Leutenbach

Fund-Fahrräder werden meistbietend versteigert und sind immer noch Schnäppchen

Radversteigerung
Im ehemaligen Schlecker-Laden waren die rund 50 für die Versteigerung vorgesehenen Fundräder aufgestellt. © ALEXANDRA PALMIZI

Direkt an der Schule ist Felix das Fahrrad geklaut worden. Ersatz findet er bei der zweiten Rad-Auktion der Gemeinde – für 30 Euro. „Klasse, das tut’s mir, für die Schule langt’s“, sagt der 16-Jährige. Das Herkommen hat sich gelohnt: Jetzt kann er wieder in die Schule radeln mit den Kumpels. Die Spannung steigt. Wird auch die Mama von Felix Glück haben?

Auch auf den Favoriten von Felix’ Mutter, ein blütenweißes schickes Citybike, hatten mehrere Bieter gehofft und Geldbeträge, die sie dafür ausgeben möchten, auf Zettel geschrieben. Etwas Glück braucht es bei dieser Art der anonymen Versteigerung. Niemand kann während der Besichtigung der Fahrräder sehen, auf welches der andere setzt und welchen Betrag er bietet. Das Sich-Überbieten und auch das rituelle Hammerklopfen fallen weg. Zudem kann bei dieser Form des zivilisierten Feilschens jeder nur einmal einen Betrag notieren. Ist der Zettel abgegeben, gibt es kein Zurück mehr und auch keinen zweiten Versuch.

Die Fundräder sind Fluchtfahrzeuge, Diebesgut oder wilder Müll

Viele der Räder, die im Fundbüro landen und bei der zweiten Rad-Auktion der Gemeinde angeboten werden, seien geklaute Räder, erklärt Corinna Haan vom Bürgerbüro. Aber nicht alle: „Manche Besitzer stellen es irgendwo ab, nach der Devise, irgendwer wird es schon abholen.“ So drücken sie sich um die Entsorgung und gehen „den bequemsten Weg“, so Haan. Auch Fluchträder seien darunter – also Fahrräder, die von Einbrechern genutzt werden, um sich so schnell wie möglich vom Tatort zu entfernen.

Felix und seine Mutter zahlen 30 und 52 Euro und fahren mit zwei Bikes heim

Ein richtig gutes neues Fahrrad liege finanziell gerade nicht drin, erzählt Felix. Mindestens ein Jahr müsste er dafür sparen. Viel zu lang. Jetzt kann er wieder strahlen. Sein Gebot ist das höchste für die Nummer 56 - gerade mal 30 Euro für sein Wunschbike, ein makelloses robustes Marken-Tourenrad, es steht top da. „Ist mir gleich ins Auge gefallen, weil es einen funktionsfähigen Eindruck macht und von der Größe passt.“ Der 16-jährige Realschüler sagt, er fahre fast täglich das ganze Jahr über von Leutenbach in die Albertville-Realschule nach Winnenden. Nun musste er einige Wochen auf den Bus ausweichen - notgedrungen. Sein Rad hatte er am Freitag an der Schule stehen lassen, weil ihm nicht gut war. Als er es am Samstag holen wollte, war es weg.

Mit Felix hatte noch ein zweiter Interessent ein Auge auf das Vehikel geworfen, ihm war das Fahrrad 21 Euro wert, er geht leer aus. Mamas Citybike ist noch heißer begehrt: Vier Bieter haben es auf das schicke Gefährt abgesehen - bei insgesamt zwölf Geboten ist es das gefragteste Fahrrad. Am Tisch rund um Felix' Mutter werden die Ohren gespitzt, als „ihre“ Nummer 20 an der Reihe ist. Wie schön für sie: Sie liegt mit 52 Euro nur zwei Euro über dem zweithöchsten Gebot. Knapp, aber eindeutig: „Dabei habe ich nur für Felix die Räder inspiziert.“ Nur mit halbem Auge habe sie geschaut, „ob ich geschickt an eins hinlaufe“. Sie habe ein Fahrrad daheim, aber das hüte den Keller. „Außer Betrieb, das muss erst mal wieder repariert werden.“ Das Citybike laufe ihr mehr als geschickt rein. „Ich kann gleich losfahren, es braucht nur etwas Luft in die Reifen.“

Ein Trekking-Rad zum In-den-Garten-Fahren findet Jürgen Pohl

Der Großteil der Fahrräder sind Erwachsenenräder, die meisten haben infolge der langen Standzeit platte Reifen. Die paar Euro für einen neuen Schlauch seien gut investiert, meint Jürgen Pohl, der für 20 Euro ein KTM-Trekking-Fahrrad mit einem unvermackten nougatbraunen Rahmen ergattert hat. „Das langt mir zum In-den-Garten-Fahren“, sagt er beim Rausschieben.

