Leutenbach

Flüchtlingskinder gehen in Nellmersbacher Schule

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Die Elternbeiratsvorsitzende Alexandra Hackl-Hieber und Schulleiter Oliver Kurr räumen ein, dass es im Vorfeld besorgte Anrufe gab. © Habermann / ZVW

Leutenbach. Angekündigt waren erst elf, dann 13 Kinder. Tatsächlich sind es nun acht aus fünf Flüchtlingsfamilien, die auf dem Kärcher-Areal untergebracht sind, die die Nellmersbacher Schule besuchen. Die Kinder sind zwischen sechs und elf Jahre alt und gehen nicht in eine eigene Vorbereitungsklasse, sondern sie sind verteilt auf die bestehenden Klassen der Jahrgangsstufen 2 bis 4.

Wobei seine Kollegen und er genau schauten, wer wo hinpasst, so Schulleiter Oliver Kurr. Man könne die Kinder nicht einfach nur dem Alter nach den Klassen zuteilen. „Zumal die zum Teil selbst gar nicht wissen, wie alt sie in Wirklichkeit sind.“ Mit Gewissheit lasse sich sagen, so habe er es bei der Ankunft der Kinder in Leutenbach erlebt, dass sie sehr stolz darauf seien, dass sie schon einigermaßen schreiben können, anders als ihre Eltern, für die sie Dolmetscher sind. „Und Deutsch verstehen können die Kinder schon ganz gut.“ Die Elternbeiratsvorsitzende Alexandra Hack-Hieber ergänzt: „Die freuen sich drauf, dass sie etwas zu tun bekommen.“

Natürlich bekämen die Kinder teilweise aber andere Lernstoffe als ihre Klassen, so Kurr weiter. Das Niveau sei nun mal ein anderes als bei gleichaltrigen deutschen Mitschülern und das sei auch eine Herausforderung für die betreffenden Lehrer, so Kurr, hier eine Parallele zur Gemeinschaftsschule ziehend. Die Kollegen seien aber mit solchen Situationen vertraut, schließlich gingen in Nellmersbach auch Kinder aus den USA, Italien und Rumänien zur Schule. „Da gibt es welche, bei denen würde man nie darauf kommen, dass die noch vor zwei Jahren kein Wort Deutsch konnten.“

Stimmung in der Schule sei aufgeschlossen

Sein Kollegium und er seien zuversichtlich, so Kurr, vor allem nach dem, wie er die Kinder erlebt habe, die frohe Erwartung bei ihnen, ihren Stolz darauf, wie weit sie nach einem halben Jahr Schule in Weinstadt sind. Die Nellmersbacher Kinder seien neugierig gewesen auf die „Neuzugänge“: „Die haben genau ausgemacht, wo die sich hinsetzen, neben wem sie sitzen wollen, haben zum Willkommen Adventssäckchen gemacht.“

Die Stimmung in der Schule sei aufgeschlossen, versichert Rektor Oliver Kurr. Das könne sie bestätigen, so Alexandra Hackl-Hieber, auch wenn es zunächst, als die Nachricht umging, dass die Kinder nach Nellmersbach kommen, den einen oder anderen besorgten Anruf gegeben habe. Sie arbeitet selbst mit im ehrenamtlichen Freundeskreis Flüchtlinge. Ihre Meinung zu den Zweifeln: „Wenn die Schule, die Lehrer hier sagen, sie schaffen das, dann glaube ich das.“ Sie rät, sich nicht vorher aufzuregen über „was wäre wenn“, sondern „erst zu reagieren, wenn wirklich Probleme auftreten sollten“.

Es kam ohnehin nur Nellmersbach infrage

Die Entscheidung, dass die Flüchtlingskinder in Nellmersbach zur Schule gehen, sei ohnehin nicht mehr verhandelbar, weil die Klassen in den beiden anderen Schulen voll belegt seien. Die Entscheidung sei in Absprache mit dem Schulamt erfolgt, so Kurr, nachdem klar war, dass ein „Zuzug“ in die Gemeinde bevorstehe. Es sei auch klar gewesen, dass nur Nellmersbach infrage kommt, weil in der zweizügigen Schule dort die Klassen klein sind.

Ab Januar bekommen die Flüchtlingskinder an zwei Tagen in der Woche einen Intensivkurs. „Die müssen erst mal ankommen, Vertrauen fassen, wieder Zuversicht entwickeln“, so Kurr. Der Weg zur und von der Schule zurück erfolgt mit dem Bus, wobei die Kinder in der ersten Zeit von ehrenamtlichen Helfern begleitet werden. Die Schule hat für sie Unterrichtsbeginn und -ende synchronisiert, so dass alle gleichzeitig fahren und sie gemeinsam in der Gruppe zu den nicht weit entfernten Bushaltestellen marschieren können. Auch eine kleine „Einschulungsfeier“ ist organisiert worden vom Förderverein.

Briefe an die Eltern und an die Flüchtlinge

Kurr hatte im Vorfeld Briefe geschrieben, einen an die Nellmersbacher Eltern, einen an die Eltern der Flüchtlingskinder und an die Kinder. Im ersten wies er darauf hin, dass die Ankunft in die Zeit fällt, deren Namen übersetzt genau Ankunft bedeutet, nämlich Advent. Er appellierte, den Neulingen in „freudiger Erwartung“ entgegenzusehen. Kurr verwies auch auf das Motto der Schule „Eins, zwei, drei, vier – das schaffen wir!“ Das Motto ist übrigens älter als ein ganz ähnlich lautender bekannter Satz einer bekannten Politikerin.

Kurr berichtet, dass er auf den Brief hin keine negativen Reaktionen mehr bekommen habe, einige Eltern hätten das Schreiben ausdrücklich gelobt. Auch der Elternbeirat stehe voll dahinter, so Alexandra Hackl-Hieber. Bereits vor zwei Jahren, zu Beginn des Schuljahres, hatten die Eltern ihn bekommen mit der Voraussage, dass auch nach Leutenbach Flüchtlinge kommen werden, dass damit auf die Einwohner, Eltern, Lehrer eine neue Aufgabe zukomme und dass die Frage nicht sei, ob sie das gut oder schlecht finden, sondern wie sie damit umgehen.

Das sei ja alles doch schon mal da gewesen, man habe das alles schon mal erlebt, auch die Ängste, Vorbehalte, Befürchtungen, ergänzt Alexandra Hackl-Hieber und verweist auf die Flüchtlingswelle aus dem Balkan vor 20 Jahren, auf die der Russlanddeutschen Anfang der 90er Jahre.