Leutenbach

Malerin Sibylle Bross konnte der kontaktarmen Corona-Zeit auch Positives abgewinnen

Sibylle Bross
Sibylle Bross wundert sich manchmal selbst, wenn sie ihre eigenen Bilder anschaut. © Benjamin Büttner

Eine kann – oder mag – über Corona nicht nur jammern. Die kontaktarme Pandemiezeit – sie selbst spricht von einem „Loch“ – habe bei ihr zu einem kreativen Höhenflug geführt, erzählt Sibylle Bross. Davon können sich Interessierte selbst überzeugen, denn die Nellmersbacher Malerin zeigt an diesem Wochenende Werke, die in den vergangenen zwei Jahren entstanden sind.

Noch nie in ihrem Leben zuvor habe sie sich so in die Malerei stürzen können, sei sie so produktiv gewesen, so die 62-Jährige. Die allerdings, das wird beim Gespräch während des Rundgangs durch ihr Atelier deutlich, die Folgen der Pandemie für die Betroffenen und die Allgemeinheit keineswegs kleinredet oder gar leugnet, ganz im Gegenteil. Auch sie hält zudem die Kunst, die Künstler für zu kurz gekommen, den Ausfall des Kunstbetriebs für zu wenig beachtet, auch in den Medien.

Zurück zu ihr und ihrer persönlichen Situation: Sie habe gemerkt, dass es eigentlich nicht die Familie sei, die sie immer wieder vom Arbeiten abhalte, sondern Termine. Dadurch, dass die allermeisten in dieser Zeit weggefallen sind, sei sie in einen tollen Schaffensrhythmus gekommen, habe den Kopf endlich mal freigehabt. „Das tat richtig gut.“ Sie sei aber überhaupt jemand, der immer versuche, in allem das Positive zu sehen, sich die Freude zu erhalten. Natürlich sei es bei der bildenden Kunst etwas anders als bei der darstellenden: „Die findet im Atelier statt und sie braucht erst mal kein Publikum.“ Nun ja, so ganz ohne geht aber offenbar doch nicht, auch nicht bei ihr, die ja ohnehin ein „offenes“ Atelier betreibt, Kurse gibt, andere teilhaben lässt, motiviert.

Sie kann die Weitläufigkeit der einstigen Bildhauer-Werkstatt nutzen

Apropos Atelier: Dessen Weitläufigkeit  nutzt sie für ihre Veranstaltung. Die Besucher sollen und werden sich beim ausgewiesenen, mit Wegweisern markierten, Rundgang durch die Räume verteilen. Das Hygienekonzept darüber hinaus hat sie schon am Anfang der Pandemie entwickelt. Damals habe sie sehr intensiv Natur „in kleinem Format“ gemalt, sei viel draußen gewesen. Sie schmunzelt, schüttelt sozusagen den Kopf über sich, denn Natur ohne Menschen in ihren Bildern habe sie sich früher nie vorstellen können.

Beim Malen der Monbachschlucht geriet sie in eine Art Rausch

Bei der Ausstellung sind auch Großformate zu sehen, die sie „live“ bei „Carmina Burana“-Aufführungen im Waiblinger Bürgerzentrum und in der Beutelsbacher Halle zur Remstal-Gartenschau gemalt hatte, vor Corona. In einer kleinen Sackgasse, einem Abstecher vom Rundgang, sind Bilder, die während des dritten Lockdowns entstanden. „Die sind nicht mehr friedlich“, so die Malerin selbst nachdenklich beim Betrachten. Auch große Ölwerke, mit Schwarzwald-Motiven, genauer gesagt, der Monbachschlucht, an die sie sich gleich danach machte, „das war wie im Rausch“, zeigen keineswegs reine Idyllen.

