Leutenbach

Offene Videokonferenz mit Hohenheimer Professor zum Umgang mit Verschwörungsmythen: Die Anticoronademos bekommen in den Medien zu viel Aufmerksamkeit, sagt Wahlguru Frank Brettschneider

SPD online-Vorträge
Pierre Orthen hat den Videochat mit Brettschneider (siehe Handydisplay) organisiert und ist auch der Administrator und Moderator. © ALEXANDRA PALMIZI

Der „Prof“ redet tatsächlich nicht länger, als er angekündigt hat. Bei seinem Vortrag. In der sich anschließenden Fragerunde geht es weit über das anvisierte Zeitfenster hinaus. Das Thema bewegt: Wie umgehen mit Verschwörungstheorien? Die Frage stellt sich angesichts der Anti-Corona-Maßnahmen-Demos verstärkt. Bei Teilnehmern dort fällt diese besondere Art von Märchen auf fruchtbaren Boden. Der Anlass ist also brandaktuell.

Aktuell, Stichwort Lockdown, ist auch, dass der Vortrag von Prof. Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim nicht in einem Hörsaal dort stattfindet, auch nicht in einer Halle, und auch nicht mit Publikum vor Ort, sondern online. Die Leutenbacher SPD und die Kreis-Jusos veranstalten ein sogenanntes „Webinar“, ein Seminar im Web, umgangssprachlich „im Netz“. Jeder, der ein Smartphone, einen Laptop oder einen PC hat und es schafft, sich mit der Kennnummer und dem Passwort auf der Website der Videokonferenzplattform Webex anzumelden, kann teilnehmen und sich auch zu Wort melden. Noch eine Voraussetzung muss er/sie erfüllen, die noch ganz aus der analogen Zeit stammt: pünktlich sein. Das Webseminar ist nämlich, wenn man so will, „live“, etwas, das schon die Menschen im Vorinternetzeitalter kannten. Nach und nach „tröpfelt“ einer nach dem andern ein, taucht auf einem „Fenster“ des sich mehr und mehr teilenden Notebook-Bildschirms und der Teilnehmerliste nebendran von Pierre Orthen auf. Es werden schließlich über 30, darunter der Schwaikheimer SPD-Veteran Hermann Zoller.

Orthen ist der Organisator der Veranstaltung, wenn man so will, der Gastgeber, gleichzeitig auch ihr Administrator und Moderator, ein „Digital Native“, der SPD-Ortsvereinsvorsitzende und seit der jüngsten Wahl auch Gemeinderat. Er studiert in Stuttgart und kennt Brettschneiders Frau von einem Seminar im ersten Semester, als sie über das „politische System der BRD“ dozierte.

Brettschneider ist kein SPDler – die Teilnehmer am Webinar müssen das auch nicht sein – aber Kommunikationswissenschaftler, dabei auch Wahlforscher, einer breiten Öffentlichkeit als „Wahlguru“ bekannt durch seine Auftritte in den Medien, etwa im Rahmen der jüngsten OB-Wahl in Stuttgart. Orthen, auf der Suche nach einem Referenten für das Thema, „klopfte“ einfach mal bei dem umtriebigen Akademiker an, der prompt nicht groß überredet werden musste und der sich im Verlauf der Videoschalte als sehr umgänglich erweist, keineswegs als „verkopft“, und der sich verständlich auch für die ausdrückt, die mit „Politologie“ sonst nichts am Hut haben.

Masche: Bewusste Tabubrüche

Brettschneider hat durch die Corona-Zeit mittlerweile selbst reichlich Erfahrung mit Online-Vorlesungen. Dort seien die Studenten übrigens pünktlicher als bei Hörsaal-Vorlesungen. Er will von Orthen vorab wissen, „ob ,sie’ denn auch hier Probleme machen“. Sie, die Verschwörungstheoretiker. Als hellwacher Zeitgenosse weiß er natürlich auch so von den Demos, die es in Städten im Rems-Murr-Kreis gibt. Plötzlich „funkt“ einer, überpünktlich dran, dazwischen, stellt sich als ein Aspacher und gleich mit Vornamen vor. „Gradraus“ ist er auch in der Fragerunde, in der er von Brettschneider geradezu Hilfe im Umgang „mit denen“ erfleht.

