Leutenbach

Rundumzaun für die Lärmquelle? Vorbehalte zum Vorstoß der Verwaltung für den Kunstrasenplatz in Nellmersbach

Kunstrasenplatz
Das Problem: Hier wird oft außerhalb der erlaubten Nutzungszeit gebolzt. © Gabriel Habermann

Seit es den Kunstrasenplatz in Nellmersbach gibt, also seit fast 20 Jahren, gibt es Ärger wegen der Lärmbeeinträchtigungen der Nachbarn durch ihn. Auch die zwischenzeitlich erlassene Nutzungsordnung, mit der der Platz eindeutig und für jeden gut erkennbar beschildert ist, hat das Problem nicht aus der Welt geschafft.

Angeblich kicken dort immer wieder Gruppen auswärtiger Erwachsener

Die Gemeindeverwaltung berichtet, dass sich im Gegenteil die Lärmbelastung für die Anwohner in den Sommermonaten deutlich verschärft habe. Regelmäßig kickten dort auswärtige Erwachsene, die regelmäßig in größeren Gruppen vor allem in den Abendstunden und am Wochenende den Platz nutzen. Erwachsene dürfen dort nur mit vorheriger Genehmigung durch die Gemeinde bolzen, es sein denn, es handelt sich um Vereinssport. Und spät abends oder am Wochenende dort „wild kicken“ ist ebenfalls nicht erlaubt, das aber eh unabhängig vom Alter.

Als Zeugen für die immer wiederkehrenden Verstöße nennt die Verwaltung den betreffenden Hausmeister, den Gemeindevollzugsdienst, Sicherheitsdienstleute und Polizeistreifen, die diese beobachtet hätten. Aber auch einheimische Jugendliche hielten sich nicht an die vorgegebenen Zeiten und würden zudem den Lärm noch mit Musik, die von mitgebrachten Ghettoblastern abgespielt werde, verstärken.

Hinter allem lauert die Gefahr der kompletten Schließung

Seit 2005 muss die Gemeinde auf Geheiß des Landratsamts ihren Vollzugsdienst die Einhaltung der Nutzungszeiten überwachen lassen. Hintergrund laut Verwaltung ist, dass bei einer Klage von Anwohnern, aufgrund von Verstößen gegen die Benutzungsordnung und beim Nachweis, dass die Gemeinde dagegen nicht ausreichend vorgeht, unter Umständen die komplette Schließung des Platzes fürs Bolzen droht.

Provokationen bis hin zu Beleidigungen

Laut Verwaltung ist im Sommer zu unterschiedlichen Zeiten, auch an den Wochenenden, bis zu 15-mal am Tag kontrolliert worden. Mit der Polizei sei zudem vereinbart worden, dass auf Meldungen von Anwohnern hin unverzüglich reagiert werde. Allerdings habe diese massive Ausweitung der Kontrollen, auch durch eine eigens beauftragte Security-Firma, die Situation kaum verbessert.

Die Kontrolleure hätten sich im Gegenteil teilweise unverschämte Reaktionen, auch Provokationen, gefallen lassen müssen. Außerdem wisse man von Anwohnern, dass, sobald die Kontrolleure abgezogen seien, hinterher die Wildkicker zurückgekehrt seien und unbeirrt weitergemacht hätten. Zudem seien Anwohner beleidigt worden, wenn sie auf die Benutzungszeiten hingewiesen hätten.

Bälle werden absichtlich gegen den Metallballfangzaun geschossen

Seit 2019 habe das Ganze überhandgenommen, man sei zeitweise der Situation nicht mehr Herr geworden, ergänzte Bürgermeister Jürgen Kiesl in der jüngsten Sitzung des Gemeinderats. Zusätzlicher Lärm entstehe auch dadurch, dass Bälle bewusst, absichtlich gegen die Fangzäune aus Metallstäben hinter den Toren gekickt würden, was durch die Resonanzschwingungen eigenen, zusätzlichen Lärm erzeuge, so Hauptamtsleiter Jakob Schröder. Dass immer wieder länger als erlaubt gekickt werde, sei erwiesen. Zwar sei die Security regelmäßig dort unterwegs, aber die dürfe ja gegenüber niemandem Sanktionen aussprechen, ja nicht mal Personalien aufnehmen, und die Polizei wiederum könne nicht ständig kommen. Auch der Hausmeister und der Vollzugsdienst seien an der Grenze des ihnen Zumutbaren angelangt.

Verwaltung: Noch mehr kontrollieren geht nicht

Doch was nun tun, um auf dem Platz auch in Zukunft Bolzen zulassen zu können, was ja auch weiterhin gewollt ist, so lautet die Frage? Eine weitere Ausweitung der Kontrollen durch den Gemeindevollzugsdienst sei von dessen Kapazität her nicht möglich, zumal der Kostenaufwand für die im Sommer erfolgten Kontrolldichte schon kaum mehr verhältnismäßig gewesen sei, sagt die Verwaltung. Ihr Vorschlag: stattdessen den Platz so einzäumen, wie beim Kunstraseplatz in Weiler zum Stein, wo es ähnliche Probleme gab, so dass er außerhalb der Benutzungszeiten abgeschlossen werden kann. Das Bauamt der Gemeinde sieht dafür drei Möglichkeiten. Im Gemeinderat, wo es erst mal um Kenntnisnahme und ein erstes Stimmungsbild geht, also nicht um einen Beschluss, hielt sich die Zustimmung dazu, milde gesagt, in ganz engen Grenzen.

