Plüderhausen

Bahnhof bleibt "eine einzige Katastrophe": Plüderhausen kann nicht, die Bahn will nicht

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Steile Treppen erschweren den Zugang zum Bahnsteig in Plüderhausen und die Querung der Gleise. © Gaby Schneider

Ist der Bahnhof in Plüderhausen der am schlechtesten zugängliche in der ganzen Region Stuttgart? Die Behauptung lässt sich schlecht exakt belegen, aber mit seinen steilen Treppen als einziger Zugangs- und Querungsmöglichkeit der Gleise liegt er zumindest sehr weit vorne – im schlechtesten Sinne. Zuletzt war immerhin etwas Hoffnung aufgekeimt, dass sich mit viel Engagement der Gemeinde etwas bewegen könnte. Doch Stand jetzt hat sich das auch wieder zerschlagen. Nur eine Chance für eine winzige Verbesserung bleibt.

Um das Problem am Plüderhäuser Bahnhof noch mal einzuordnen: Mangelnde Barrierefreiheit ist ein Thema an vielen Bahnhöfen, aber die Plüderhäuser wären schon froh, wenn sie nur noch die Probleme anderer Gemeinden hätten, wo es mal um einen ausgefallenen Aufzug oder eine zu große Lücke beim Einstieg in den Zug geht. Wer in Plüderhausen auf den Bahnsteig will, der hat keine Chance, wenn er es nicht über die Treppen schafft, die dorthin führen, und die auch noch vergleichsweise steil sind. Egal von welcher Seite. Dazu kommt, dass der Bahnhof mitten im Ort liegt und die Unterführung auch eine wichtige Wegeverbindung ist.

Der Bürgermeister hält die Erwartungen klein

SPD-Rat Klaus Harald Kelemen bezeichnete es als „klitzekleinen Schritt in die richtige Richtung“, was die Gemeindeverwaltung am Donnerstagabend in der Sitzung des Gemeinderats berichten konnte – wobei Bürgermeister Benjamin Treiber bemüht war, die Erwartungen klein zu halten. Die Möglichkeit, über die die Gemeinde jetzt mit der Bahn im Gespräch ist, sind Schienen auf den Treppen. Diese gibt es auch an anderen Bahnhöfen, gedacht sind sie, um Kinderwagen oder Fahrräder besser über die Stufen zu bringen.

Benjamin Treiber gab aber zu bedenken: „Für Kinderwagen ist es sehr steil und dadurch auch gefährlich.“ Außerdem bleibe auf den sehr engen Treppen auch kaum Platz für zwei Schienen plus Geländer. „Aber eine Schiene, um Fahrräder hochzuschieben – das könnte denkbar sein.“

Und sonst? Was ist mit Aufzügen, Rampen oder anderen Dingen, die wirklich dafür sorgen würden, dass alle, egal wie gut sie zu Fuß sind und egal ob sie mit schweren Koffern, Kinderwagen oder Fahrrad unterwegs sind, auf die andere Seite des Bahnhofs oder zu den Bahnsteigen kommen. Der Bürgermeister war in seiner Einschätzung sehr nüchtern und klar: „Aus unserer Sicht fehlt gerade jede realistische Möglichkeit.“

15 bis 20 Jahre bis die Bahn was macht

Die Ausgangslage, die er vorgefunden hat, als er in Plüderhausen die Amtsgeschäfte im Rathaus übernahm, ist eine völlig unbewegliche Front auf der Seite der Deutschen Bahn. 15 bis 20 Jahre könne es dauern, so eröffnete eine Bahn-Vertreterin der Gemeinde bei einem Vor-Ort-Termin am Bahnhof im Jahr 2021, bis der Konzern in Plüderhausen etwas mache. Sie riet deswegen der Gemeinde, selbst aktiv zu werden.

