Leutenbach

Die lange Corona-Pause hat sich vor allem beim Nachwuchs des Akkordeonorchesters ausgewirkt

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Damit die verbliebenen Jugendlichen gemeinsam üben können, kommen Mitglieder des Aktiven-Orchesters extra früher, vor ihrer eigenen Probe. © Ralph Steinemann Pressefoto

Auch das Akkordeonorchester hat Verluste durch Corona, dem langen Aussetzen wegen der Pandemie. Nur noch drei Jugendliche machen mit beim Üben. In der Glanzzeit waren es zwölf, so dass es sogar für ein eigenes Jugendorchester reichte.

Mit dem Beginn der Pandemie, ihrem Ankommen hierzulande, im März vergangenen Jahres kam der Probenbetrieb zum Erliegen, von Auftritten war erst recht keine Rede mehr. Ab Ende Juni ging es weiter, im Ausweichquartier Schwaikheimer Radsporthalle, weil mittlerweile die Generalsanierung der Rems-Murr-Halle begonnen hatte, damit der Musikraum dort nicht zur Verfügung stand. Nach den Sommerferien gab es noch vier Proben bis zum nächsten Lockdown, erinnern sich Monika Ruf, Mentorin für Akkordeon, und der Vorsitzende Torsten Tessmer. Erst nach den Pfingstferien in diesem Jahr konnten sie weitermachen, unter der Vorgabe geimpft oder getestet, um die älteren Mitspieler zu schützen. Bis dahin und in den Sommerferien heuer wurde in Kleingruppen, in der Musikersprache „in Stimmen“, geprobt.

Wirklicher Probenbetrieb, alle gemeinsam vor Ort, ist erst seit September wieder möglich gewesen, mit Maske, versteht sich. Mittlerweile waren sie in die Gemeinschaftsschule gewechselt, zunächst in den Musiksaal, dann ins Foyer davor, weil dort mehr Platz ist und mehr Abstand gehalten werden konnte. Alles ist nach wie vor provisorisch, die Noten zum Beispiel lagern in Kisten bei Monika Ruf daheim unterm Dach und im ehemaligen Schlecker-Laden.

Die Pandemie hat ihnen das Jubiläum bisher verhagelt

„Unser Jubiläumsjahr haben wir uns deutlich anders vorgestellt.“ Sie und Tessmer nehmen es mit Humor, auch wenn der bitter klingt. Das Akkordeonorchester wird heuer 50 Jahre alt. Das Jubiläum sollte das Jahre über verteilt gefeiert werden. Spärliche Realität geworden ist, bislang, die Festschrift. Demnächst sollte der Akkordeon-Tag hinzukommen, ebenfalls mit 2G. Die Verantwortlichen nahmen dabei in Kauf, dass das die Veranstaltung Besucher beziehungsweise Teilnehmer kosten könnte.

Mit ihr sollte vor allem die Jugend motiviert werden, wie vor fünf Jahren beim Neuaufbau des Schülerorchesters. Die Pandemie hat Spuren hinterlassen, Abgänge beim Nachwuchs. Monika Ruf und Tessmer können die Gründe, sowohl bei den Jugendlichen als auch bei deren Eltern, durchaus nachvollziehen. Die drei Verbliebenen üben nun mit Erwachsenen. Ein Mädchen sei bereit so weit, dass sie im Erwachsenenorchester mitproben kann. Bei ihr gehen sie davon aus, dass sie in den nächsten zwei Jahren dort komplett, auch bei Auftritten, mitwirken kann. Das ist die technische Seite der Medaille. Monika Ruf und Tessmer sehen auch die andere, und die macht ihnen Sorgen. Der Altersschnitt im Orchester mache es für das Mädchen schwierig, dort wirklich „anzudocken“. Die Fünftklässlerin steht dort sozusagen alleine auf weiter Flur. Die anderen beiden Jugendlichen sind erst in der dritten Klasse. Dass sich diese Vereinzelung ändert, auch das hatten sie vom Akkordeon-Tag erhofft.

