Leutenbach

So jung und schon SPD-Spitze

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Pierre Orthen an der S-Bahn-Station in Nellmersbach. S-Bahn fahren von dort ist für ihn nur sehr bedingt barrierefrei. © Büttner / ZVW

Leutenbach. Erst 20 und schon Vorsitzender des SPD-Ortsvereins. Und das auch noch als Mensch mit einer Behinderung. Pierre Orthen macht im Gespräch nicht den Eindruck, als hielte er seine Jugend für ein Problem, und dass er im Rollstuhl sitzt für ein unüberwindbares Handicap. Ganz im Gegenteil.

2015 war er noch ein „Linker“. Er wollte sich sozial und politisch engagieren. Gerechtigkeit war sein Thema. Nach einem Jahr fühlte er sich nicht mehr so recht heimisch dort, wollte aber weitermachen. Zwei Parteien kamen infrage: SPD oder Grüne. Die Wahl fiel auf die Roten. Es zeichnete sich ab, dass der damalige Ortsvereinvorsitzende wegziehen wird. Orthen wurde angesprochen, er solle sich mal Gedanken machen, ob er sich die Nachfolge zutraue.

Gemeinderatswahl im kommenden Mai

Er traute sich und wurde vor rund einem Jahr gewählt, als 19-Jähriger. Er will die Partei verjüngen, zumindest soll sie jünger auftreten. Mittlerweile ist der ganze Vorstand verjüngt. Für Geschichte und Politik habe er sich schon in der Schule interessiert. Er freut sich auch deshalb aufs Studium, weil er sich um die anderen Fächer, die ihn in der Schule nicht interessierten, nicht mehr kümmern muss.

Orthen will bei der Gemeinderatswahl im kommenden Mai kandieren. Er ist auf der Suche nach weiteren jungen Kandidaten, hat ein paar in Aussicht, will andere Junge dafür interessieren, „was hier vor Ort passiert“, räumt aber ein, dass für die da „noch Bezugspunkte fehlen.“

Bei der Präsenz in den sozialen Medien sei noch Luft nach oben, auch bei der Präsentation der Kommunalpolitik. Die Jungen müssen öfters gefragt werden, was aus ihrer Sicht wünschenswert sei, wo es im Argen liege. „Wir müssen aber auf die zugehen, nicht abwarten, bis die kommen.“ Daran fehle es in der Politik aber generell. „Der Tenor ist doch, das wird von denen oben ohnehin so oder so entschieden, auch ohne uns.“

GroKo und Rechtsruck haben für Zulauf gesorgt

Der Ortsverein hat derzeit rund 30 Mitglieder. Einige Junge seien in letzter Zeit dazugekommen. GroKo und Rechtsruck hätten für Zulauf gesorgt. Orthen widerspricht der These, die SPD sei doch schon lange nicht mehr „sexy“, für Jüngere unattraktiv. „Das kann man so nicht sagen, das hat zum Beispiel die No-GroKo-Kampagne gezeigt.“ Seine Partei hatte auf Facebook für neue Mitglieder geworben und als Antwort im Netz auch Beleidigungen und Schmähungen erhalten. Sie hätten aber auch Solidarität erfahren. Er habe ohnehin nicht den Eindruck, dass Leutenbach ein „rechter Schwerpunkt“ sei. Bei den Hausbesuchen vor der jüngsten Bundestagswahl habe es nur ein-, zweimal direkte Ablehnung gegeben: „Die haben uns gesagt, dass sie sowieso die AfD wählen.“ AfD-Wähler wollten vor allem protestieren, nicht wirklich einen Umbruch. „Was hat die AfD denn bisher wirklich an Problemen angepackt? Der geht es doch eher ums Sichprofilieren.“

Schon früh mit dem Vater diskutiert, der in der CDU war

Orthen wirkt für sein Alter erstaunlich abgeklärt, in sich ruhend, aber auch neugierig, interessiert. Sein Vater hatte sich in der CDU engagiert. Es wurde politisiert in der Familie. Er habe früh stets eine dezidierte Meinung gehabt. „Ich musste mir immer Gehör verschaffen, gehörte deshalb nie zu den Leisen, bin manchmal deshalb auch etwas vorlaut.“

Er verweist darauf, dass er stets Freunden gehabt habe, mit denen er unterwegs war und ist, die ihm, ohne viel zu fragen oder gar erst gefragt werden zu müssen, ganz selbstverständlich geholfen haben. „Ich habe mich nie ausgegrenzt gefühlt.“ Er war nie in speziellen Förderklassen. „Sonderschule stand nie zur Debatte. Oder dass ich nicht die gleiche Chance haben sollte auf den gleichen Schulabschluss wie die anderen. Ausnahme war nur der Kindergarten am Anfang, bis ich fünf war.“


Bei der S-Bahn gibt es zwei Probleme für ihn

Orthen, seit der Geburt querschnittsgelähmt und damit auf den Rollstuhl angewiesen, ist im Schwarzwald aufgewachsen, in einem Teilort von Freudenstadt in die Grundschule gegangen, in einer „normalen“ Klasse. Am Anfang habe es Vorbehalte des Rektors gegeben, „aber es funktionierte doch ganz gut“. Ab der vierten Klasse ging er auf die Nellmersbacher Grundschule. Ein Zivi half ihm. Die Geschwister-Scholl-Realschule in Winnenden anschließend war barrierefrei, am Wirtschaftsgymnasium in Backnang machte er Abitur.

Orthen wohnt in Nellmersbach an der Bahnhofstraße, zur S-Bahn-Station sind es für ihn etwa zehn Minuten. Die Strecke ist nicht immer einfach für ihn. Im Winter sei morgens die Rampe oft noch nicht vom Schnee geräumt. „Das gilt aber auch für die Gehwege dorthin.“ Auch der Höhenunterschied zwischen Bahnsteig und S-Bahn, 20 Zentimeter, ist eine Hürde. Ohne Rampe, die der Lokführer erst hervorholen und anlegen muss, geht es nicht.

Dass die versprochene Bahnsteigerhöhung nicht bald kommen wird, weiß Orthen. Freies WLAN dort sei eine Überlegung wert. Den AK Inklusion, der in der Gemeinde Schwachstellen bei der Barrierefreiheit aufspürt, hält er für gut. „Steigungen sind aber immer ein Problem.“ Einkaufen gehe aber, die meisten Läden seien ja ebenerdig erreichbar. Er komme in der hiesigen Gegend gut zurecht, „im Schwarzwald war’s etwas anders“.

Orthen ist zwar in keinem Verein, aber gleichwohl viel im Ort unterwegs. Er hat in der Kirche Trompete gespielt, war in der Jungschar, hat in Tübingen in einer Rollstuhlbasketballmannschaft gespielt, in Stuttgart gibt es auch so einen Verein, dem er sich anschließen will.

Orthen hat jüngst ein Lehramtstudium in Stuttgart begonnen, für die Fächer Politik und Wirtschaft an Gymnasien. Die Uni dort sei mittlerweile durchaus barrierefrei. Aber er vertraut der Bahn, der S-Bahn, dem ÖPNV nicht hundertprozentig, will den Führerschein machen, um mit dem Auto zur Uni fahren zu können.