Das hat die Verwaltung um Bürgermeister Benjamin Treiber dann auch probiert – ohne Erfolg, wie er jetzt im Gemeinderat berichtete. Das Ziel war, über ein Ingenieurbüro eine Planung zu machen, um dann über das Landesgemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz eine Finanzierung zu bekommen. Die Gemeinde rechnete auf diesem Wege mit einem Eigenanteil von rund 300.000 Euro, um den Bahnhof barrierefrei zu kriegen.

Allerdings hat sich diese Kalkulation als zu optimistisch entpuppt - viel zu optimistisch: „Wir reden pro Aufzug von Kosten von zwei Millionen Euro“, so der Bürgermeister jetzt. Demnach handelt es sich um spezielle Aufzüge, die an allen Bahnhöfen in Deutschland zum Einsatz kommen. Dazu kämen noch Planungskosten in „mittlerem sechsstelligem Umfang“. Auf der anderen Seite könnte die Gemeinde nur mit 400.000 bis 600.000 Euro aus dem Landes-Finanzierungsprogramm rechnen.

Die Gemeinde hat das Geld nicht

Benjamin Treiber musste es nicht direkt aussprechen, es ist völlig klar: Dass die Gemeinde in naher Zukunft Millionen in den Bahnhof investieren kann, ist aufgrund der schwierigen Haushaltslage vollkommen utopisch. Mit der Aufnahme in andere Förderprogramme ist Plüderhausen bisher gescheitert – was für die Gemeinderäte Anlass war, über eine für sie offensichtliche Benachteiligung gegenüber anderen Gemeinden zu klagen. Sie fanden zudem recht deutliche Worte in Richtung der Bahn.

Besonders kräftig drückte sich Andreas Theinert (CDU) aus: „Die Bahn kotzt mich an. Sie entzieht sich ihrer ureigensten Verantwortung.“ Aus den Fördertöpfen würden dann die Bahnhöfe bedacht, die schon barrierefrei seien oder zumindest besser ausgestattet als der Plüderhäuser.

Ulrich Scheurer (CDU) sprach von einem „Trauerspiel“, es sei „eine einzige Katastrophe“. „Der Bürger versteht das nicht“, so Scheurer. „Da muss man auf die Bahn von politischer Ebene von ganz oben Druck machen.“ In Richtung der Grünen sagte er: „Es wäre mal gut, wenn der Verkehrsminister sich um das Thema kümmern würde.“

Erich Wägner (Grüne Liste Umwelt) sagte: Man habe alle Landtags- und Bundesabgeordneten und auch andere Stellen angeschrieben. Aber man müsste wohl den politischen Druck erhöhen. „Es ist eine Schande, dass wir hier keinen barrierefreien Zugang haben.“

Unterstüzung von Abgeordneten hat nichts gebracht

Bürgermeister Treiber erinnerte daran, dass die lokalen Abgeordneten in Land- und Bundestag die Gemeinde tatsächlich immer unterstützt und das Anliegen weitergetragen haben.

Allein: Gebracht hat alles nichts. Plüderhausen kann nicht, die Bahn will nicht - oder kann vielleicht genauso wenig, wenn die Analysen von vielen Beobachtern stimmen, dass der Konzern seit den 90er-Jahren konsequent kaputtgespart wurde und dringende Investitionen in der Verkehrspolitik zu lange ausgeblieben sind.

Ist der Bahnhof in Plüderhausen der am schlechtesten zugängliche in der ganzen Region Stuttgart? Die Behauptung lässt sich schlecht exakt belegen, aber mit seinen steilen Treppen als einziger Zugangs- und Querungsmöglichkeit der Gleise liegt er zumindest sehr weit vorne – im schlechtesten Sinne. Zuletzt war immerhin etwas Hoffnung aufgekeimt, dass sich mit viel Engagement der Gemeinde etwas bewegen könnte. Doch Stand jetzt hat sich das auch wieder zerschlagen. Nur eine Chance für eine

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