Leutenbach

Drogenprävention an der Gemeinschaftsschule

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Der 58-Jährige aus Gundelsheim hatte selbst einen traurigen Fall in der Familie. © Habermann / ZVW

Leutenbach. „Echt krass“, was Dirk Schulze da erzählt und zeigt. Der 58-Jährige aus Gundelsheim bei Heilbronn nimmt rund ein Dutzend Jugendliche und eine Handvoll Eltern auf eine Reise mit der „Drogeneisenbahn“, die sie so schnell nicht vergessen werden. Die beeindruckende Präventionsveranstaltung des Fördervereins der Gemeinschaftsschule hätte mehr Zuhörer verdient.

Schulze ist Polizist, war fast 20 Jahre im Streifendienst unterwegs, hat das Leid der Drogenabhängigen und ihrer Familien zu oft selbst erlebt. Aber mit seinem Beruf rückt er in der Präsentation erst nach fast einer Stunde heraus, unterlegt sein Outing mit dem Scherz, er hoffe, dass jetzt keiner im Raum die Flucht ergreift. Die Sorge, wenn er sie denn wirklich hätte, ist unbegründet, denn den Nachwuchs und auch die Erwachsenen hat Schulze zu diesem Zeitpunkt schon längst „gepackt“.

Drogenprävention nicht abschreckend, wenn sie nebenbei gemacht wird

Er tritt ausdrücklich als Privatperson auf, überschreibt seine Auftritte auch mit „Privatinitiative“ und versichert auf Nachfrage ausdrücklich, nicht im Auftrag seines Dienstherrn im Land unterwegs zu sein. Drogenprävention beruflich hat er in den vielen Dienstjahren mehr als genug gemacht, meint er. Er glaubt nicht (mehr) an eine wirklich abschreckende Wirkung, wenn sie nebenbei, an der Schule, quasi zwischen Mathe und Deutsch, gemacht wird und als üblicher belehrender Vortrag daherkommt.

Fotos und Animationen sollen aufmerksam machen

Was Schulze an diesem Abend in der Mensa der Gemeinschaftsschule zeigt, geht denn auch weit darüber hinaus, ist radikal anders, sowohl vom Inhalt als auch von der Aufmachung her. Ständig ploppen bei seiner multimedialen Präsentation im Hintergrund Fenster auf, werden Fotos und Schaubilder eingeblendet, Animationen und Videos abgespielt, die die Zuhörer „reinziehen“ und nicht mehr loslassen. Schulzes Sprache dazu ist sehr direkt, er scheut sich auch nicht vor ausgeprägtem Jugendslang.

Erschreckende Horrorbilder

Schon der Auftakt seiner Präsentation kommt den Zuhörern nur allzu bekannt vor: Er sitzt etwas abseits, daddelt an seinem Smartphone herum und lässt sich von der Vorsitzenden des Fördervereins Anja Treugebrodt scheinbar nur unwillig dazu überreden, anzufangen. Ein Gag, eine kleine Schauspielerei. Ja, es geht auch um die Handy-Sucht. Die Jugendlichen im Publikum lächeln, aber das Lachen vergeht ihnen und den Eltern zumindest vorübergehend, als Schulze Horrorbilder von zerfressenen Lebern, Lungen, Gehirnen, Raucherbeinen, dem Delirium einer Rauschgiftkonsumentin mit völlig irren Pupillen und einen jungen Mann zeigt, der an einem Saufcontest auf der Bühne teilnimmt und schließlich im Vollrausch mehr „ausschüttet“, als er vorher zu sich genommen hat.

Er selbst komme komplett ohne Alkohol und Nikotin aus

Schulze übertreibt es aber nicht mit der Schocktherapie, unterbricht die Fassungslosigkeit, das gewollte Entsetzen immer wieder durch auch heitere Begebenheiten und Erlebnisse, symbolisiert im Vortrag durch die Möwe, als Sinnbild für die Freiheit, im Gegensatz zur Marionette, die an den Fäden ihrer Sucht hängt. Allerdings, sein persönliches Statement ist kompromisslos: Er selbst komme komplett ohne jeden Alkohol und Nikotin aus: „Ich will selbstbestimmt, suchtfrei leben.“ Die traumatischen Erlebnisse mit seinem Bruder hätten ihn bewusst geprägt.

"Das Zeug hat in euren Körpern nichts zu suchen"

Er zeigt Bilder von Faschingsumzügen in seiner Heimat, Open-Air-Konzerten, „das kann aber auch genauso gut ein Fleckenfest oder die Dorfhocketse sein“, deren traurigen „Hinterlassenschaften“, Stichwort Kontrollverlust und „sich schönsaufen“. Die Botschaft an die Jugendlichen ist klar: Wehret den Anfängen, und zwar jeder von euch für sich selbst: „Das Zeug hat in unseren, euren Körpern nichts zu suchen, weil es schädlich ist, so einfach ist das.“ Schulze belässt es aber nicht bei dem Appell an die Vernunft, sondern schildert die Biologie, erklärt die Wirkungsweise des „Zeugs“.

Schulze: "Bewusste Selbstzerstümmelung"

Im zweiten Teil nach der Pause zeigt und erläutert er im Nebenraum sein über all die Jahre angesammeltes „Arsenal des Schreckens“, von der Deodose, an der Jugendliche beim Schnüffeln sich zugrunde gerichtet haben, bis hin zu Wasserpfeifen und Shishas, deren gesellschaftliche Tolerierung Schulze angesichts der Verharmlosung der von ihnen angerichteten gesundheitlichen Schäden nicht fassen kann. Er spricht von „bewusster Selbstzerstümmelung“. Und wenn der Konsum von Cannabis mit der der lindernden Wirkung bei schwerstkranken Patienten „vermischt“ wird, als „Argument“, um ihn zu legalisieren, da hört bei ihm der Spaß vollends auf: „Das ist pure Volksverdummung.“

Es ist leise geworden im Saal. Ganz still wird es, als Schulze am Ende ein Youtube-Video abspielt, das seine Tochter Katjana, eine Musikerin, rund um den Aufenthalt ihres todgeweihten Onkels auf der Intensivstation des Ludwigsburger Klinikums gedreht hat. Die Zuhörer sind nachdenklich, betroffen. Der Heimweg wird kein leichter sein. Ja, das war wirklich „heavy“.

 


Traumatische Erfahrung: Jüngerer Bruder war alkoholsüchtig

Nicht nur sein Beruf, also dass er wirklich aus der „Praxis“ erzählt, verleiht dem Auftreten von Schulze Glaubwürdigkeit. Besondere Authenzität bekommt er dadurch, dass sein Engagement aus einem ganz traurigen Anlass in der eigenen Familie herrührt.

Sein jüngerer Bruder, früh als Jugendlicher durch Kumpels mit Alkohol in Kontakt gekommen, litt sein Leben lang unter der Sucht, ist letztlich an ihr zugrunde gegangen und 2011, ein Jahr nach einem Selbstmordversuch an dessen Spätfolgen, nämlich massiven Organschäden, gestorben. Der Bruder war zu Entwöhnung in Therapie auch in der Winnender Psychiatrieklinik gewesen.

Schulze, als Angehöriger also direkt Betroffener, begann 2001, zusammen mit seinen beiden Töchtern, damals 19 und 13, mit seinem privaten Feldzug gegen Drogen und ihren Konsum, alle Drogen, egal ob „legal“ oder „illegal“ und die „Volksdroge“ Alkohol dabei, mit all ihren Folgen und in welcher Gestalt auch immer, nicht beschwichtigend, beschönigend oder auslassend.