Leutenbach

In Handwerkerfamilie eingeschlichen

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Leutenbach/Stuttgart. Ein mittlerweile 36-jähriger Potsdamer soll sich vor rund zwei Jahren das Vertrauen einer Leutenbacher Handwerkerfamilie erschlichen haben. Dem Mann werden am Landgericht Stuttgart Betrug, Diebstahl und Urkundenfälschung vorgeworfen.

Der Mann gab sich als Schuldenberater aus und schaffte es so, im Grunde die Buchhaltung des Betriebs zu übernehmen. Er brachte einen Mieter der Familie durch falsche Angaben dazu, auf sein eigenes Konto drei Monatsmieten, insgesamt rund 1100 Euro, zu überweisen. Bekannten und Freunden der Familie täuschte er vor, ihnen Autos zu verkaufen, die es gar nicht gab, einen BMW und zwei Daimler im Gesamtwert von knapp 50 000 Euro. Schließlich ließ er aus der Wohnung der Familie, als er bei ihr auszog, verschiedene elektronische Gegenstände – darunter einen Laptop, ein Tablet und ein Smartphone – mitgehen, Wert zusammen etwa 750 Euro.

Der Mann wurde aus der Haft in Handschellen vorgeführt, er sitzt derzeit in Berlin-Plötzensee ein. Wofür, wurde am ersten Verhandlungstag noch nicht gesagt, zum Vorstrafenregister kam das Gericht noch nicht. Der Angeklagte wurde für den Prozess also extra nach Stuttgart gebracht, seine Verteidigerin kommt ebenfalls aus Berlin. Der Mann räumt die Vorwürfe im Grunde zwar ein, das erspart es dem Gericht aber nicht, mühehevoll zu klären, wie weit er sich juristisch strafbar gemacht hat und vor allem muss die Frage beantwortet werden, ob und wie weit er überhaupt schuldfähig ist. Dazu wird eine psychiatrische Gutachterin aus Winnenden noch aussagen.

Widersprüche und Unstimmigkeiten

Der Mann hat eine Vergangenheit inklusive Krankengeschichte hinter sich, die man niemandem wünscht. Wenn es denn stimmt, was er dem Gericht dazu erzählt hat. Erhebliche Widersprüche und auch zeitliche Unstimmigkeiten in seinen Auslassungen lassen durchaus Zweifel zu. Dass der Angeklagte, der sicher eine schwierige Persönlichkeit ist, glaubwürdig lügen, sich verstellen kann, hat er in Leutenbach, wenn man so will, unter Beweis gestellt. Den Vorwurf, er habe seine Vertrauensstellung in der Familie und deren Betrieb missbraucht, um sich auf ihre Kosten zu bereichern, wies er in der Verhandlung allerdings zurück. Bis auf einen niedrigen vierstelligen Betrag, der noch auf seinem Konto und damit mittlerweile gesperrt sei, habe er alles an die Familie und damit auch an die anderen Geschädigten zurückgezahlt.

Eine schlüssige Antwort auf die Frage nach der verbliebenen Differenz, die ihm das Gericht anhand von Belegen und Kontoauszügen vorhielt, blieb er allerdings schuldig. 10 000 Euro „verbuchte“ er alleine für einen Urlaub mit der Familie in Berlin – mit Übernachtungen angeblich in dessen bekanntestem Fünf-Sterne-Hotel Adlon, was für den, der die Familie kennt, kaum zu glauben ist. Das Gericht hielt ihm dazu vor, es gebe in den Unterlagen zwar zwei Belege aus dem Adlon, die machten aber zusammen nur einige 100 Euro aus.

