Leutenbach

Der Bausatz-Flitzer: "Bonito"-Treffen in Leutenbach

Bonito
Markus Riedl (l.) und Daniel Layer vor dessen „Bonito“ zum Fotoshooting auf der Brücke über die B 14. © ALEXANDRA PALMIZI

Von Fronleichnam bis Sonntag wird Passanten im Raum Winnenden immer mal wieder ein Konvoi auffallen, eine Ansammlung von „Bonitos“, die der Leutenbacher Markus Riedl hergelockt hat, zum Jahrestreffen der Liebhaber (und Fahrer) dieser speziellen Art von Sportflitzern, die auch schon mal mit Corvettes oder Ferraris verwechselt werden. Es sind aber keine Rennwagen, auch wenn Riedls eigenes Exemplar die Startnummer 67 trägt, in „british racinggreen“ lackiert ist, „Recaro“-Aufkleber trägt, Rennsitze eingebaut sind. Der Pilot ist derzeit etwas malad, ja fast „außer Gefecht“, Probleme mit der Schulter, das kleine Lenkrad und natürlich keine Servolenkung.

Aber das lenkt nur ab, die volle Aufmerksamkeit gebührt doch seinem Fiberbab Bonito Typ A, die Karosserie ist aus GFK, ein Verbund aus Glasfasern und Kunststoff, die diese umgibt, vereinfacht gesagt „aus einem Guss“, hergestellt in Handarbeit im Spritzverfahren. Der Wagen hat zwar nur 100 PS, wiegt aber weit weniger als eine Tonne, das Fahrgefühl auf kurvigen, hügeligen Strecken ist also durchaus das eines Sportwagens. Riedl selbst kann immer noch darüber schwärmen: „Man sitzt wie zwischen den Kotflügeln.“ Wenn es einem erst mal gelungen ist, sich rein- und hinters Lenkrad zu quetschen, ohne sich dabei die Beine zu brechen. Viel größer als 1,80 m sollte man besser nicht sein. „Rein kommt man dann vielleicht noch, aber nicht mehr raus“, warnt Riedl schmunzelnd.

Firma, die die Bausätze herstellte, in Geradstetten gegründet

Fiberbab hieß die Firma, die Mitte der 60er Jahre die ersten Bausätze herstellte, gegründet von Jörgfrieder Kuhnle in Geradstetten. Diese wurden auf dem Chassis des VW-Käfers montiert, also etwas für Tüftler, Bastler und Liebhaber. Der erste, Name „Aztec“, wurde beim Genfer Automobilsalon präsentiert. Ihm folgte der „Bonanza“ und schließlich der „Bonito“, ein Sportcoupé, mit flacher, langgestreckter Front und kantigem Abrissheck. Nach zehn Jahren und rund 1000 etwa 4500 Mark teuren Bausätzen endete die Fertigung, es blieb also bei einer Kleinserie. Die Firma selbst gibt es noch, ihr Sitz ist in Ilsfeld, sie stellt längst anderes her.

Ende der 90er Jahre schlossen sich drei Fans, darunter Riedl, zur „Interessengemeinschaft Bonito & Kit Car“ zusammen, organisieren seither regelmäßig Treffen, ein-, zweimal im Jahr, zu denen Besitzer und Fahrer der stetig geringer werdenden Anzahl von Bonitos aus ganz Deutschland anreisen. 2014 war der Verein zum Beispiel auf dem Nürburgring.

