Leutenbach

Streit auf der B14 landet vor Gericht

Choas auf der B14 Ausfahrt Winnenden Mitte Leutenbach
Stau im abendlichen Berufsverkehr auf der B14. © Sarah Engler (Online Praktikantin)

„Männer eben.“ Nur zwei Worte, aber in einem Ton, der mehr ausdrückte als viele Sätze. Aber Richterin Christel Dotzauer hatte ja recht. Was sich da Anfang Dezember am späten Nachmittag bei Nellmersbach auf der B 14 abspielte, dafür brauchte es eben nun mal Männer: wieder mal ein ellenlanger Rückstau und dort, wo es einspurig wird, liegen die Nerven blank. Man(n) sah sich nun vor Gericht wieder.

Ein 37-Jähriger, geboren in der Türkei, aber schon als kleines Kind mit den Eltern nach Deutschland gekommen, hat es eilig. Er will mit seiner Freundin und den Kindern nach Waldrems in den Funpark, den Geburtstag des Sohns nachfeiern. Da kommt ihm der Stau in die Quere, er will mit dem Honda Jazz der Freundin runter von der B 14 und „hintenrum“ nach Waldrems kommen. Verständlich, aber er hat auch eine blöde Idee, selbst wenn sie ihm damals schlau vorgekommen sein mag. Er missbraucht die Standspur, um sich am Stau vorbeizuschleichen. Allerdings ist an den Pylonen Schluss mit dem Umgehungstrick und er muss links rüber, sich reindrängeln, um auf die Abfahrt zu gelangen. Aber er gerät dort an den Falschen, einen 41-jährigen Mercedes-Fahrer. Der hat es in seinem C-Klasse-Coupé nämlich auch eilig. Er will heim nach Aspach, hat aber hinterher noch einen Termin. Da taucht auf einmal dieser unverschämte Kleinwagen rechts auf, wo er überhaupt nichts zu suchen hat. Klarer Fall, der kommt damit nicht durch, also rein.

Allerdings muss der Rechthaber, ein halbes Jahr später, als Zeuge aussagend, sich von der Frau Richterin mit ihrer ganzen Lebenweisheit, Berufserfahrung und weiblichen Gelassenheit die Frage gefallen lassen: „Ja, warum haben Sie ihn denn nicht einfach reingelassen?“ Erstaunte, aber auch sehr selbstgewisse Antwort: „Wieso denn? Ich bin ja auch im Stau gestanden.“ Der Honda schafft es aber trotzdem, nämlich beim Vordermann des Mercedes, sich reinzudrängeln. Der Vordermann fährt aber geradeaus weiter Richtung Waldrems, so dass der Mercedes und der Honda unglückseligerweise wieder aufeinandertreffen.

Fahrer steigt aus, droht und beschimpft seinen Hintermann

Der Daimlerfahrer, sich nach wie vor im Recht glaubend, gibt dem Drängler die Lichthupe, der Hondafahrer hält prompt an, steigt aus, droht und beschimpft seinen Hintermann mit nicht jugendfreien Begriffen, die juristisch ohne jeden Zweifel strafbare Beleidigungen darstellen, all dies vor den Augen und Ohren seiner Kinder im Auto, denen er doch an diesem Tag eine Freude bereiten wollte. Der Gegner im Revierkampf wiederum droht daraufhin dem Kontrahenten, ihn anzuzeigen, und fotografiert ihn auch schon mal vorsichtshalber.

Der Hondafahrer steigt in seinen Wagen, fährt los und legt ein paar Meter weiter eine Vollbremsung hin, der Daimler fährt auf. „Der bremste völlig grundlos, das ging so schnell, dass es nicht reichte, noch rechtzeitig anzuhalten, trotz des elektronischen Bremsassistenten“, so dessen Fahrer. Sein Kontrahent widersprach: Er habe, weil es eben auch auf der Abfahrt mittlerweile einen Rückstau gab, abbremsen müssen, eine Aussage, an der das Gericht allerdings durchaus zweifeln konnte, womit, zusätzlich zu den Beleidigungen, der Vorwurf des gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr im Raum stand.

Angeklagter wird wegen der Beleidigungen verurteilt

Allerdings, gab die Richterin zu bedenken, sei auch ein ganz normaler Auffahrunfall nicht ausgeschlossen, an dem also der Hintermann schuld gewesen wäre, weil er einfach zu wenig Abstand gehalten haben. Sie regte an, den zweiten Vorwurf fallenzulassen und es bei einer Verurteilung wegen der Beleidigungen zu belassen.

Der Ankläger wand sich erst, wies auch darauf hin, den Standstreifen zur Stauumfahrung zu missbrauchen, gehe nun mal gar nicht, schließlich sei das bei einem Unfall der Anfahrtsweg für Rettungsfahrzeuge. „Wenn wir das zulassen oder darüber hinwegsehen, dann können wir auch die Autobahnen gleich zumachen.“ Er willigte allerdings schließlich doch ein. Der Angeklagte wurde daraufhin wegen der Beleidigungen zu 30 Tagessätzen a 30 Euro verurteilt.

Nicht nur Autos, da prallten Welten aufeinander

Der „Reiz“, wenn man so will, dieses Falls: Da prallten nicht nur Autos, sondern Welten aufeinander. Hier einer, der offensichtlich „impulsiv“ veranlagt ist, der kaum weiß, wie er finanziell über die Runden kommt, mit geringem Einkommen, erst seit kurzem wieder in Arbeit, Unterhaltsschulden bis zum Hals, der sie in kleinen Raten abstottert, der seit Jahren im Privatinsolvenzverfahren steckt, der eine mehrjährige Haftstrafe wegen schweren Raubs verbüßt hat – und an diesem Tag, wegen dem er vor Gericht stand, mit einem japanischen Kompaktkleinwagen unterwegs war. Dort ein Daimler-Produktionsleiter, selbstsicher, aber auch so rechthaberisch, dass selbst die Richterin es anmerkte, unterwegs mit einem Dienstwagen, dessen Schaden bei dem Unfall er auf deren Nachfrage nicht beziffern konnte. „Was weiß ich, irgendwas zwischen null und 1000 Euro“, so die ratlose Antwort. Eine Rechnung an ihn für den Schaden gab’s keine. „Bei uns wird da die betreffende Kostenstelle belastet.“ Er habe den Wagen morgens in der Werkstatt abgegeben und abends wieder abgeholt. Also minimal. Weil wenn es anders gewesen wäre, hätte er ohnehin gleich einen anderen Wagen bekommen. Das C-Klasse-Coupé sei damals übrigens auch nicht mehr „ganz neu“ gewesen, habe ja schon 6000 Kilometer auf dem Tacho gehabt.