werde.

Kurios, aber auch bezeichnend, mutet an, dass die Angeklagte und der Mann sich auch nachdem die Geschichte aufgeflogen war, und damit nach der Anzeige, ab und an, und das bis heute, wieder getroffen haben. Davon, dass er das Geld eines Tages zurückbekommt, kann aber keine Rede sein. Die Frau hat nichts, und bei ihr ist auch nichts zu holen.

Richterin: Besonders verwerflich

Richterin Christel Dotzauer redete der Angeklagten bei der Urteilsbegründung eindringlich ins Gewissen. Sie habe die Strafe wirklich verdient. Was sie getan habe, sei besonders verwerflich, weil sie von Anfang an mit Vorsatz gehandelt und das Geld einem alten Mann „rausgeleiert“ habe. „Sie sind doch noch jung genug, um die Beine hochzukriegen, ihr Leben umzukrempeln. Bemühen Sie sich, wieder eine Arbeit zu bekommen, dann müssen Sie auch nicht mehr alte Männer auf der Straße anmachen. Das ist doch schäbig.“

Vielleicht hilft der Frau, in ihrem Leben das Ruder herumzureißen, dass sie außerdem dazu verurteilt wurde, 100 Arbeitsstunden in einer gemeinnützigen Einrichtung zu leisten.