Leutenbach

Wasser ist für Sybille Bross Freiheit

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© Ralph Steinemann Pressefoto
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Zwischen Land und Meer (Öl auf Leinwand). © Ralph Steinemann Pressefoto
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Aus dem Wasser (Öl auf Leinwand). © Ralph Steinemann Pressefoto
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Kite-Surfer (Öl auf Leinwand). © Ralph Steinemann Pressefoto
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Zunächst waren es Jubelnde, bis Bross angefangen hat, „die Menschen zu fluten“, wie sie sagt, und sie zu Ertrinkenden werden ließ. „Ich lasse mich überraschen, was passiert“, kommentiert die Künstlerin ihre Arbeit und lächelt. „Es ist irre, was da passiert.“ Wasser spielt dabei nur als inhaltliches Element eine Rolle. Nicht aber bei der Herstellung der Bilder. Manchmal aber, so verrät sie, arbeitet sie beim Hintergrund zunächst mit Acryl-Farben und setzt dann Ölfarben ein, wenn es um die Details geht. © Ralph Steinemann Pressefoto
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Wasser kommt dem Dorf bedrohlich nahe. Hohe Wellen schwappen bis zur Häuserfassade hinauf. „Man spürt, wie Mensch und Wasser eins werden“, so die Leutenbacherin. Die Figuren erscheinen als Silhouetten, stehen eng beieinander. Der dunkle Ton der Personen geht in das Dunkel des Meeres über. © Ralph Steinemann Pressefoto

Leutenbach. Wasser spielt im Leben von Sibylle Bross ganz unterschiedliche Rollen. Es taucht als inhaltliches Element in den Bildern der Künstlerin auf – mal ruhig in Verbindung mit Figuren, die unweit des Wassers auf einem Handtuch liegen, mal als lustiges, spritziges Etwas oder dann mächtig, dunkel, bedrohlich. „Ich bin ausgerastet, als ich das Wasser entdeckt habe“, sagt die 58-Jährige.

Video: Künstlerin Sybille Bross: "Wasser ist für mich die absolute Faszination".

„Wasser ist für mich die absolute Faszination“, sagt Sibylle Bross. In den Augen der Leutenbacher Künstlerin ist „Wasser ein greifbarer Zwischenraum, der alles aufnimmt, teils verschluckt, aber auch Dinge aus der Umgebung widerspiegelt“. Wasser als Thema bietet viel, lässt dem Künstler vielerlei Möglichkeiten und hat auf den Betrachter ganz unterschiedliche Wirkungen.

Wann ein Werk fertig ist, sagt ihr ihr Gefühl

Sibylle Bross sieht ihre Bilder als Bühne und die dargestellten Menschen darin als Handelnde. Und wenn es sie packt, stellt sie Wasser dort dar, wo es eigentlich gar nicht hingehört. So werden die Jubelnden zu Ertrinkenden mit einem Blau-Weiß-Türkis, das wiederum belebend wirkt inmitten des dunklen, fast schon leblosen Raums. „Manchmal denke ich, das Bild ist fertig und dann sehe ich nach Jahren, da ist ein Ungleichgewicht vorhanden, da muss ich doch noch etwas machen“, sagt die 58-Jährige. Wann ein Werk fertig ist, das sagt ihr ihr Gefühl meist erst am folgenden Tag.

Ursprünglich mal ein Bildhauer-Atelier

Gerade steht sie in ihrem Atelier, ihrem Arbeitszimmer. An der Wand lehnen Bilder oder hängen, die noch unvollkommen wirken. „Man kann gar nicht genug Wände haben“, meint die Leutenbacher Künstlerin und lacht. Auf einem kleinen Tischchen lagern unzählige Tuben mit Ölfarbe, ein paar stecken in einem Behälter, in einer Dose sind Spritzen, wie sie einem eigentlich nur im Krankenhaus begegnen. Bei Sibylle Bross sind sie mit Farbe gefüllt. Gläser mit Pinseln, so weit das Auge reicht, in allen vorstellbaren Dicken und Stärken. Der Raum wirkt wie ein Labor, wo experimentiert wird, er hat aber auch etwas Heimeliges und mit dem Blick durch die Fensterfront in den Garten etwas Beruhigendes. „Ich arbeite gerne hier“, sagt die 58-Jährige.

Das Atelier nebenan mit der hohen Decke ist in der kalten Jahreszeit schwieriger zu beheizen. Es war ursprünglich mal für einen Bildhauer konzipiert. Sibylle Bross hat es ihren Bedürfnissen angepasst. Geht man die Wendeltreppe hinauf, befindet man sich auf einer Galerie. Hier veranstaltet sie Kurse oder lädt Künstlerfreunde zu sich ein. Dann wird gemeinsam gearbeitet, jeder zieht sich in eine Arbeitsecke zurück. Platz dafür gibt es hier genug.

