Plüderhausen

20-jähriger Afghane legt Geständnis ab

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Das Stuttgarter Landgericht. © ZVW/Gabriel Habermann

Stuttgart. Am ersten Verhandlungstag am Stuttgarter Landgericht im Prozess um die Messerattacke von Plüderhausen hat der Angeklagte am Dienstagvormittag ein Geständnis abgelegt, wenngleich unter heftigen Geburtswehen, begleitet von sich wiederholenden schamhaften Ausflüchten - manche Details sind deshalb noch unklar. Rund zwei Stunden lang machte der 20-jährige Asylbewerber Angaben zur Person und auch zum Tatablauf. Unangenehme Details räumte er oft erst ein, als Richterin Esslinger-Graf ihm die erdrückende Beweislage vorhielt.


Die gesamte Berichterstattung zur Messerattacke in Plüderhausen haben wir hier gesammelt.


Das ist, in groben Zügen, geschehen gegen 0.45 Uhr in der Nacht auf Sonntag, 15. Juli: Ein Familienvater hörte aus dem Zimmer seiner Tochter, die zu diesem Zeitpunkt nicht zu Hause war, ein verdächtiges Geräusch, ging nachschauen – und wurde unvermittelt angegriffen. Ein Eindringling, der zunächst nicht zu sehen gewesen war, weil er hinter der geöffneten Zimmertür stand, trat hervor; er soll eine Sturmhaube überm Kopf und Handschuhe an den Fingern getragen haben und bewaffnet gewesen sein mit einem zum Zerkleinern von Fleisch geeigneten Messer, Klingenlänge 17 Zentimeter. Der Fremde fügte dem Überrumpelten eine klaffende Schnittwunde an der Schläfe zu.

Der verletzte und blutende Vater floh aus dem Zimmer der Tochter, stürzte aber im Flur. Der Eindringling stach mehrmals auf den wehrlos am Boden Liegenden ein und verletzte ihn dabei noch am Arm und den Beinen. Es war Zufall, dass dabei keine größeren Blutgefäße lebensbedrohlich verletzt wurden.

Manches spricht für Tötungsabsicht

Unklar ist derzeit noch, mit welcher Absicht der junge Mann in das Haus einstieg. Er selber beteuerte im Gerichtssaal wieder und wieder, er habe nicht vorgehabt, irgendjemanden zu töten oder zu verletzen. Manches spricht aber dafür, dass er in Tötungsabsicht kam und dass sich die Attacke eigentlich gegen die Tochter richten sollte: Er war mit der Tochter des Hauses offenbar in eine von Eifersucht und Besitzansprüchen geprägte Beziehung verstrickt gewesen.

Wenige Wochen vor der Tat hatte er Drohungen gegen die Tochter ausgestoßen. Ihre Nummer hatte er in seinem Handy unter dem Namen "Rate" (orthografisch falsch für "Ratte") abgespeichert. Auch die Tatsache, dass er sich an einem heißen Julitag mit Handschuhen und einer Art Gesichtsverhüllung zum Tatort begab, spricht gegen ihn - ganz zu schweigen von dem scharfen Fleischmesser mit langer Klinge. Der Angeklagte erklärte hingegen, er habe nur vorgehabt, seine Ex-Freundin "zu erschrecken".

Familienvater ist es wichtig, vergeben zu können

Am Nachmittag folgte die außerordentlich beeindruckende Aussage des Familienvaters, der erschütternd anschaulich, aber ohne jeden Belastungseifer die Tatnacht schilderte, das überfallartige und brutale Vorgehen des Täters. Er beschrieb auch die gravierenden körperlichen und psychischen Nachwirkungen der erlittenen Verletzungen völlig unwehleidig, ohne jede Dramatisierungstendenz. Und sprach beiläufig auch über seine tiefe christliche Prägung.

Der sichtlich aufgewühlte Angeklagte bat daraufhin um das Wort und sagte: "Es war ein großer Fehler von mir, es tut mir sehr leid."

Worauf der Familienvater antwortete: Es sei ihm sehr wichtig, vergeben zu können, denn "wie kann ich Vergebung kriegen, wenn ich nicht vergeben kann?" Solche Vergebung ehrlich gewähren zu können, das sei angesichts des Leidens seiner Familie "ein Prozess". Aber "Vergebung von meiner Seite, die möchte ich einfach aussprechen."

Die Verhandlung wird in den nächsten Wochen fortgesetzt mit vielen Zeugenaussagen, die vermutlich die Vorgeschichte der Tat näher ausleuchten werden.