Leutenbach

Leutenbach: Die Kirchengemeinden wollen kooperieren, aber nicht fusionieren

Gemeindeversammlung im ev. Gemeindehaus Leutenbach-Weiler zum Stein, 02.06.2022.
Pfarrer Sebastian Habeck erklärt die vertrackte Lage bei der Gemeindeversammlung in Weiler zum Stein, zu der sich kaum Teilnehmer einfanden, die nicht „kraft Amtes“ dort waren. © Benjamin Beytekin

Wäre der Besuch bei den jüngsten Gemeindeversammlungen das Anzeichen dafür, wie spannend die Gemeindemitglieder die Frage finden, was aus ihren Kirchengemeinden vor Ort wird, müsste das niederschmetternd sein für die Verantwortlichen. Wenn der Eindruck nicht täuscht, dann findet sich etwa bei der Veranstaltung in Weiler zum Stein außer Teilnehmern „kraft Amtes“ gerade mal noch ein älteres Paar im evangelischen Gemeindehaus ein. Vielleicht ist für die magere Beteiligung auch „mitschuldig“, dass am gleichen Abend ein Elternabend in der örtlichen Grundschule stattfindet. Diese Terminkollision wäre aber wohl vermeidbar gewesen.

Nein, nicht die Kirchen schrumpfen, um Himmels willen, obwohl, auch was die Bauten angeht, ist da ein Prozess im Gange, dafür aber die Zahl derer, die überhaupt noch dorthin gehen und auch die Zahl derer, die sich für das, was dort passiert, interessieren. Wäre man zynisch, würde man sagen: Was die Katholiken hierzulande schon hinter sich haben – wobei auch dort ist „das Ende der Fahnenstange“ wohl noch nicht erreicht – , das steht den Evangelischen noch bevor beziehungsweise da stehen sie noch ziemlich am Anfang. Auch Leutenbach ist, wenn man so will, „auf dem Weg“, eine komplette Pfarrstelle (zwei statt drei) ist weggefallen. Das ist das deutlichste Zeichen, aber eben nur „die Spitze des Eisbergs“.

Was passiert „darunter“, wie soll es mit den Kirchengemeinden selbst weitergehen, wie weit soll deren Kooperation, vielleicht gar Integration, das „Bündeln der verbliebenen Kräfte“, gehen, das ist die eigentliche Frage. Soll es künftig „nur“ eine „Gesamtkirchengemeinde“ geben oder soll bereits eine „Verbundkirchengemeinde“ angesteuert werden oder gar eine Fusion das Ziel sein. Wobei diese, Stand heute, wohl weder „machbar“ noch gewollt wird, von keiner der drei Gemeinden, wobei offenbar die Leutenbacher aber bereit ist, weiter zu gehen als die beiden anderen.

„Impulse aus Stuttgart“ heißt, der Oberkirchenrat macht Vorgaben

Pfarrer Sebastian Habeck spricht eingangs von einem „historischen Zeitpunkt jetzt“, nachdem vor mittlerweile fünf Jahren der Prozess begonnen hatte, die Gemeinden angefangen hätten, über eine Zusammenarbeit nachzudenken. Dazu habe es auch „Impulse aus Stuttgart“ gegeben, so Habeck mit feiner Ironie und diplomatisch zu den Vorgaben von dort. Wobei er allerdings auch nicht versäumt, beiläufig darauf hinzuweisen, dass er damals ja noch nicht da war. Für die Zusammenarbeit gebe es verschiedene „Formen“, dazu auch einen „Bastelkasten“ der Landeskirche. Es gebe da „eine Sicht“ des Oberkirchenrats und eine der Kirchengemeinden vor Ort und damit „zwei Vorschläge“, ergo noch kein „finales Papier“.