In seinem Vortrag erzählt der Professor nichts ganz Neues, nichts, was über das, was sonst in den Medien über alle möglichen „Querdenker“ berichtet wird, wesentlich hinausgeht. Er spricht nicht von Verschwörungstheorien, sondern von Verschwörungsmythen, die es zu allen Zeiten gegeben habe, verstärkt in Krisensituationen, in denen sie geradezu florierten.  Auf der Suche nach Orientierung, nach einfachen Antworten in einer komplizierten Welt, wiesen sie oft eine Nähe, ja Verwandtschaft zu „rechtspopulistischen Narrativen“, Erzählweisen, ein immer wiederkehrendes „Framing“, lebten geradezu von Provokationen, Tabubrüchen, Attacken gegen die traditionellen Medien, nutzten dabei aber gerade deren Mechanismen.

Höcke: Empörung erzeugen

Brettschneider nennt Trump. Höcke sei ein Meister darin, bewusst Empörung zu erzeugen. Gaulands „Vogelschiss“-Aussage ist aus seiner Sicht am besten vom „Tagesspiegel“ gekontert worden, mit einer Titelseite, die komplett aus Fotos aus der NS-Zeit (inclusive schockierender KZ-Bilder) und drüber das wörtliche Zitat des AfD-Frontmanns. Die „sozialen Medien“ seien nicht erst seit Corona ein „Einfallstor“ für die Verbreitung von „Fake News“, das sei schon bei der Flüchtlingsbewegung (nicht -„welle“) vor fünf Jahren und beim Brexit so gewesen, von Trump ganz zu schweigen, der sogar die Chuzpe habe, den Spieß umzudrehen, für ihn kritische Tatsachen ihrerseits als „Fake News“ diffamiert.

Aber was tun dagegen? Verschwörungsmythen schon beim Entstehen unterbinden zu wollen, genauer zu können, sei unrealistisch, so Brettschneider. Das gelte auch für den Versuch, sie an ihrer Verbreitung zu hindern. Wobei das aber auch nicht wirklich wünschenswert wäre. Richtigstellen, mittels Faktenchecks, sei zwar die richtige Strategie: „Das Problem dabei ist aber, dass die es gar nicht erst wahrnehmen. Die sehen nämlich das auch als Teil einer Verschwörung.“ Trotzdem: Man dürfe sich davon nicht entmutigen, abhalten lassen. „Noch besser wäre aber vorzubeugen in dem Sinne, dass erst gar kein Raum für Fake News entsteht.“ Da stünden die Medien, aber auch die Politik und die Wissenschaft in der Pflicht. Dieser Kampf sei mühsam. Erfolg verspreche, früher anzusetzen, bei denen, die in Gefahr sind „abzugleiten“, die aber noch „zu erreichen“ sind.

Orthen verweist darauf, dass die AfD ja bei den Anti-Corona-Demos mitauftrete, aber seiner Beobachtung nach damit nicht sehr erfolgreich sei. Das decke sich mit seiner Einschätzung, so Brettschneider: „Die Resonanz ist null.“ Er verweist auch auf die Kandidatur von „Querdenker“ Ballweg bei der OB-Wahl in Stuttgart, die aussichtslos gewesen sei. Aus seiner Sicht werde ohnehin zu viel in den Medien über diese Demos berichtet, „erst recht im Verhältnis zu der Zahl der Menschen, die sich an die Regeln halten. Aber ich verstehe natürlich, dass das langweiliger wäre.“ Die Medien würden instrumentalisiert und ließen sich instrumentalisieren, wie etwa zu Beginn der AfD-Zeit, als Höcke immer wieder in den Talkshows gewesen sei. Das öffentliche Immer-wieder-sich-Aufregen über deren Tabubrüche nütze der AfD eher, weil es ihr ein „Gefühl der Selbstwirksamkeit“ gebe, sie so bestärke, meint Brettschneider.