Sogar Dokumente des Amtsgerichts Berlin-Mitte gefälscht

Die Frage ist, wie es einem offenbar psychisch Kranken, mit der Lebensgeschichte einer „gescheiterten Existenz“, gelingen konnte, eine schwäbische Handwerksfamilie derart hinters Licht zu führen. Offensichtlich hat er sich dabei Kenntnisse aus einer Ausbildung als Kaufmann für Bürokommunikation zunutze gemacht. So gelang es ihm, bei seinen Autotricksereien vermeintliche Schreiben einer Schuldnerberatungsgesellschaft und angebliche Dokumente des Amtsgerichts Berlin-Mitte so geschickt zu fälschen, dass die Interessenten für die Wagen den Eindruck hatten, sie stammten tatsächlich aus Insolvenzverfahren. Außerdem hat sich der Mann offenbar ein gewisses Wissen zum Insolvenzrecht angelesen und auch aus einschlägigen Fernsehsendungen „gelernt“.

Von Berlin, wo er damals lebte, nach Leutenbach ist es allerdings weit. Auf die Frage des Gerichts, wie er die Familie dort kennengelernt hat, erklärte der Mann, der Kontakt sei über eine Freundin der Familie entstanden, mit der er sich zunächst per Facebook über ein Buch eines Berliner Autors ausgetauscht habe. Er gab ihr gegenüber sich als Schuldenberater aus und sie sagte ihm daraufhin, sie kenne jemanden, der einen solchen brauche. Er bekam daraufhin die Telefonnummer der Familie, rief dort an und fuhr hin. Das Verhängnis nahm seinen Lauf.


Die Vorgeschichte des Angeklagten

Der Angeklagte gab zu seiner Vorgeschichte an, dass sein Vater sich am Tag seiner Geburt erhängt habe. Der Grund sei gewesen, dass dieser eine Tochter gewollt habe. Die Mutter habe erneut geheiratet, er sei von deren neuem Lebensgefährten adoptiert worden, dieser sei allerdings Alkoholiker gewesen und sei später beim Tauchen ertrunken. Mit der erneuten Heirat der Mutter habe er endlich einen Vater bekommen, wie man ihn sich nur wünschen könne. Die in dieser Ehe geborene Schwester sei allerdings nicht mal ein Jahr alt geworden, nämlich an einer Hirnhautentzündung gestorben. Dafür habe seine Mutter ihn und seinen Bruder immer verantwortlich gemacht. Als sie sich habe scheiden lassen, sei das für ihn und den Bruder traumatisch gewesen. Leider sei auch der „Traumstiefvater“ früh gestorben. Wegen der zerrütteten Verhältnisse daheim seien er und sein Bruder freiwillig in ein Kinderheim gegangen, ein Jahr vor Abschluss der Schule. Außerdem seien sie beide von einem Geliebten der Mutter, in der Zeit, als diese noch verheiratet war, sexuell missbraucht worden. Der Bruder habe sich gewehrt, weswegen es bei dem einmaligen Versuch geblieben sei, er selbst habe „das“ fast zehn Jahre erlitten, bis er etwa 13 Jahre alt war. Unter „das“ seien auch Vergewaltigungen zu verstehen, so der Angeklagte auf Nachhaken des Gerichts, das ihm vorhielt, dies tauche in seinen Akten beziehungsweise den früheren Verfahren gegen ihn überhaupt nirgends auf. Er sei auch regelmäßig geschlagen worden, sei früh Alkoholiker geworden, habe einen Kasten Bier am Tag konsumiert, sei dann wegen Depressionen früh in psychiatrische Behandlung und auch Unterbringung gekommen, habe zwei Selbstmordversuche – Pulsader aufschneiden – hinter sich, die Narben davon sehe man heute noch.

Seit vielen Jahren und nach wie vor höre er „Stimmen“, was, so der Richter, auf Schizophrenie hindeuten könne. Er war auch zwei Jahre in Haft und er sei allerdings mittlerweile seit langem „trocken“. Einen Wirrwarr erzählte der Angeklagte zu seinen bisherigen Beziehungen, der bei den Nachfragen des Gerichts dazu allerdings ziemlich aus der Fassung geriet. Einmal sei sein Partner von einem Ex erschlagen worden, ein anderes Mal hätten diesen Rechtsradikale erschossen.

Im Grunde wechselten sich bei dem Mann bis auf kurze Zeiten Phasen der Arbeitslosigkeit, des Lebens von Arbeitslosengeld und Abschnitte der Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken ab.