Weder für Weiler zum Stein noch für Nellmersbach stehe eine Fusion zur Diskussion, Leutenbach könne sie sich zumindest „vorstellen“, tendiere bislang aber zur Verbundkirchengemeinde. Für die beiden anderen Ort kämen eh nur die beiden „schwächeren“ Optionen der Kooperation infrage und da sei man auch im Prozess tatsächlich „irgendwo dazwischen“, weil er und seine Leutenbacher Kollegin Susanne Blatt Aufgaben ja auch in den anderen Orten wahrnähmen.

Es gehe auch um die jeweiligen Immobilien, das Eigentum daran, vielleicht auch um deren Fortbestand. Da sei für ihn auffällig, dass jede Gemeinde die ihren als solide ansehe und die der andern als „unsicher“, weshalb es wohl aus seiner Sicht darauf hinauslaufen werde, dass jede Gemeinde das Ihre behält und selbst dafür auch künftig sorgt, weiter verantwortlich ist, so Habeck weiter.

Es gebe aber auch Gemeinsamkeit, nämlich dazu, was man gemeinsam machen könnte (was bereits teilweise geschieht) und das, was vor Ort bleiben sollte, mit entsprechenden Aufzählungen, Listen dazu. Über die gemeinsamen Themen gebe es sogar eine große Einigkeit untereinander. Einen entsprechenden angepassten Entwurf für die Option Gesamtkirchengemeinde habe man nach Stuttgart geschickt, von dort sei allerdings zurückgekommen, dass das so nicht genehmigt würde und deshalb seien die für bereits Ende März geplanten Gemeindeversammlungen um zwei Monate verschoben worden.

Ein heikles Feld: Was geschieht mit den jeweiligen Immobilien?

Eigentlich habe man aber ja gedacht, man sei sich mit dem Oberkirchenrat einig, so Habeck. Dieser lege allerdings in einigen Punkten, vor allem juristischen Feinheiten, die auch für ihn selbst nicht zu verstehen seien, sein Veto ein. So gebe es also nach wie vor und Stand heute zwei „Versionen“. Stuttgart akzeptiere zum Beispiel nicht, dass man sich vor Ort darauf geeinigt habe, dass es künftig vier Haushalte geben soll, einen für jede Kirchengemeinde und einen für alle zusammen, sondern verlange, dass es nur noch einen geben dürfe. „Das wurde uns sehr energisch gesagt und auch dass diese Frage nicht ergebnisoffen sei“, so Habeck.

Wenn aber die Immobilien bei den jeweiligen Gemeinden bleiben sollen, wie kämen die dann, mit nur einem gemeinsamen Haushalt, an diese „ran“, das sei eine der Fragen, bei denen es noch „Klärungsbedarf“ gebe. Eine weitere, die sich daraus ergibt: Was passiert bei einem gemeinsamen Haushalt, wenn bei einer fälligen Investition in eine Immobilie sich die Gemeinden nicht einig sind, eine nämlich „Nein“ sagt. Allerdings sei auch der „Stil“ von oben noch „verbesserungswürdig“, bemängelt Habeck, der das offenbar aus der Landeskirche Niedersachsen, aus der er stammt, anders kennt, gewohnt ist. Das Konzept müsse nun so nachgearbeitet werden und damit verändert gegenüber dem, „was wir uns gewünscht haben“, dass zumindest eine Mehrheit im Oberkirchenrat zustimme.

Das neue Gebilde bekommt einen Bandwurmnamen

Ein Paradebeispiel für die Vertracktheit ist die Namensfindung für das neue „Gebilde“. In den beiden anderen Kirchengemeinderäten gab und gibt es keine Mehrheit dafür, dass es „Leutenbach“ heißen soll, nach dem Vorbild der bürgerlichen Gemeinde, wobei bei der der Fusionsprozess vor fast einem halben Jahrhundert bekanntlich auch nicht gerade konfliktfrei war. Der Kompromiss, als der kleinste gemeinsame Nenner und mangels anderer praktikabler Alternativen, lautet: „Kirchengemeinde Leutenbach-Nellmersbach-Weiler zum Stein“ (Reihenfolge nach dem Alphabet, nicht nach der Größe, wohlgemerkt! Außerdem klingt es so auch rhythmischer als anders herum).

