Leutenbach

Leutenbach: Beim Sommerfest für Flüchtlinge bekommt der Kirchturm Konkurrenz

Flüchtlingsfest
Carsten Reinhards Kästen machen den Kindern Angebote, sie entscheiden, ob sie sie annehmen und was sie draus machen. © Gabriel Habermann

Die Hoffnung der mitfiebernden und -betenden Pfarrerin erfüllt sich zwar nicht, aber rekordverdächtig ist die Aktion allemal. 2,50 Meter schaffen die Jungs, am Ende mit Hilfe einer Leiter und Unterstützung eines Vaters (aus Afghanistan), bei ihrem „Turmbau zu Leutenbach“. Dem Werk ist zwar nur eine kurze Lebensdauer vergönnt, ehe die Statik und der Wind dem in dieser Höhe doch wacklig gewordenen Konstrukt ein jähes, aber erwartbares Ende setzen, es krachend zusammenstürzt. Und so wird nichts aus einem weiteren Kirchturm, der wäre, aus diesem Material gebaut, allerdings das achte Weltwunder gewesen.

Es ist eh schon erstaunlich, was mit so dünnen Spielstäben aus Parkettholz, vereinten Kräften, höchster Konzentration und dem Willen dranzubleiben, ohne sich ablenken zu lassen, „geht“. Das Material kommt von Carsten Reinhard, der zum Sommerfest der Ehrenamtlichen der Flüchtlingsarbeit mit seinem Spielmobil gekommen ist. Die Stäbe seien eben sehr präzise, professionell gefertigt, deshalb gehe das Aufeinanderschichten mit ihnen so gut. Nebendran wuchs bis vor kurzem noch ein Konkurrenzturm, der wäre wohl, weil fünfeckig und damit stabiler, noch höher hinaufgegangen, wenn das Team dort den gleichen Ehrgeiz gehabt hätte. Denksportrechenaufgabe: Die Hölzer sind jeweils acht Millimeter dick, wie viele sind dann bei einem viereckigen Turm mit 2,5 Metern Höhe „verbaut“?

Das Spielmobil ist auch ansonsten besonders, „ausgefuchst“, es besteht nämlich aus lauter Angeboten in Kästen, bei denen die Fantasie der Kinder sich frei entfalten, austoben kann, sie vielfältige „haptische Erfahrungen“ machen können. Es gibt kein Programm, nichts wird erwartet vom Nachwuchs, Reinhard spricht von einem „Ja“-Raum, „Nein“, Verbote und Gebote erlebten die Kinder ja häufiger als genug. Hier sollen sie dagegen einfach ihren Impulsen folgen (können). Die einzige Regel sei: Alles (an Spielmaterialien) bleibt im Kasten, innerhalb der Spielfläche, und das funktioniert erstaunlich gut.

Einer der Kästen ist eine „Küche“, genauer gesagt bietet er die Möglichkeit, mit den entsprechenden Utensilien in kindgerechter Größe daraus eine zu machen. Ein Junge und ein Mädchen, etwa fünf, sechs Jahre alt, keineswegs Geschwister, sitzen dort einträchtig beisammen und spielen „Familie“ – und sie sprechen, aus Flüchtlingsfamilien kommend, bereits verblüffend gut Deutsch, stehen sprachlich einheimischen Kindern kaum nach. Sie erzählt, ihr jüngerer Bruder sage ständig „Oh mein Gott“. Und prompt ist der Spruch kurz darauf tatsächlich bei den Turmerbauern zu hören. Ein Junge sortiert weiße und braune „Kaffeebohnen“ auseinander und füllt sorgfältig Portionen ab, ein anderer macht mit einem Spielzeugnudelholz und Teig aus Sand Ausstecherle. Eine weitere Kiste bietet „Möbel“ an, um eine Wohnung „zu bauen“, eine weitere besteht aus lauter verschiedenem Spielobst.

Zehn Termine werden finanziert aus Förderprogramm „Aufholen nach Corona“

Reinhard ist zum neunten Mal da, war vorher jeweils an den verschiedenen Flüchtlingsunterkünften in Leutenbach. Insgesamt zehn Termine werden von der Kirchengemeinde mit Geldern aus dem Förderprogramm „Aufholen nach Corona“ finanziert. Der 37-Jährige aus Mainhardt ist von Beruf eigentlich Ingenieur, hat sich aber zusammen mit seiner Frau Heidje, nachdem ihr „Testballon“ bei der Bundesgartenschau 2019 in Heilbronn erfolgreich war, umorientiert.

