Leutenbach

Handwerkerfamilie gespalten

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Symbolbild. © Laura Edenberger

Leutenbach/Stuttgart. Am zweiten Verhandlungstag hatte der Angeklagte Sendepause. Mit auf den Tisch gestützten Armen, den Kopf tief eingezogen und zwischen den Händen haltend, musste er zuhören, als die Opfer dem Landgericht erzählten, wie sie auf den Hochstapler reingefallen waren. Der Mann hat nicht nur gelogen und betrogen, er hat die Leutenbacher Handwerksfamilie gespalten, was fast noch schwerer wiegt.

Denn während der Chef der Firma und seine Frau vor zwei Jahren auf den mittlerweile 36-jährigen Potsdamer reinfielen, der sich als Steuerberater und vermeintlicher Retter in der Not in den Betrieb und auch in die Familie einschlich, warnten die Tochter früh und später auch die Enkelin, weil sie den Verdacht hatten, dass es sich um einen Betrüger handeln könnte.

Gab es wirklich eine bedrohliche finanzielle Schieflage?

Los ging es damit, dass eine Bekannte die Mutter anrief und erzählte, sie habe jemanden übers Internet kennengelernt, der dringend Hilfe brauche, nämlich gerade eine OP wegen eines Hirntumors hinter sich habe. Kurz darauf rief der Mann selbst an und fragte die Leutenbacherin, die damals selbstständig als eine Art Therapeutin arbeitete, ob sie ihm helfe. Das fiel ausgerechnet in die Anfangszeit der geplanten Übergabe des Betriebs an den Junior, die für die Familien und den Betrieb mit gewissen finanziellen Risiken verbunden war. Ob es aber wirklich eine bedrohliche finanzielle Schieflage gab oder in der Zukunft hätte geben können, ist aus heutiger Sicht gar nicht sicher. Der Mann bot seinerseits an, die Übergabe sozusagen von der kaufmännischen Seite her managen zu können, sich als Steuerberater und Fachmann für Insolvenzfahren ausgebend.

Seitherigem Steuerberater Auftrag entzogen

Die Leutenbacherin willigte ein, ein Deal auf Gegenseitigkeit, wenn man so will. Allerdings hatte bis zu diesem Zeitpunkt die Tochter, eine gelernte Groß- und Außenhandelskauffrau, die Buchhaltung des elterlichen Betriebs gemacht und sollte es, so war es geplant, auch nach der Übergabe an ihren Bruder weiterhin tun. Nun wurde sie von einem Tag auf den anderen vor die Entscheidung gestellt, künftig mit dem „Eindringling“ zusammenzuarbeiten, der auch noch im Wohn- und Betriebsgebäude einzog. Außerdem wurde dem seitherigen Steuerberater, weil vermeintlich überflüssig, der Auftrag entzogen.

Tochter von Anfang an misstraurisch

Bei der Tochter schrillten die Alarmglocken, hatten schon geläutet, als sie den Mann zum ersten Mal sah, als er nach der Bahnfahrt in Leutenbach eintraf. „Also unter einem Steuerberater stelle ich mir etwas anderes vor, Anzug, Krawatte, Hemd und auch ein entsprechendes Auto.“ Bei der Mutter, die bei dem ungepflegten Anblick „Ach du großer Gott“ dachte, aktivierte sich dagegen das Helfersyndrom: „Man soll ja Menschen nicht nach dem Äußeren beurteilen“, und sie ließ sich auch in der Folgezeit, als es weitere warnende Hinweise gab, nicht beirren. Ebenso wenig wie ihr Mann, der mit dem neuen Haus- und Familienmitglied sogar ganze Abende und halbe Nächte auf der Terrasse verbrachte, Männer unter sich, entsprechende Getränkemengen brüderlich teilend.

Als die Tochter sich zurückzog, konnte er schalten und walten

Die Tochter zog derweil die Konsequenz, nämlich sich aus dem Betrieb zurück, und der Hochstapler konnte fortan schalten und walten, wie er wollte, nutzte seine Ausbildung als Kaufmann für Bürokommunikation, um Geräte fürs Büro zu bestellen, im Namen der Familie Versicherungen zu kündigen, Kreditrückzahlungen auszusetzen, ja sogar Krankenversicherungsbeiträge zurückzuholen, gaukelte der Familie vor, sie bekämen von ihm finanzielle Unterstützung, dabei hatte er das eingehende Geld vorher aus dem Betrieb abgezweigt und sich dazu der ihm ausgehändigten Vollmachten und Kreditkarten der Familie bedient, und er lockte damit, Fördermittel der EU in siebenstelliger Höhe beschaffen zu können.

Riss in der Familie noch heute

Die Tochter recherchierte derweil und kam dem Mann nach und nach auf die Schliche. Doch erst als auch die (erwachsene) Enkelin sich einschaltete und darauf drang, Anzeige bei der Polizei zu erstatten, gingen dem Handwerker und seinem Sohn, die sich bis dahin auf das konzentrierten, was sie gut können, und auch der gutgläubigen Gastgeberin allmählich die Augen auf. Der Riss in der Familie ist aber bis heute nicht gekittet, wie die Tochter als Zeugin dem Gericht unter Tränen erzählte.

Autos, die es nicht gab, und fünf Tage im Adlon

Der Prozess wird am 13. Juli fortgesetzt.

Der Angeklagte hat einen Mieter der Familie durch falsche Angaben, nämlich dass sich deren Bankverbindung geändert habe, dazu gebracht, drei Monatsmieten, zusammen rund 1000 Euro, auf das eigene Konto zu überweisen. Der Familie hat der Mieter später die Hälfte nachgezahlt.

Außerdem hat der Angeklagte einen BMW und zwei Daimler, im Wert von fast 50 000 Euro, an Bekannte der Familie „vermittelt“ und das Geld dafür vorab kassiert. Die Autos kamen allerdings nie bei ihren neuen Besitzern an, weil es sie überhaupt nicht gab. Der Angeklagte fälschte für den Betrug amtliche Dokumente.

Die Autos sollten vermeintlich in Berlin übergeben werden. Der Angeklagte lud dazu die Familie für fünf Tage ins Fünf-Sterne-Hotel Adlon ein. Kosten: 18 000 Euro, wahrscheinlich finanziert aus dem ergaunerten Geld aus dem Autoverkauf. Doch die Autos kamen nicht an, weil angeblich der Transporter unterwegs einen Unfall hatte.

Außerdem hat der Angeklagte bei seinem Auszug in Leutenbach, im Grunde eine Flucht, mehrere mobile elektronische Geräte mitgehen lassen, die zum großen Teil allerdings wieder zurück oder beschlagnahmt sind. Eine Kreditkarte der Familie missbrauchte er noch, um in Stuttgart am Bahnhof vom Bankomat 500 Euro abzuheben.