Magdalene Kellermann, die Vorsitzende des Nellmersbacher Kirchengemeinderats, verteidigt diesen Bandwurmnamen auf Nachfrage. Er zeige, dass die Kirchengemeinden noch bleiben, deshalb sei es richtig, dass alle drei Ortsnamen in ihm vorkommen, das Zusammenwachsen dürfe kein „Schnellschuss“ sein, sondern müsse sukzessive erfolgen.

Auch er als „Zugezogener“ könne diese Namensgebung nachvollziehen, so Habeck: „Es braucht erst das Zusammenwachsen, wir sind ja noch in der Kennenlernphase.“ Es habe schon bei der Gemeindereform Leute gegeben, die sich übergangen gefühlt hätten, mahnt und warnt Magdalene Kellermann zugleich, wobei auch sie, Pardon, eine „Reig’schmeckte“ ist, damals gar nicht selbst dabei war. „Wir wollen es deshalb anders machen, sensibler angehen als damals, erst gegenseitiges Vertrauen schaffen, dann ist das mit dem Namen nicht mehr so wichtig.“

Dem skeptischen Fragesteller wird auch von anderen in der Runde entgegengehalten, dass ja die Weilermer, die Nellmers- und die Leutenbächer sich bis heute, nach wie vor, über ihren Ort definieren. Insofern bilde dieser Name die Wirklichkeit ab. Überhaupt, betont Magdalene Kellermann, die drei Kirchengemeinden funktionierten ja, der „Zwang zur Gemeinsamkeit“ komme ja vor allem aus der Kürzung von Pfarrstellen. „Wenn es die nicht gäbe, käme ja gar niemand überhaupt auf diese Idee.“ Im Übrigen werde „der Laden“ vor Ort ja vor allem von Ehrenamtlichen „gewuppt“.

Die Zahl der Gottesdienstbesucher nimmt immer weiter ab

Ein weiteres Thema in diesem Zusammenhang: der immer weitere Rückgang der Zahl der Gottesdienstbesucher, den eine Teilnehmerin der Versammlung erschreckend, ja schockierend nennt. Habeck verweist zum einen auf die Corona-Zeit, die Schließung der Kirchen – da sind im Übrigen auch einige deshalb ausgetreten – , zeigt sich zum andern aber zuversichtlich, durch die neuen technischen Möglichkeiten, nämlich Gottesdienste im Internet live zu streamen, wieder als Kirchengemeinde vor allem für Jüngere wieder interessanter zu werden, freilich zusammen mit der Aufgabe, die Gottesdienste selbst attraktiver (Musik!) zu machen, ein Ansatz, der allerdings nicht gerade neu ist.

Mittlerweile wäre es ja billiger, wenn man die Fixkosten in Rechnung stelle, die „paar Besucher“ mit dem Taxi zum Gottesdienst im Nachbarort zu bringen, räumt der Pfarrer ein. Es soll aber nach wie vor die Gottesdienste vor Ort geben, mit dem Ziel, einmal im Monat ein gemeinsamer Gottesdienst. Magdalene Kellermann wiederum schlägt vor, die Kirchenmitglieder zu befragen, nach deren Wünschen, und „also nicht mehr erst, wenn die Leute austreten, sie fragen, warum, wo lagen die Probleme für Sie?“

Wäre der Besuch bei den jüngsten Gemeindeversammlungen das Anzeichen dafür, wie spannend die Gemeindemitglieder die Frage finden, was aus ihren Kirchengemeinden vor Ort wird, müsste das niederschmetternd sein für die Verantwortlichen. Wenn der Eindruck nicht täuscht, dann findet sich etwa bei der Veranstaltung in Weiler zum Stein außer Teilnehmern „kraft Amtes“ gerade mal noch ein älteres Paar im evangelischen Gemeindehaus ein. Vielleicht ist für die magere Beteiligung auch „mitschuldig“,

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