Ideal für die Landstraße, zum Cruisen, je nach Motor aber auch sportlich

„Der Bonito ist für die Landstraße ideal, zum Cruisen. Mit entsprechender Motorisierung, das entscheidet ja jeder selbst, kann man aber auch ziemlich sportlich fahren“, so Riedl, gelernter Autosattler, früher bei Porsche, zwischendurch selbstständig mit eigener Firma für Motorrad-Sitzbänke, mittlerweile als Sattlermeister bei Benz in Winnenden arbeitend. Wie schnell kann er denn mit seinem fahren? Der 54-Jährige schmunzelt: „Die Leistung steht im Fahrzeugschein.“ Außerdem könne man das in einem Spielkartenquartett nachlesen. Die Bonitos seien schließlich Unikate, jeder anders motorisiert und heute bekäme man die ohnehin nicht mehr zugelassen, bei den Abgas-Anforderungen bleibe nur die Erkenntnis „vergiss es“, das ist auch der Grund, warum die Zahl der Exemplare, die noch fahrtüchtig sind, stetig abnimmt. Die Fahrleistung hänge auch vom Gewicht ab, das ebenfalls stark schwanke, vor allem je nach Kühlungsart des Wagens, also ob mit Luft oder mit Wasser.

Er hat rund 20 Kästen mit Unterlagen angesammelt, „alles, was Ebay hergibt“. Sein Bonito ist Baujahr 1969, „aber Vorsicht, das kann auch 1945 sein, eben weil das Chassis ein Käfer ist“. Es seien halt „70er-Jahre-Kisten“. Sein eigenes erstes Auto war ein 1200er-Käfer. Dem trauert er immer noch nach: „Den sollte ich noch haben, der war wunderschön.“ Er musste sich chauffieren lassen, mit 16 konnte man noch keinen Pkw-Führerschein haben.

Wie werden die „Bonitos“ heute gehandelt? Wieder so eine Frage, die alles über einen Kamm scheren will. Noch mal, zum Mitschreiben: Es sind doch alles Unikate. Aber okay, er weiß von einem, einem der schönsten überhaupt, der demnächst tatsächlich den Besitzer wechseln wird, für etwa 30 000 Euro. Wie viele es noch gibt? Auch das sei genauso ungewiss, schwer zu sagen, ebenso, wie viele noch zugelassen sind. Etliche auf jeden Fall noch in den Niederlanden. Riedl kennt einige Schauspieler, die einen haben, zum Beispiel Franz Dinda (Fernsehserie „Das Boot“), ist doch klar, dass er von dem eine Autogrammkarte hat, „Bonito“-Kameraden unter sich.

Wie viele Wagen/Fahrer werden denn kommen, wie groß wird der Konvoi sein? Ganz genau weiß er das vorher nicht, aber so zwischen zehn bis 15, mehr wären als privates Treffen eh nicht zulässig. Der Weiteste kommt von Hannover, mit zwei Wagen auf dem Hänger, im Testarossa-Look. Auch ein „Aztec“ mit hydraulischem Dach und ohne Türen ist angekündigt. Für die gemeinsamen Ausfahrten sind extra Funkgeräte angeschafft worden.

Zwischen den Kotflügeln, 20 Zentimeter überm Asphalt

Weil Riedl beim Pressetermin, wie gesagt, „schwächelt“, seinen Wagen nicht zum Fotoshooting fahren kann, rückt Kumpel Daniel Layer vom Erbachhof mit seinem ferrariroten „Bonito“ an, gelernter Kfz-Mechaniker und studierter Fahrzeugtechniker. Auch als deutlich Jüngerer, mit 37, ist er fasziniert von der Technik des Wagens, vom Fahrgefühl. „20 Zentimeter überm Asphalt, das ist wie beim Porsche 904, bloß mit dem Unterschied, dass man sich den als Normalsterblicher gar nicht leisten kann.“ Die Bonitos sähen eben teurer aus, als sie in Wirklichkeit gewesen seien. Die erste Frage sei immer, wie viele PS denn seiner habe. „Also, 160 bin ich mit dem schon mal gefahren.“ Es ist kein Auto zum Rasen oder zum Protzen. Posen damit geht aber wohl.

