Leutenbach

Mit Fahrrad und Gitarre bis nach Südfrankreich

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Lisa Ossig hat auf ihrer Reise mit dem Fahrrad, neben ihrer Liebe zur Musik, die Liebe für die Berge entdeckt. © Feuerstein / ZVW
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Während der Reise hat sich Lisa Ossig etwas Taschengeld mit Straßenmusik verdient.
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Geschafft! Lisa Ossig in Collioure.

Leutenbach. Sie wollte sich ein paar Wochen lang treiben lassen, Leute kennenlernen und Kraft tanken. Deshalb packte die Leutenbacherin Lisa Ossig beide Satteltaschen, Zelt und ihre Gitalele und machte sich auf den Weg. Eigentlich war ihr Ziel Barcelona. Doch in Frankreich hat sie sich entschieden, abzubrechen, erfüllt mit vielen Erinnerungen an viele tolle Menschen.

Archiv-Video: Lisa Ossig singt "Mountains of life".

„Die Offenheit kann einem überall begegnen“, sagt Lisa Ossig. „Vielleicht kommt es auch auf einen selber ein bisschen an“, meint die 26-Jährige. Doch, die meisten Menschen, die ihr auf ihrer Radreise von Stuttgart bis nach Collioure unweit der spanischen Grenze begegnet sind, waren „sehr offene und hilfsbereite Menschen“. Die Erfahrung machte sie auch, als sie sich einmal vom Pech verfolgt fühlte.

An einem Tag hatte sie dreimal einen Platten – jeweils mit anderer Ursache. Als sich bei La Grande-Motte etwa 30 Kilometer vor Montpellier ein Dornenast in ihrem Reifen verhakte und zuvor noch eine Saite an ihrer Gitalele gerissen war (eine Gitarre im Miniformat), war sie am Boden zerstört. Es war am Abend, kein Geschäft hatte mehr auf. Einige Kilometer zuvor hatte sie eine Familie kennengelernt, deren Sohn wiederum in der Stadt in Südfrankreich lebt. Der hatte zwar kein Auto, konnte aber eines organisieren und sammelte sie unterwegs ein. Als sie sich am nächsten Tag eine Saite kaufen wollte, bekam sie diese geschenkt, als sie von ihren Reiseplänen erzählte.

Natürlich gab es auch diejenigen, die ihr die kalte Schulter gezeigt haben. Von Chambéry nach Grenoble kam sie auf dem Pass in ein Unwetter. Zwischen Wald und Felder gab es keine Möglichkeiten sich unterzustellen. „Ich war komplett durchnässt!“, sagt die 26-Jährige aus Weiler zum Stein. Als sie sich in einem Café aufwärmen und umziehen wollte, begegnete man ihr mit den Worten: „Wir schließen jetzt!“ Also stellte sich Lisa Ossig, die viele von ihren Auftritten auf dem Winnender Wochenmarkt kennen, unter einen Dachvorsprung, wrang ihre Kleidungsstücke aus und wartete, dass der Regen nachlässt.

Ihr Freund ermutigte sie

Sie sitzt an einem Tisch in der Winnender Brasserie, umfasst mit beiden Händen ihre Teetasse und blickt nach draußen. „Ich bin sehr gerne hier“, sagt sie. Auf der gegenüberliegenden Seite wächst ein Feigenbaum. „Die Frucht habe ich auf meiner Reise lieben gelernt“, sagt Lisa Ossig und lächelt. Es hat den Anschein, als könnte sie hier tiefer in ihre Erinnerungen abtauchen. Eine Reise, auf die sie ihr Freund gebracht hat und sie in ihrem Vorhaben ermutigte, jetzt, bevor sie einen neuen Weg einschlagen will. Im Oktober beginnt sie ihre Ausbildung zur Arbeitserzieherin.

Gitalele steckte gut gepolstert zwischen der Kleidung

Mehre Wochen hatte sie sich vorbereitet, überlegt, was sie mitnimmt: Zelt, Schlafsack, eine selbstaufblasbare Matte, Fahrradkleidung und ein paar Sommersachen, ein Taschenmesser, Tupperdose, Stirnlampe, Landkarten und ein Küchenhandtuch „als Esstisch“ und die Gitalele, die in ihrer Satteltasche gut gepolstert zwischen den Kleidungsstücken steckte. Übernachtet hat sie aber nicht nur in ihrem Zelt, sondern auch bei Leuten, die sie auf der Reise kennengelernt hat. Möglich macht das eine Internetplattform „Warm Showers“, auf welcher sich Radreisende vernetzen, eine Sache, die sie erst unterwegs kennengelernt hat.

Kein Zeitdruck

Mulmig war es ihr eigentlich nie, so allein unterwegs zu sein, sagt sie. Wobei, doch, vielleicht einmal, als sie in einer Käserei haltmachte. Doch auf eine skeptische Nachfrage erntete Lisa Ossig nur ein lautes Lachen. Sie fühlte sich so wohl, dass sie gleich mehrere Tage geblieben ist und sogar mitarbeitete. Das war auch das Schöne an der Reise, sagt sie rückblickend, dass man bleiben konnte, wenn es einem an einem Ort gefallen hat. Wenn es sich ergab, hat sie mit den Familien, bei denen sie unterkam, Musik gemacht. Dann ist sie wieder 80 Kilometer am Tag geradelt, manchmal nur 40.

Besonders gefallen haben ihr die Berge auf ihrer Reise. Als sie auf dem Weg in die Provence die Alpen durchquerte, wobei sie generell den Weg über den Pass wählte, war sie völlig überwältigt. „Ich hatte Gänsehaut und Tränen in den Augen!“

Umso näher sie aber an die spanische Grenze kam, desto verunsicherter war sie von ihrem ursprünglichen Plan, bis nach Barcelona zu radeln. Sie spricht kein Spanisch und die Küstenregion schien ihr gar nicht so zu behagen. Nachdem sie noch einmal Kraft getankt hat, hat sie sich in den Zug gesetzt und ist nach Hause gefahren.


Das Fahrrad

Das Fahrrad von Lisa Ossig ist ein Tourenrad. Sie hat es im Internet gekauft und „komplett saniert“, wie sie sagt. Geholfen hat ihr dabei ihr Freund, der eine kleine Fahrradwerkstatt betreibt. „Es ist etwa 30 Jahre alt“, sagt sie. Bei dem Fahrradumbau hat sie viel gelernt, so dass sie sich bei einer Panne selbst helfen konnte.

Die Tour von Lisa Ossig führte von Stuttgart, Basel, Genf, Annecy, über Chambéry, Grenoble nach Die (Provence), Vaison-la-Romaine, Avignon, Arles, die Camargue, Montpellier, Mèze, Argèles-sur-mer und Collioure, von wo aus es zurück nach Hause ging.