So kommen die Fundräder in die Obhut der Gemeinde

Die meisten der irgendwo in der Landschaft abgestellten, mitunter auch achtlos hingeworfenen Räder muss der Bauhof aus dem Weg räumen. Auch in Bächen stoße der Bauhoftrupp immer wieder auf Räder. Ganz rücksichtslose Zeitgenossen pfeffern ihre nicht mehr gewollten Fahrräder ins nächste Gebüsch oder entsorgen sie illegal im Wald. Eine Sauerei sei das. Zumal etliche Räder noch sehr gut in Schuss seien, sagt Corinna Haan. Im Sinne der Nachhaltigkeit sei die Idee aufgekommen, die Räder für wenig Geld mit der Versteigerung unter die Leute zu bringen. 50 Räder, darunter Markenräder, seien in den vergangenen vier Jahren zusammengekommen für die Börse. Auch ein E-Bike ist dabei, allerdings mit herausgerissenem Motor.

Scharf auf Ersatzteile: Roland und Florian aus Nellmersbach

Neben Selbstfahrern kommen ausgebuffte Fahrradnerds vorbei. Roland aus Nellmersbach macht mit seinem vierzehnjährigen Sohn Florian die Runde. „Mich interessieren die Räder nur wegen der Ersatzteile“, erklärt Roland seine Absicht, hier für gleich mehrere Räder jeweils einen Betrag zu bieten. Der Familienvater einer offenbar radsportlich sehr aktiven Familie sagt, er habe acht Fahrräder daheim zu betreuen, das mache immer wieder neues Material erforderlich. 7000 Kilometer fahre allein er pro Jahr. Als Familie brechen sie regelmäßig mit Taschen und Campingausrüstung zu mehrtägigen Touren auf. Seine Keller-Werkstatt laufe schon fast über. „Ein neues Rad würde ich gar nicht mehr unterkriegen“, sagt er schmunzelnd. Ersatzteile aber könne er fast nie genug haben, da schaue er hier sozusagen „auf Vorrat“: „Ich will immer alles in mehrfacher Ausfertigung daheim haben.“ Die Ausbeute der Auktion komme in den Keller, bis wieder an einem der acht Räder ein Verschleißteil reißt, fatzt oder durch Dauerbeanspruchung in die Binsen geht. Er bietet fleißig mit, sei aber auch nicht traurig, wenn’s nichts wird. Er müsse sich ohnehin zügeln – „wenn ich wieder zu viel Müll mitbringe, schimpft meine Frau mit mir“, erzählt er augenzwinkernd.

Die Werkstatt hat der Vater nicht immer für sich, weil auch Sohn Florian schon unter die Schrauber gegangen ist. „Für Freunde repariere ich manchmal was und verdiene mir was dazu“, sagt der clevere Teenager, der dem Vater beratend zur Seite steht und aus Neugier mitgekommen sei. Beim Streifzug entdecken die zwei an fast jeder alten „Möhre“ gut erhaltenes Material. „Teilweise wie neu“, sagt der Vater, sichtlich angetan. Am Citybike eine Sattelklemme, am Kinderrad einen gefederten Satteldämpfer, und am verbeulten Mountainbike interessiert der Vorbau. Er sieht wie frisch aus der Originalschachtel gezogen aus. „Mit dem Vorbau kann ich den Lenker mal steiler stellen oder mal tiefer, fürs sportliche Fahren“, erklärt der Vater. „Und der Gepäckträger da, der kostet zurzeit über 20 Euro“, spricht er den Ersatzteilemarkt an. Der Markt sei nahezu leer gefegt. „Man bekommt fast nichts mehr, und die Lieferengpässe lassen die Preise explodieren.“ Sein Auge wandert darum aufmerksam über kaum abgefahrene Vorderräder, ein Schaltwerk, die makellose Kette einer 9-Gang-Shimano-Schaltung. „Und hier“, frohlockt er, „allein dieser Nabendynamo kostet neu mindestens 30 Euro.“ Der Leutenbacher rechnet vor: „Man kann ein Rad für 20 Euro ersteigern und kann Komponenten wiederverwenden, die regulär mindestens das Doppelte kosten würden.“ Ganz zu schweigen vom Recycling-Gedanken.

Nicht zuletzt dient die Radauktion auch der Allgemeinheit. Der Erlös werde an den Verein „Bürger helfen Bürgern“ gespendet, bleibe also im Ort zur Unterstützung sozialer Belange. Der Keller im ehemaligen Schlecker-Markt beim Rathaus wird an diesem Vormittag nicht ganz leer. Aufgrund der überraschend großen Nachfrage - Corinna Haan sagt, sie habe mit weniger Interessierten gerechnet - sei eine weitere Auktion denkbar.

Direkt an der Schule ist Felix das Fahrrad geklaut worden. Ersatz findet er bei der zweiten Rad-Auktion der Gemeinde – für 30 Euro. „Klasse, das tut’s mir, für die Schule langt’s“, sagt der 16-Jährige. Das Herkommen hat sich gelohnt: Jetzt kann er wieder in die Schule radeln mit den Kumpels. Die Spannung steigt. Wird auch die Mama von Felix Glück haben?

Auch auf den Favoriten von Felix’ Mutter, ein blütenweißes schickes Citybike, hatten mehrere Bieter gehofft und Geldbeträge, die sie

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