Diakonin Clarissa Böckle kümmert sich mit 50 Prozent ihres Deputats um die Flüchtlingsarbeit, zusammen mit der Integrationsmanagerin der Caritas (im Auftrag des Landkreises) und der Flüchtlingsbeauftragten der Gemeinde, wobei das eben die Hauptamtlichen sind und es nur funktioniert, weil Ehrenamtliche unterstützen, sich ebenfalls einbringen, siehe dieses Sommerfest im Garten vor der Johanneskirche.

Nach wie vor und seit 2015 vor allem leben Syrer, Iraner, Iraker, Afghanen, Togolesen und Gambier in Leutenbach, sind entweder in der Flüchtlingsunterkunft oberhalb des Aldi-Markts oder privat untergebracht. „Neu“, hinzugekommen, sind seit Ende Februar Ukrainer, aus ebenfalls bekannten Gründen. Laut Clarissa Böckle handelt es sich dabei um etwa 60 Personen, Stand heute, teils ebenfalls privat oder in der neuen Unterkunft im Gewerbegebiet in Nellmersbach.

Unterschiede zwischen den beiden Flüchtlingsgruppen

Der große Unterschied aus Sicht der Diakonin: Die wegen des Überfalls von Russland auf ihr Land Geflüchteten haben von vornherein einen sogenannten Aufenthaltstitel. Während bei den einen vor allem anfangs überwiegend junge Männer kamen, sind es bei den anderen fast nur Frauen mit ihren Kindern beziehungsweise Heranwachsende. Sie kommen zwar nur aus einem Land, aber aus verschiedenen Regionen, seien also ziemlich zusammengewürfelt.

Es gibt das genannte Förderprogramm für die Kinder der Flüchtlingsfamilien, das „Café International“ als Begegnungsstätte wurde wiedergestartet, und einen „Sprachtreff“ für Frauen. Das Café wird nach den Sommerferien von „oben“ runter ins Gemeindezentrum umziehen, so dass der Teilnehmerkreis größer werden soll und kann und es für Einheimische leichter wird, mit Flüchtlingen in Kontakt zu kommen – so sie es denn wollen. Durch Corona und überhaupt für Projekte habe es da geradezu einen „Abbruch“ gegeben, Ehrenamtliche hätten sich zurückgezogen, seien abgesprungen, bedauert die Diakonin. Das alles solle nun wieder in Gang kommen, hofft sie – und nicht nur Rückkehrer, sondern auch Neue seien willkommen. Niemand brauche sich auf Dauer zu verpflichten, und auch dauern dabei zu sein, der Zeitaufwand könne ganz flexibel sein und „projektbezogen“.

Die einen wollen hier Fuß fassen, die anderen wollen wieder heim

Noch ein Unterschied bei den beiden Flüchtlingsgruppen sei, so Clarissa Böckle, dass die einen, zumindest die meisten von ihnen, nicht wieder in die Heimat zurückwollen, so ihr Eindruck, die anderen, also die Ukrainer, dagegen schon. Die seien, vielleicht auch deshalb, sehr vernetzt, informiert über die Lage daheim, gut strukturiert, nutzten Handyübersetzungsprogramme. „Die sind anders motiviert.“ Die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und Nordafrika wollten dagegen ganz klar in Deutschland auf Dauer Fuß fassen, dort bleiben. „Man kann es auch so sagen: Die Ukrainer hatten ja vorher eine sichere Heimat.“

Die Hoffnung der mitfiebernden und -betenden Pfarrerin erfüllt sich zwar nicht, aber rekordverdächtig ist die Aktion allemal. 2,50 Meter schaffen die Jungs, am Ende mit Hilfe einer Leiter und Unterstützung eines Vaters (aus Afghanistan), bei ihrem „Turmbau zu Leutenbach“. Dem Werk ist zwar nur eine kurze Lebensdauer vergönnt, ehe die Statik und der Wind dem in dieser Höhe doch wacklig gewordenen Konstrukt ein jähes, aber erwartbares Ende setzen, es krachend zusammenstürzt. Und so wird nichts

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