Klebeband verhindert das Aufwellen

Heute ist sie alleine in ihrem Haus in Leutenbach. Sie greift zu einer Rolle Klebeband, reißt einen Streifen ab und befestigt ihn an der Papieroberseite. „Festspannen“, sagt Sibylle Bross dazu. So kann das Papier sich durch Wasser und Aquarellfarbe nicht aufwellen. Dann erweckt sie die Farben zum Leben, zieht etwas Wasser mit der Spritze auf und träufelt jeweils einen Tropfen in den Farbkasten. „Erst durchs Wasser entfalten sich die Farben richtig“, sagt sie und taucht ihren Pinsel, ohne Flüssigkeit am Glasrand abzustreichen, in eine Farbe, dann in die nächste, mischt sie in einer separaten Ecke, bis sie zufrieden ist.

Wasser schafft sich seinen Weg durch die Farbe

Dann zieht sie einen breiten Strich quer übers Papier, erst viel Wasser, dann etwas Zartes, Farbiges. Sie wäscht den Pinsel aus, besinnt sich, schüttelt dabei den Pinsel aus, so dass sich Wasserspritzer auf dem Boden verteilen. Neben einen Grünton kommt etwas Rotes. „Da passiert etwas“, sagt sie, „es kann sein, da passiert etwas Furchtbares, aber auf jeden Fall ist es nicht langweilig!“ Manchmal mache es einem auch Angst, weil es nicht kontrollierbar ist, so die Künstlerin. Dann greift sie zum Papiertuch und versucht zu retten, was noch zu retten ist. Wasser schafft sich seinen eigenen Weg – es entsteht eine Eigendynamik.

Gleichzeitig bedeutet Wasser für sie Freiheit. Denn mit Acryl- oder Aquarellfarben kann man in kurzer Zeit eine große Fläche füllen. Man ist nicht so eingeschränkt wie mit Ölfarben. Diese lassen sich dafür dick auftragen, wichtig bei einem Farbton wie Titanweiß.

„Das muss knallen!“, so Bross. Die Kehrseite ist die lange Trockenzeit – bis zu einem Jahr abhängig von Farbe und Farbdicke. „Ich liebe es, mit der Hand über ein Ölgemälde zu streichen“, so Bross. Da spürt sie jeden Pinselstrich, jede Hautfalte, jede Welle, jeden Wasserspritzer, den sie auf die Leinwand gemalt hat.

Gelb kann oft so platt sein

Aquarell bietet da deutlich weniger Widerstand. Manchmal fehlt ihr genau das, dann greift sie zum Bleistift und zeichnet in das noch nasse Bild. Der Stift nimmt Farbe mit, trägt sie weiter, vermischt sie miteinander.

Schließlich begibt sich Sibylle Bross auf die Suche nach einem Gelbton. Kein reines Sonnengelb, das „wirkt so penetrant“. Gelb kann oft so platt sein. Dagegen hat Gelb mit einer Ockernote etwas Geheimnisvolles. Die Farben fließen noch stärker ineinander. „Da passiert etwas“, kommentiert sie das Geschehen.

Ein Bild brauche Tiefe, Räumlichkeit, genau das entsteht hier. „Das ist doch faszinierend, oder?“, so Bross. Erst zum Schluss erhält das Bild ein Gesicht mit feinen Pinselstrichen, die Figuren und Formen erscheinen lassen. Das Malen mit Aquarellfarben hat etwas Schnelllebiges.

Öl wirkt entschleunigt

Es kam schon vor, dass sie bei Veranstaltungen des Weinstädter Jazzclubs Armer Konrad an einem Abend die Musiker gemalt hat. Öl wirkt dagegen entschleunigt, weil man länger Zeit hat, Dinge zu bearbeiten, sie zu verfeinern. Wenn sie unterwegs auf einem Symposium, einer Reise mit anderen Künstlern ist, hat sie beide Farbtypen dabei: Öl und Aquarell.

Denn zum Schluss, wenn nur noch wenig Zeit ist, bevor Farben und Bilder wieder in den Koffer wandern müssen, kann sie mit Aquarellfarben das ausleben, wofür Öl keine Zeit mehr lässt.

So war es zuletzt auf ihrer Afrika-Reise, als sie ganz unterschiedliche Momente aus dem Alltag der Einheimischen festgehalten hat.


Zur Person

Sibylle Bross (Jahrgang 59) hat ihre Kindheit in Strümpfelbach, Waiblingen und Manolzweiler verbracht. „Meine Eltern haben uns machen lassen. Wir waren sieben Kinder“, sagt sie. In Hanau hat sie eine Ausbildung zur Goldschmiedin begonnen.

Studiert hat die 58-Jährige in Paris und Stuttgart. In der Künstlermetropole hatte sie Kontakt zu Tänzern und Mimen. Eine Zeit, die Bross heute als „sehr anregend und inspirierend “ bezeichnet.

In den vergangenen Jahren hat sie zahlreiche Stipendien und Preise gewonnen.

Eine Ausstellung „Figur in Bewegung“ mit den Künstlerkollegen Manfred Bodenhöfer und Albrecht Weckmann und offenes Atelier gibt es am Samstag, 25., und Sonntag, 26. November, von 14 Uhr an.

Weitere Infos unter www.sibylle-bross.de.