Aber eigentlich interessiere dieser Typ Wagen die Jungen von heute nicht, meint Riedl, deswegen gebe es kaum Nachwuchs im Verein, mal abgesehen von der Frage, wie der überhaupt an so einen Wagen kommen würde. Den Corvette- oder gar Ferrari-Irrtum, auch wenn es ja ein „Upgrade“ wäre, hört er nicht so gerne: „Also einigen wir uns lieber auf den GT Ford 40, in die Richtung geht er.“ In Layers Exemplar steht vorne im „Kofferraum“ ein Werkzeugkasten. Lange wurde Jaguars nachgesagt, dass man besser nicht ohne einen solchen losfahren sollte. Braucht man beim „Bonito“ denn auch einen? „Nicht unbedingt, aber er beruhigt.“ Die Bauart, das verbaute Material macht jeden Unfall zum Problemfall. Es zersplittert bei Kollisionen. Er hatte mal eine, 2004, nach der hätte er den Wagen eigentlich „wegschießen“ müssen, hat er aber nicht, hing und hängt zu sehr dran, er ließ das Heck komplett neu laminieren. Außerdem kann der Kunststoff auch durchs bloße Altern Risse bekommen.

Bei weitem nicht das einzige „Plastikauto“

Nicht nur der „Bonito“ ist übrigens aus GFK. Porsche 904 GTS, Renault Alpine, Corvette C 3 und auch der Smart seien ja „Plastikautos“, weiß Riedl. Sowohl bei Layer als auch bei ihm ist der Flitzer denn auch nicht das „Alltagsauto“ (Opel Astra beim einen, Fiat Punto beim andern). Der „Bonito“ ist Hobby, Leidenschaft. Schönes Wetter sollte sein, aber auch nicht zu warm und möglichst auch nicht heftig regnen. Der Scheibenwischer kennt nur ein Tempo. Klimaanlage? Fehlanzeige. Bei Layer kam er bei der Hochzeit zum Einsatz, da war es heiß. Wobei, es gibt welche, die haben schon E-Antrieb, sind also umgerüstet worden, kein billiges Vergnügen, sondern 40- bis 50 000 Euro teuer, laut Riedl. Aber auch unabhängig davon: „Wer will das denn? So ein Wagen muss doch stinken und krachen.“ So mancher Hardcore-Fan hat den Wagen auch noch am eigenen Leib tätowiert.

Aber jetzt endgültig zum Treffen. Den Club, Verein selbst gibt es so nicht mehr, Riedl spricht von Internetforum. Die Teilnehmer hat er aber selbst angeschrieben oder angerufen. Man kennt sich. An Fronleichnam ist nachmittags nach der Anreise Einchecken im Landhaus Heubach in Birkmannsweiler, abends geht es in den Biergarten Lamm in Weiler zum Stein (beim Regen ins Brauhaus dort), am Tag darauf mittags nach Rudersberg, zu NR Classic Cars (US-V8-Oldtimer) und anschließend zum „7 Eichen“-Biergarten auf dem Lemberg bei Affalterbach (bei schlechtem Wetter in die „Piccolo Mondo“-Pizzeria in Birkmannsweiler), abends zum Grillen bei Riedl (die Nachbarn in der Rotenbühlstraße können es sicher kaum erwarten). Am Samstag steht mittags das Bauern- und Technikmuseum in Eschach auf dem Programm, nachmittags Einkehr im „Göckele“ in Rettersburg (bei schlechtem Wetter in der „Bamboo Lounge“ in Winnenden), am Sonntag das Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart.

Weitere Infos: Mail an unikat.markus.riedl@web.de. Also, wer mal eine „Bonito-Herde“ schauen will ...

Von Fronleichnam bis Sonntag wird Passanten im Raum Winnenden immer mal wieder ein Konvoi auffallen, eine Ansammlung von „Bonitos“, die der Leutenbacher Markus Riedl hergelockt hat, zum Jahrestreffen der Liebhaber (und Fahrer) dieser speziellen Art von Sportflitzern, die auch schon mal mit Corvettes oder Ferraris verwechselt werden. Es sind aber keine Rennwagen, auch wenn Riedls eigenes Exemplar die Startnummer 67 trägt, in „british racinggreen“ lackiert ist, „Recaro“-Aufkleber trägt,

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