Verein profitiert vom Leutenbacher Musikmodell

Der Verein hat derzeit etwas über 100 Mitglieder, darunter 24 Aktive. Es ist keineswegs so, dass das Akkordeon-Spielen von Eltern automatisch auf ihre Kinder übergeht. Für Nachwuchs sorgte eher das Leutenbacher Modell. Dort haben Grundschüler (und ihre Eltern) die Wahl, ein Jahr lang kostenlos Unterricht an einem Instrument zu bekommen, Klarinette, Trompete oder eben Akkordeon. Für Letztes haben sich 33 von ihnen entschieden. Wobei Tessmer und Monika Ruf sich den Hinweis erlauben, dass der Einstieg einfacher sei als bei den beiden Blasinstrumenten. Dieses Ausbildungsmodell, das heuer auch einen runden Geburtstag hat, seinen zehnten, sei etabliert. Früher startete es bei den Zweitklässlern, mittlerweile geht es in der dritten Klasse los. Die zwölf Jugendlichen, die ein Orchester bildeten, kamen alle von dort. Zwei der drei verbliebenen Jugendlichen sind ebenfalls welche, die nach dem Schnupper-Jahr weitergemacht habe.

Bei den Aktiven gibt es, Stand heute, keine „Verluste“, es blieben alle in der proben- und auftrittlosen Zeit bei der Stange. Der Neustart danach sei ein bisschen „ruckelig“ gewesen, berichtet Tessmer: „Das ist nicht so einfach, auf einmal wieder in großer Gruppe, mit vielen Stimmen, zu spielen. Das ging aber allen Orchestern wohl so.“ Die Dirigentin, Claudia Rehberg, habe gesagt, „ihr spielt zwar gemeinsam, aber nicht zusammen“, erinnert Monika Ruf. Manche hätten ein Jahr lang nicht „trainiert“, ergänzt Tessmer, „manche nur online geübt, andere haben zwischendrin ein anderes Instrument ausprobiert“. Monika Ruf betont die Bedeutung vor allem für die Jugendlichen, dass etwas „läuft“, dass es zusammen Erlebnisse gibt, Gemeinschaft erlebt werden kann, „das ging in letzter Zeit eben verloren“. Wegen Corona habe es auch keine Ausflüge gegeben, abgesehen davon, dass das Üben deutlich abgenommen habe, weil Interaktion fehlte, so Tessmer. „Da fehlt das Erfolgserlebnis, die Auftritte, der Applaus, das sind ja alles Bestätigungen für Musiker. Ständig alleine vor sich hin zu üben, das fällt Kindern auf Dauer schwer.“ So sollte die Veranstaltung am 20. November vor allem der Versuch sein, wieder Nachwuchs zu gewinnen. Mit Jugendtagen habe man dabei gute Erfahrungen in der Vergangenheit gemacht. Mit einem solchen sei es auch fürs Jugendorchester damals losgegangen, erinnert Monika Ruf.

Akkordeon-Tag ist abgesagt

Der Akkordeon-Tag hätte im evangelischen Gemeindezentrum mit einem „Tag der offenen Tür“, Infos sowie Schnuppern für Jung und Alt beginnen sollen. Danach hätten die Kinder und Jugendlichen dort musizieren können, egal, ob sie bereits musikalische Vorkenntnisse haben oder nicht. Zum Abschluss war ein kleines Konzert des Nachwuchses geplant, der zeigen sollte, was er an diesem Nachmittag gelernt hatte. Vorgesehen war, dass alle Vereinsmitglieder, die mitmachen, sich noch am Morgen testen, auch die Geimpften. Die teilnehmenden Schüler wären ja über die Tests an ihren Schulen „safe“ gewesen, so Monika Ruf. Die Impfquote im Orchester liege bei über 90 Prozent, genau gesagt seien von 24 Mitspielern zwei nicht geimpft, berichtet Tessmer. „Von den beiden fordern wir Tests und wir dokumentieren die. Die brauchen für Auftritte PCR-Tests.“ Dass die bereit sind, jeweils 90 Euro dafür zu zahlen, zeige, wie viel es ihnen wert sei, mitspielen zu dürfen.