Bei der Badeszene war auf einmal der Tsunami von 2004 gegenwärtig

Doch irgendwann habe ihr die Situation doch aufs Gemüt geschlagen, „dieses Gefühl des Eingesperrt-Seins“. Sie empfinde „Erlebnisse als innere Bilder“. Beispiel: Als sie eine Badeszene malte, war auf einmal der verheerende Tsunami im Indischen Ozean 2004 wieder gegenwärtig. Mit einer Idylle begonnen, sei es auf einmal dramatisch geworden auf dem Bild, weil sie sich dieser Stimmung komplett hingeben musste: „Solche irritierenden Momente, wo eine Ungewissheit entsteht, die überkommen einen plötzlich.“ Bei ihr setzte es Energie frei gleich für einen ganzen Zyklus. Auf den Bildern schwebt ein bedrohliches Orange, das „naturalistisch“ gesehen, dort eigentlich gar nichts verloren hat. Oder ein dunkles Rot, wo einen plötzlich der Gedanke durchzuckt: Das kann nicht „bloß“ eine Abendstimmung sein, das soll doch mehr bedeuten oder etwas ganz anderes. Sie kommt wieder auf „diese für mich gute Zeit“zu sprechen: „Das hält man trotzdem nicht ewig aus und das will man auch nicht wiederhaben.“

Was bedeutet eigentlich „Lockdown“, sinniert sie

Sie wird auch Bilder zeigen, die bereits in der Ausstellung in der Nuss’schen Skulpturenhalle in Strümpfelbach zu sehen waren. Auch Motive, „die einem guttun.“ Natur könne auch heilen, Körper und Seele. Im heißen Sommer heuer waren sie zweimal in der Monbachschlucht, sie nennt sie „Abkühlungsort für die ganze Familie, mit sehr entspannter, ja friedlicher Stimmung“.

Weiter geht’s im Rundgang, die Wendeltreppe hoch, zum Kursraum, der für die Ausstellung noch bestückt werden will. Was bedeute eigentlich „Lockdown“? Endlich mal für sich sein (können) oder einsam sein, sinniert die Malerin. Sich absondern zu müssen, „nemme d’Leut zu treffa“, sei ihr schwergefallen. Natürlich, sie lebe im Haus in einer Art WG, Ansprache habe sie also durchaus, es fehlten aber Kontakte „von Mensch zu Mensch“, da nütze auch nichts, dass sie auf Facebook aktiver geworden ist. Im Sommer ‘21 sei sie deshalb „exzessiv“ unterwegs gewesen, in den Niederlanden, in Dänemark, an der Ostsee, neue Aquarelle, Akte entstanden. „Da war ich also ned viel dahoim“, räumt sie lachend ein. Ja, und im Sommer ‘20 sei sie aber auch viel draußen gewesen, hierzulande, in Gärten, im nahen Zumhof zum Beispiel, natürlich auch dort gemalt, Ausgleich in der Region, sagt sie.

Das ist ihr wichtig: Dass auch Anselm Ring ausstellt, 74-jähriger Österreicher und Freund, eigentlich aus dem gleichen Metier stammend wie sie, aber in seinem Schaffen sich mehr und mehr dem Metall (Messing, Silber, Eisen) widmend, geschmiedet, in Schmuckform oder „Objekten“.

Mit der Ausstellung nun wird nachgeholt, was sie schon Anfang April 2020, ebenfalls mit einer Ausstellung, feiern wollte: Damals hatte sie zehn Jahre vorher das Atelier der beiden Bildhauer Ingrid Seddig und Alfred Tme übernommen. Corona machte aber auch ihr einen Strich durch die Rechnung.

 Das Atelier ist, mit der Ausstellung, am Samstag und Sonntag jeweils von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Sibylle Bross verlangt keine Anmeldung. Sie geht nicht davon aus, dass es überlaufen sein wird. Es gilt die 2G-Regel, es wird jemand am Eingang deren Einhaltung kontrollieren, dazu gilt natürlich Abstand halten, Maske tragen sowie lLüften und Einbahnstraße.

Abgesagt ist das gemütliche Beisammensein, mit dem der Sonntag abends ausklingen sollte, bei Musik des Duos „Hearts and Bones“ mit Barbara Gräsle und Biggi Binder. Dessen Auftritt soll im Herbst kommenden Jahres nachgeholt werden.

Eine kann – oder mag – über Corona nicht nur jammern. Die kontaktarme Pandemiezeit – sie selbst spricht von einem „Loch“ – habe bei ihr zu einem kreativen Höhenflug geführt, erzählt Sibylle Bross. Davon können sich Interessierte selbst überzeugen, denn die Nellmersbacher Malerin zeigt an diesem Wochenende Werke, die in den vergangenen zwei Jahren entstanden sind.

Noch nie in ihrem Leben zuvor habe sie sich so in die Malerei stürzen können, sei sie so produktiv gewesen, so die

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