Bergamo: Die Macht der Bilder

Wieder meldet sich der Aspacher. Damals, nach dem Zweiten Weltkrieg, seien doch die „unwissenden“ Deutschen von den Amerikanern durch die KZs geführt worden, damit die endlich glaubten, dass es den Holocaust wirklich gegeben hat. Warum also nicht mit den Corona-Leugnern ähnlich verfahren, sie also in die Intensivstationen der Krankenhäuser bringen, so sein Vorschlag. Das sei natürlich nicht machbar, aber richtig daran sei der Gedanke „der Macht der Bilder“, meint Brettschneider. Es sei doch auffällig, dass am Anfang der Pandemie das Verleugnen ihre Gefährlichkeit weniger verbreitet, der Widerstand gegen die Maßnahmen weniger stark gewesen sei. Der Grund dafür sei aus seiner Sicht klar: „Damals gab es diese schockierenden Bilder mit den Toten-Lkws in Bergamo.“ Warum werde denn bislang so viel über Infizierte und so wenig über die Toten berichtet? „Es fehlen Bilder. Die wären überzeugender.“

Echokammer: Immun gegen Fakten

Eine Teilnehmerin des Videochats verweist darauf, dass sie immer wieder von Corona-Leugnern bis hin in die eigene Verwandtschaft das Totschlag-Argument zu hören bekomme „Ich hab’ noch keinen Corona-Toten gesehen“. Dessen Absurdität habe die Satire-Website „Der Postillon“ gut gekontert, mit der (natürlich nicht ernst gemeinten) Aussage, es gebe bekanntlich ja auch keine Verkehrstoten, so Brettschneider.

Im Grunde führe aber der Versuch, Verschwörungsmythen zu widerlegen, bei denen, die an sie glauben, die von ihnen überzeugt sind, in der Regel zu nichts. „Das ist vergebliche Liebesmüh, da nützt auch der Hinweis auf Faktenfinder-Websites, die solchen Fake News nachgehen, nichts.“ Sein Rat in solchen Fällen laute: Das Gespräch abbrechen und sozusagen als Ergebnis feststellen, dass man eben „auf verschiedenem Informationsstand“ sei.

Verschwörungsmythen-Anhänger befänden sich in einer „Filterblase“, in einer „Echokammer“. Diese Vorstellungen und ihre Anhänger habe es schon vor Corona geben und das werde auch nicht aufhören, wenn Corona „verschwinden“ sollte. Brettschneider verweist dazu auf die Impfgegner: „Die werden weiter und weiter behaupten, dass es eine Impfpflicht, einen Impfzwang geben wird, egal, wie oft man ihnen das Gegenteil beweist.“ Dass es bislang und im Vergleich mit anderen Ländern relativ wenige Corona-Tote in Deutschland gegeben hat, heiße ja nicht, dass es den Virus überhaupt nicht gebe, wie es ja ebenfalls von den Leugnern behauptet worden sei, „sondern zeigt doch, dass die Maßnahmen dagegen hier bei uns relativ erfolgreich gewesen sind“.

Der „Prof“ redet tatsächlich nicht länger, als er angekündigt hat. Bei seinem Vortrag. In der sich anschließenden Fragerunde geht es weit über das anvisierte Zeitfenster hinaus. Das Thema bewegt: Wie umgehen mit Verschwörungstheorien? Die Frage stellt sich angesichts der Anti-Corona-Maßnahmen-Demos verstärkt. Bei Teilnehmern dort fällt diese besondere Art von Märchen auf fruchtbaren Boden. Der Anlass ist also brandaktuell.

Aktuell, Stichwort Lockdown, ist auch, dass der Vortrag von

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