Leutenbach

Zertifikat für besonderes Gesundheitsbewusstsein

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Vorbereitungen fürs allmonatliche Frühstücksbuffet. © Palmizi / ZVW

Leutenbach. Ohne mit der Wimper zu zucken, zerschneidet das kleine Mädchen aus der Unterdreijährigen-Belegschaft des Kindergartens Lange Äcker in Nellmersbach eine Traube nach der anderen in Hälften. Gleich öffnet das Frühstücksbuffet. Da gibt es lauter leckere Sachen wie Obstsalat und Müsli, die auch noch gesund sind. In dem Kindergarten ist Gesundheit sozusagen Programm, er beteiligt sich an der Initiative „Komm mit in das gesunde Boot“.

Kindergartenleiterin Eva Paries-Rottmann weiß, warum das Mädchen so routiniert mit dem Messer hantiert: Es hilft jeden Tag daheim der Mama in der Küche. Um Fragen dazu zu beantworten, ist die Kleine aber im Moment zu beschäftigt, bloß nicht ablenken lassen, da kann man sich schließlich schneiden. Einmal im Monat gibt es das Gesundheitsbuffet, jahreszeitlich angepasst, da steht im Herbst auch mal eine Kürbissuppe auf dem Speiseplan.

Es gehe aber nicht nur ums Essen, sondern auch ums Riechen, Schmecken, Fühlen der verschiedenen Obstarten und Gemüsesorten, so die Kindergartenleiterin. Vor allem beim Gemüse wüssten viele Kinder heutzutage nicht, was genau sie da vor sich haben. Deswegen wird auch regelmäßig gemeinsam, also Kinder und Erzieherinnen, beim Rewe-Markt im Ort eingekauft. „Die haben einen Einkaufszettel dabei und jedes Kind bekommt die Aufgabe, etwas Bestimmtes zu besorgen.“ Das Frühstücksbuffet ist auch ein Teil des Selbstständigwerdens der Kinder. Sie sollen selbst auswählen, entscheiden.

Auch die Geburtstagsfeiern sind in diesem Kindergarten anders. Es gibt keinen Kuchen, den in der Regel ja die betreffende Mama backen muss. „Wir entlasten die Eltern davon, die müssen ohnehin für die Feier daheim genug arbeiten. Wir besorgen für die Feier alles selbst.“ Die Feiern haben ein Thema, zum Beispiel, was die Olchis essen, da gab es Gemüsedipp und Salzgebäck. „Das ging beides ratzfatz weg.“ Ab September ist „Zirkus“ ein Jahr lang das Motto der Geburtstagsfeiern.

Im riesigen Bewegungsraum geht es zu wie in einem Bienenstock

Ein Jahr lang sei für die Zertifizierung geplant worden. „Da ging’ nicht nur um gesunde Ernährung, sondern auch um Bewegung.“ Spielmaterial, Vorschläge, Ideen, Elterninformationen kamen vom Kultusministerium aus Stuttgart. Bei der Umsetzung kam dem Kindergarten sein offener Betrieb zugute. Gleich nach dem Eingang kommt nicht ein Flur, der zu Gruppenräumen führt, sondern ein riesiger kreisförmiger Bewegungsraum, in dem die Kinder sich fast den ganzen Tag (verlängerte Öffnungszeit von 7.30 bis 13.30) tummeln können und in dem es emsig zugeht wie in einem Bienenstock. Eigentlich ist der Platz eine Dauerbaustelle mit Unmengen von Spielmaterial, ständig wird auf- und umgebaut.

Keine feste Gruppen, aber altersspezifische Förderung

Keine festen Gruppen bedeutet nicht, dass es keine altersspezifische Förderung gibt. Die Maxis zum Beispiel, die Kinder, die im kommenden Jahr in die Schule gehen, haben gezielt geübt, wie man Zähne putzt. Das sei für die aber keine „Strafarbeit“ gewesen, versichert Eva Paries-Rottmann schmunzelnd: „Die machten das wirklich gerne.“ Der Trick dabei: Die Kinder bekamen ein Färbemittel und mussten, durften so lange schrubben, bis ihre Beißerchen wieder blitzblank waren. Das Problem: Irgendwann sollte das, als es, pädagogisch gesehen, genug war, abgesetzt werden, das fanden die Kleinen dann nicht so toll.


Alterstreffs und Kinderkonferenz

Viermal in der Woche gibt es „Alterstreffs“ nach der Freispielphase. Dort sind Maxis, Midis, Minis und Bambinis in der Gruppe jeweils unter sich.

Bei den Maxis wird in diesem Jahr das Interesse an Buchstaben geweckt, von dort geht es weiter zu Wörtern, Sätzen und einer ganzen Geschichte. Die Kinder waren dazu auch in einer örtlichen Druckerei und haben sich im Heimatmuseum in Weiler zum Stein angeschaut, wie früher Buchstaben gesetzt wurden.

Bei dem Projekt herausgekommen ist schließlich ein kleines Buch mit ihrer Geschichte, eigenem Text und eigenen Bildern. „Da sind die Kinder sehr stolz drauf. Sie haben gesagt, jetzt werden wir berühmt“, berichtet die Kindergartenleiterin. Immer wieder seien die Textpassagen vorgelesen worden, ob denn auch alles stimmt, „logisch“ ist. Die Handlung wurde gemeinsam überlegt, jedes der 15 Kinder bekam darin eine eigene Figur.

Der Kindergarten beteiligt sich auch am „Haus der kleinen Forscher“, mit Projekttagen, eigenen Experimenten im „Labor“ und zum Abschluss einem Diplom für jedes Kind - wenn es die drei erforderlichen Stempel vorweist.

Außerdem gibt es in dem Kindergarten ein Kunstatelier, ein Café, eine Bücherecke, eine Werkstatt mit Werkbank, Tischkreissäge und Werkzeug, das mit der Ausstattung eines Hobbyhandwerkers locker mithält.

62 Kinder besuchen den Kindergarten derzeit, eigentlich unglaublich, wenn man beobachtet, wie frei, nur scheinbar ungeregelt auf doch begrenztem Raum alles zugeht. Eva Paries-Rottmann meint zu dem Staunen lächelnd: „Eigentlich gibt es hier drei Gruppen, zwei mit VÖ-Zeiten und eine altersgemischte. Aber, ja, so arbeiten wir halt nicht.“

Mittwochs ist immer Kinderkonferenz. Da wird dann mitbestimmt.