Gemeinderäte möchten lieber die Nutzungszeiten ausweiten

Die meisten Bürgervertreter haben mit Einzäunen und damit der Beschränkung des Zugangs zu einer Sport- und Spielstätte ein grundsätzliches Problem, zumal die Gemeinde für diese viel Geld ausgegeben hat. Sie richten das Augenmerk eher auf die geltenden Benutzungszeiten, sehen nämlich dort noch erhebliches Verbesserungs- genau gesagt Ausweitungspotenzial. Nach dem Motto: Wenn es mehr „legale“ Zeiten gibt, dann gibt es auch weniger Verstöße gegen die Vorgaben. Dabei steht, was von Seiten der Anwohner, möglicherweise Behörden- oder gar Gerichtsseite drohen könnte, offensichtlich nicht im Vordergrund.

Zumal die Verwaltung dieser Haltung Vorschub leistete mit den Hinweisen zum einen auf die 2017 geänderte Rechtsgrundlage zur Beurteilung von Sportstättenlärm, der Lockerung von Immissionsrichtwerten, und zum andern auf das Gerichtsurteil von 2008, dass Kinderlärm nicht als unzulässige Ruhestörung gelte und damit toleriert werden müsse. Denn wenn die Benutzung des Kunstrasenplatzes als Bolzplatz auf Kinder (bis 14 Jahre) beschränkt würde, könnten die Benutzungszeiten (also deren Eingrenzung) entfallen, so die Verwaltung. Wobei sie, auch Kiesl mehrmals, allerdings einräumte, dass auch in diesem Fall die Kontrolle, ob diese Altersgrenze eingehalten wird, nur schwer möglich wäre und damit sich am Problem wohl nichts ändern würde.

Selbst für die Sommerferien gibt es bislang keine Ausnahme

Die Gemeinderäte sehen noch „Luft nach oben“ bei drei Zeiträumen: zwischen dem bisherigen Ende der erlaubten Bolzzeit werktags, nämlich 17.30 Uhr, und dem Beginn des Vereinssports danach. Da gibt es nämlich oft eine Lücke, die aus ihrer Sicht geschlossen werden könnte. Zweitens beim Samstagvormittag, an dem bislang Bolzen überhaupt nicht erlaubt ist, obwohl Vereinssport da, wenn überhaupt, nur nachmittags stattfindet. Und drittens in den Sommerferien, wenn auch beim Vereinssport Sommerpause ist. Für diese Wochen sieht die Benutzungsordnung eine Verlängerung nur um eine Stunde, also bis 18.30 Uhr, beim Bolzen vor.

Hackl-Hieber: Kinder und Jugendliche müssen ja irgendwo hin

Nicht nur Andrea Hackl-Hieber, FWG, gab zu bedenken, dass eine Einzäunung das Problem nur verlagern würde. Die Kinder und Jugendlichen, die bolzen wollen, müssten ja schließlich irgendwo hin. Dr. Astrid Loff, Junge Liste Leutenbach, verwies darauf, dass man ja eine „belebte Ortsmitte“ wolle: „Dann kann nicht sein, dass man, um die zu betreten, eine Erlaubnis braucht.“ Ein Zaun wäre ein „Armutszeugnis“, so Erwin Schmidt, FWG. Die Gemeinde solle stattdessen die Verbotszeiten durchsetzen. Bei Verstößen müssten die Personalien festgestellt werden, dann könnten so auch Bußgelder erhoben werden, so seine Forderung.

„Recht der Anwohner auf Schutz vor einer Belästigung über Gebühr“

Das wäre aus seiner Sicht durchaus eine Überlegung für den Wiederholungsfall, so Kiesl, der sich aber doch sichtlich selbst schwertat mit einer eigenen Empfehlung. Er verwies auf das „Recht der Anwohner auf Schutz vor einer Belästigung über Gebühr“. Die Gemeinde habe daher die Verpflichtung, die Einhaltung der Benutzungsordnung, die diesen Schutz sicherstellen solle, durchzusetzen: „Das Problem ist die Nichtbeachtung der Schließzeiten bisher.“ Natürlich sollten die Kinder und Jugendlichen auch weiterhin dort spielen dürfen. „So ein Zaun heißt ja nicht, dass dort weniger gebolzt werden darf, er ist sozusagen nur die Tür dafür. Aber er würde doch einiges an missbräuchlicher Nutzung verhindern. Er soll die regelkonforme Nutzung nicht einschränken, im Gegenteil, er soll sie auf Dauer schützen.“ Selbst für Erwachsene, als Freizeitkicker, gebe es ja die Möglichkeit, dort zu spielen, „wenn sie sich nämlich vorher anmelden.“

Kiesl: Vorschlag soll Diskussion auch in der Einwohnerschaft anregen

Der Tenor im Gremium war schließlich, dass die Verwaltung die Widerstände gegen einen Zaun nur mit deutlich größerer Überzeugungskraft überwinden könnte. Immerhin, laut Kiesl solle der Vorschlag nur als Grundlage dienen, für eine Diskussion auch in der Einwohnerschaft sorgen, um zu einem „Stimmungsbild“ zu kommen. Allerdings traf Pierre Orthen, SPD, unwidersprochen die Feststellung: „Keine Option ist aber auch, nichts zu tun.“ Es muss, es wird also etwas geschehen.

Seit es den Kunstrasenplatz in Nellmersbach gibt, also seit fast 20 Jahren, gibt es Ärger wegen der Lärmbeeinträchtigungen der Nachbarn durch ihn. Auch die zwischenzeitlich erlassene Nutzungsordnung, mit der der Platz eindeutig und für jeden gut erkennbar beschildert ist, hat das Problem nicht aus der Welt geschafft.

Angeblich kicken dort immer wieder Gruppen auswärtiger Erwachsener

Die Gemeindeverwaltung berichtet, dass sich im Gegenteil die Lärmbelastung für die Anwohner in

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper