Leutenbach

Sibylle Bross aus Nellmersbach initiiert ein Freilichtmalfestival in Cannstatt

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Die Kofferstaffelei auf dem Wägelchen, bald geht’s wieder mal fort. © speiser

Sibylle Bross ist aufgeregt wie ein Teenager vor der Fahrt ins Schullandheim oder dem ersten Urlaub ohne die Eltern. „Voll in Aufbruchstimmung“, sagt die 63-Jährige und lacht über sich selbst. Gleich im Anschuss ans Gespräch mit der Lokalzeitung geht es wieder auf Fahrt, wieder in die Niederlande. Sie hat schon gepackt, was in ihrem Fall allerdings was Größeres ist. Sie nimmt wie so oft ihr mobiles Atelier mit, da muss gut bedacht sein, wo was wie auf der umgeklappten Ladefläche im Kombi hinkommt, vor allem die präparierten Leinwände.

In dieser logistischen Herausforderung hat die Nellmersbacher Malerin allerdings viel Routine. Die wird sie auch bei der „Plein Air“-Aktion brauchen, die vom 2. bis 7. Juli in Bad Cannstatt stattfindet. Bei dieser Freilichtmalerei ist sie nicht nur Teilnehmerin, sondern auch Mitinitiatorin. Künstler aus verschiedenen Ländern – außer ihr Manfred Bodenhöfer, Marko Fenske, Piet Groenendijk, Nikolai Kraneis und Jürgen Leippert – starten am Samstag um 11 Uhr im Kurpark. Dazu gibt es als Rahmenprogramm von 15 bis 18 Uhr kuriose „Bankgeschichten“ (Parkbänke, nicht Geldinstitute wohlgemerkt), zusammengestellt vom Historiker Olaf Schulze und vorgetragen von Mitgliedern des Vereins Pro Alt-Cannstatt.

Die Plein-Air-Malerei geht noch bis einschließlich Mittwoch, 6. Juli, wobei als offene Ateliers zum Kurpark noch die Altstadt und der Turm der Stadtkirche hinzukommen. Am Donnerstag, 7. Juli, 18 Uhr, wird die Ausstellung mit den in dieser Zeit geschaffenen Bildern im Cannstatter Rathaus eröffnet. Dabei wird auch ein „Siegerbild“ prämiert. Die jeweiligen Standorte der Künstler sind auf Social Media (Facebook und Instagram), können zudem unter01 71-2 84 11 84 erfragt werden. Zu den Standorten der Parkbänke der Bankgeschichten, zwischen Stifterpavillon, Daimlerturm und Junobrunnen, gibt es einen Übersichtsplan am Samstag, 2. Juli, am Junobrunnen im unteren Kurpark ab 15 Uhr.

In der Öffentlichkeit malen: Da läuft sie zur Hochform auf

Sibylle Bross liebt das Malen in der Öffentlichkeit unter freiem Himmel, sie ist eine Spezialistin darin, läuft dabei zu Hochform auf, wie sie sagt. Es sei spannend, ein Abenteuer: „Was ist da für ein Wetter? Stehe ich im Schatten oder in der Sonne oder regnet es gar? Welcher Wochentag ist? Welche Uhrzeit? Wie ist meine Befindlichkeit? All das spielt da mit rein und man ringt sein Malen dem Moment ab.“

Dieses „Live“, der Mix aus den natürlichen, vorgefundenen Lichtverhältnissen, der naturgegebenen Farbigkeit und der gleichwohl immer subjektiv empfundenen Wirklichkeit sei faszinierend. Bei ihr habe das – die Landschaft, die Stadt entdecken durch Malerei, das Draußen- Stehen mit der Staffelei und den Ölfarben, das „Hineinwachsen in den Tag“ – sogar Suchtpotenzial, meint sie schelmisch.

Den Künstlern über die Schulter schauen, ist ausdrücklich erwünscht

Die Öffentlichkeit, der dadurch nicht nur mögliche, sondern von ihr gewollte Kontakt mit Passanten, Betrachtern, die sich ergebenden Gespräche seien anders als im Atelier, dem Elfenbeinturm der Maler, eben auch Teil des Schaffensprozesses. Das gelte aber freilich nicht nur für sie, sondern auch für die anderen Künstler der Aktion in Cannstatt, ihnen über die Schulter zu schauen, Kontakt aufzunehmen, das sei ausdrücklich erwünscht, ja Sinn der Veranstaltung. Vorreiter dieser Kunstrichtung waren übrigens die Impressionisten des 19. Jahrhunderts.

