Leutenbach

Landwirte: Mit Bienenweiden gegen Insektensterben

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Auf Infofahrt mit den Landwirten Reiner Müller (auf dem Hänger ganz vorne) und Bernd Häußermann (auf dem Hänger vorne rechts). Foto: Büttner © Benjamin Büttner

Leutenbach. Fehlt nur, dass einer, wie einst Walter Scheel, „Hoch auf dem gelben Wagen“ anstimmt. Zwar ist das „Zugpferd“, der Traktor, blau, aber die Fahrgäste sitzen auf dem Hänger auf Strohballen – und die sind, mit etwas Wohlwollen gesehen, gelb. Die entspannte Stimmung würde zwar passen, aber der Anlass für die Felderrundfahrt ist zu ernst für den Gassenhauer. Es geht darum, ob auch konventionelle Landwirtschaft sich mit Umwelt-, Natur-, und Tierschutz vereinbaren lässt.

„Aus aktuellem Anlass“ habe man eingeladen, so Bernd Häußermann bei der Begrüßung. Die Landwirtschaft stehe wegen des Einsatzes von Glyphosat und des Bienen- beziehungsweise Insektensterbens seit längerem im Fokus der medialen Berichterstattung. „Darum wollen wir als Getriebene jetzt mal selbst das Heft in die Hand nehmen.“ Nämlich bei der anschließenden Felderrundfahrt demonstrieren, dass Landwirtschaft, auch konventionell betriebene, sehr wohl vereinbar sei mit dem Erhalt der Artenvielfalt, ja dazu beitrage.

 Der Landwirt aus dem Heidenhof sowie seine Kollegen Reiner und Andreas Müller vom Stiftsgrundhof lassen dazu Bürgermeister Jürgen Kiesl, Vertreter des Landratsamtes, Bauernverbands, des Landwirtschaftsamts, des Leutenbacher Gemeinderats, aber auch des Nabu aufsitzen, und los geht es, vorbei an Äckern und Feldern zwischen Heidenhof und Nellmersbach, die, zumindest dem landwirtschaftlichen Laien, keineswegs als Monokulturen erscheinen, wie unlängst in einem Leserbrief kritisiert.

Die „Bienenweide“ zieht auch andere Insekten und Vögel an

Die erste Station, an der Häußermann halten lässt, ist eine „Bienenweide“, eine Blütenwiese, 35 Ar groß, die aber auch vielen anderen Insekten Unterschlupf bietet und daher auch Vögel auf der Suche nach Unterschlupf und Nahrung anzieht. Er hat sie, wie er sagt, „aus der Produktion herausgenommen, was uns aber nicht wehtut“. 15 Blütenarten sind angesät worden, die laut Häußermann „die ganze Vegetation abdecken“. Das ganze Frühjahr und den Sommer über habe hier immer irgendetwas geblüht und sei ständig ein Gesumme gewesen.

Beim Zeitpunkt, wie lange das Feld so stehen bleiben und wie abgemäht werden soll, haken die Nabu-Vertreter ein. Werner Fleischmann stimmt zwar Häußermanns Plan „bis mindestens März“ zu, wegen der Eierablage und Schlüpfen der Insekten vorher. Er widerspricht aber dem vorgesehenen Mulchen. Häußermann nimmt die Einwände ernst. Den Einsatz des Balkenmähers, den die Nabu-Vertreter vorschlagen, hält er angesichts der Höhe des Bestands jedoch für nicht praktikabel.

Gülle wird vor dem Ausbringen mit Pflanzenfermenten vermischt

An der nächsten Station, in Sichtweite des Stiftsgrundhofs, gehe es um „Denkanstöße“ für eine „regenerative“ Landwirtschaft, so Reiner Müller. Er will auf dem Acker die Bodenfruchtbarkeit steigern. Etwa indem er die Gülle mit Pflanzenfermenten vermischt, ehe er sie ausbringt. So laufe statt eines Fäulnisprozesses ein Rotteprozess ab. Die Folge laut Müller: deutlich weniger Geruchsbelästigungen für Nachbarn, keine Beschwerden seither mehr von ihnen. Und: je höher der Humusgehalt des Bodens, desto besser seine Wasserspeicherfunktion. Auf dem Acker werden nacheinander Gerste und Mais angebaut, Klee, Sommerblumen, Sudangras und Büschelschön (Phazelie) ausgesät. Auch Untersaat im Getreidefeld, wie Weidegras im Winterweizen, sei ein Denkanstoß, natürlich mit der Prüfung, wie sich das auf den Ertrag auswirkt.

Häußermann, Müller und Andreas Häußermann vom Gollenhof kooperieren, etwa mit Flächentausch wegen der Fruchtfolge, um, Stichwort Nachhaltigkeit, die Kulturenvielfalt zu erhalten, abgesehen von den wirtschaftlichen Vorteilen, die das Ganze auch hat. Das gilt auch für den gemeinsamen Kauf von Schleppern und Maschinen.

Null Anträge für Ackerrandstreifenförderung

Bürgermeister Kiesl, auf allen Feldern ein gewiefter PR-Experte, weist eingangs umgehend darauf, dass die Gemeinde einige Blühflächen auf ihrer Gemarkung ausgewiesen hat. Am Rande, unter vier Augen, räumt er ein, dass für die kommunale Ackerrandstreifenförderung, die es seit 1996 gibt, bislang nullkommanull Anträge gestellt worden sind. 51 Cent gibt es je laufendem Meter für solche Streifen mit mindestens 2,50 Meter Breite. Dieser Zuschuss wurde noch nie in Anspruch genommen.

Einen Ackerrandblühstreifen, etwa drei Meter breit, hat Häußermann, ohne Förderung, unter anderem am Amselweg am Ortsrand von Nellmersbach angelegt. Er berichtet unterwegs auch, dass wegen des Klimawandels sich immer mehr alte Apfelsorten „verabschieden“, weil sie nicht mehr mit der Hitze und Trockenheit zurechtkommen.

Die Wiese beim ersten Halt ist eine „ökologische Vorrangfläche“. Häußermann hat sich verpflichtet, mindestens fünf Prozent seiner Ackerflächen nicht zu bewirtschaften oder sie zu extensivieren. Dass diese aber Insekten zugutekomme, sieht er als „das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden“. Er habe nämlich hier die Variante ausgesucht, die am besten zu seinen anderen Blühflächen passe. Er hat weitere solche „Hotspots“, wie er sagt, auf insgesamt rund 2,5 Hektar Fläche verteilt. Er bekommt so für seine 95 Prozent Flächen, die er bewirtschaftet, auf Antrag eine Förderung.