Doch nun, vier Tage vorher, berichtet auf Nachfrage Claudia Lechner, Kassiererin und im Vorstand zudem fürs Musikmodell zuständig, dass man beschlossen hat, die Veranstaltung abzusagen. Man sei sich einig, dass angesichts der dramatischen Entwicklung die Durchführung nicht zu verantworten sei, vor allem nicht das vorgesehene Abschlusskonzert mit wohl über 60 Leuten inklusive Zuhörern. Man werde die Teilnehmer, die sich angemeldet hatten, anschreiben, versuchen, die Veranstaltung, wenn möglich bis dahin, zwischen Faschings- und Osterferien nachzuholen.

Dirigentin arrangiert Hits selbst fürs Akkordeon

Wie ist heutzutage der Stellenwert, das „Ranking“ des Akkordeons unter den Musikinstrumenten aus ihrer Sicht? Klar gelte das bei vielen noch immer als „die Stimme der Volksmusik“, räumt Monika Ruf ein. Aber mittlerweile sei das Repertoire so breit, dass viele sagen, sie erkennen gar nicht, dass das, was sie da im Radio hören, ein Akkordeon ist. Wieder fällt der Satz, dass sie mit ihrer Dirigentin ausgesprochenes Glück haben. Die kann nämlich nicht nur bei Stücken „Stimmen umschreiben“, wenn Passagen zu schwer sind, sondern auch Hits fürs Akkordeon modern arrangieren. Im Fokus steht dabei in nächster Zeit das zweimal verschobene Jubiläumskonzert, das nun im April stattfinden soll.

 Aus Tessmers Sicht ist noch ein Aspekt wichtig, der, dass sowohl das Akkordeonorchester als auch die beiden Musikvereine vor Ort verwurzelt sind und damit dem Nachwuchs die Chance bieten, musikalisch sich zu entwickeln und aktiv zu sein. „Wer spielt denn sonst mit zehn Jahren auf der Hocketse oder bei der Maibaumaustellung?“ Die Hocketse der Gemeinde stehe und falle mit dem ehrenamtlichen Engagement der beteiligten Vereine, ergänzt Monika Ruf: „Wir sind ein Leutenbacher Verein vor allem für die Leutenbacher Kinder.“

Altersspanne im Orchester reicht von 28 bis 82

Bei den Aktiven wohnt nur noch ein Drittel in der Gemeinde, die meisten meist in der Nachbarschaft, ihre Treue zeige die Verbundenheit, so Tessmer: „Wir leben eben auch von der Gemeinschaft, dem Anteilnehmen daran, wie es den anderen geht.“ Dass der Verein überlebt, sei nicht selbstverständlich, viele Akkordeonorchester hätten sich in den letzten Jahren aufgelöst oder seien dicht davor. Die Altersspanne im Orchester reicht von 28 bis 82. „Bei unseren Probenwochenenden ist dieser Altersunterschied aber völlig egal“, betont Monika Ruf. „Vererbt“ sich Akkordeonspielen in Familien, wie man denken könnte? Tessmer lacht: „In Leutenbach weniger, das sieht man bei mir. Mein Sohn spielt Cello.“ Ja, fast alle Kinder von Aktiven spielten ein Instrument, wenn auch nicht das gleiche wie ihre Mutter oder Vater, bestätigt Monika Ruf. Beim Akkordeon-Tag hätten vor allem kleinere Kinder die Melodica ausprobieren können, eine Alternative zum sonstigen Erstinstrument Flöte und guter Ausgangspunkt, um später ein Tasten- oder Blasinstrument zu erlernen. Noch etwas ist geplant, ergänzt Tessmer: offene Proben für Wiedereinsteiger. Drei Neue seien so bereits ins Orchester integriert worden.

Auch das Akkordeonorchester hat Verluste durch Corona, dem langen Aussetzen wegen der Pandemie. Nur noch drei Jugendliche machen mit beim Üben. In der Glanzzeit waren es zwölf, so dass es sogar für ein eigenes Jugendorchester reichte.

Mit dem Beginn der Pandemie, ihrem Ankommen hierzulande, im März vergangenen Jahres kam der Probenbetrieb zum Erliegen, von Auftritten war erst recht keine Rede mehr. Ab Ende Juni ging es weiter, im Ausweichquartier Schwaikheimer Radsporthalle, weil

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