Auch und gerade die genannte logistische Herausforderung reizt Sibylle Bross. Ein Beispiel: Bei einem großen Bild stellt sich die Frage, wie schafft man es, wenn es fertig ist, dorthin, wo es ausgestellt werden soll. „Dafür brauche ich also einen Transporter.“ Sie selbst hat immer eine Kofferstaffelei dabei, spannt die aufs Wägele und schon kann es trolleymäßig, sackkarrenartig losgehen. Nicht zu vergessen der Rucksack mit Vesper.

In Kenia umringten sie ständig Kinder

Sie war „plein air“ schon in Dänemark, der Schweiz, Frankreich, oft in den Niederlanden, wo diese Kunstform große Tradition hat, und sogar mal in Kenia: „Da brauchte ich Bodyguards, weil mich ständig Kinder umringten“, erinnert sie sich lachend. Sie hat ihre Staffelei in Waiblingen an der Rems aufgestellt, nicht nur einmal. Dieses Umherziehen habe was Verrücktes, sie lacht wieder: „Man ist ja auch mal so richtig verratzt dabei.“ Das gehe bis hin zur Frage, ob man so überhaupt ins Café reingelassen wird. „Ich bin da ja, wenn man so will, Teil der Straße. Auf einmal solidarisieren sich Junkies, Alkis und Penner mit einem. Ich habe zu denen schon auch mal gesagt, Leute, passt bitte kurz auf mein Zeug auf, ich muss mal, Pinkelpause.“ Aus dem Kontrast zu den Bedingungen im Atelier zieht sie Energie.

Sie fährt gleich in die Niederlande, zu einem Konzert bei Rotterdam, malt während diesem live, „da muss ich mich inspirieren lassen“. Danach geht es weiter zu einem Malerfestival in Noordwijk. In der Woche dazwischen will sie „frei“ am Strand malen, wollte dafür ein Home-Mobil mieten, die waren aber alle ausgebucht, Ferienzeit, so wird es Zelt mit Schlafsack, kein Problem, da ist sie schmerzfrei. Nach Cannstatt wird sie morgens mit der S-Bahn fahren. Wo genau sie malen wird, ihre Staffelei hinstellt, weiß sie noch nicht. „Ich werde erst mal eine Stunde bloß herumlaufen, den Nervenkitzel, das Adrenalin wirken lassen.“

Diese „spannende Geschichte“, so etwas gefalle ihr, das habe ihr früher gefehlt. Sie kommt auf ihren Lehrer zu sprechen, an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart, K.R.H. Sonderborg (1923 bis 2008, hieß eigentlich Kurt Rudolf Hoffmann, wofür die Kürzel stehen, Sonderborg war sein dänischer Geburtsort), der seine Bilder mit Datum und Uhrzeit signierte, der eben dieses „Aus dem Moment heraus“- Malen beim Porträtieren von Tänzern und Schauspielern verkörperte.

Kaum hier, schon wieder fort: Vor zwei Wochen erst ist sie von einem Kurs in Katwijk aan Zee, ebenfalls in den Niederlanden, mit Schülern aus dem hiesigen Raum zurückgekommen. Wieder zieht es sie nun an den Strand, ans Meer. Sie gehört zur dortigen Plein-Air-Künstlervereinigung, die jährlich ein Festival veranstaltet. Der Sand, die auf den Bildern haften bleibenden Haare, Malen als Erlebnis. Der Wind: „Da griff die Farbe auf der Leinwand kaum noch. Der blies so stark, dass man sich fast festbinden musste“, erzählt sie, die Augen blitzen.

Sie hatte die Idee und war federführend bei der Auswahl

Ja gut, also noch mal Cannstatt, ganz ehrlich gesagt ist sie nicht nur Mitorganisatorin, sondern eigentlich kam die Idee von ihr und sie war federführend bei der Auswahl der Künstler.

Warum der Stuttgarter Vorort, der ob seiner stolzen Geschichte das eigentlich gar nicht sein will? Sie war im vergangenen Jahr schon mal dort zum Malen, ein Tag im Kurpark, sagte hinterher aber, das gehört doch hinterher in eine Ausstellung, macht nur so Sinn. Malen kann man überall, aber man muss es auch zeigen können und am besten dort, wo es geschaffen wurde. Dafür hat sie auch noch gesorgt.

Sibylle Bross ist aufgeregt wie ein Teenager vor der Fahrt ins Schullandheim oder dem ersten Urlaub ohne die Eltern. „Voll in Aufbruchstimmung“, sagt die 63-Jährige und lacht über sich selbst. Gleich im Anschuss ans Gespräch mit der Lokalzeitung geht es wieder auf Fahrt, wieder in die Niederlande. Sie hat schon gepackt, was in ihrem Fall allerdings was Größeres ist. Sie nimmt wie so oft ihr mobiles Atelier mit, da muss gut bedacht sein, wo was wie auf der umgeklappten Ladefläche im Kombi

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