Plüderhausen

Corona-Fall in Pflegeheim

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Plüderhausen.
Im Seniorenzentrum „Haus am Brunnenrain“ gibt es einen ersten Corona-Fall. Das teilte uns die Pressesprecherin des Trägers Die Zieglerschen Sarah Benkißer am späten Freitagnachmittag mit. Der positiv getestete Bewohner zeigte laut der Sprecherin Stand Freitagabend keine schweren Symptome. „Ab jetzt gilt, was das Gesundheitsamt verfügt“, so Benkißer auf die Frage nach dem weiteren Verfahren im Haus am Brunnenrain. Die Heimbewohner seien selbstverständlich bereits alle auf ihren Zimmern isoliert.

„Wir werden veranlassen, dass das komplette Heim getestet wird, um die wirklich angemessenen Maßnahmen einzuleiten“, antwortet Landrat Richard Sigel auf unsere Nachfrage beim Landratsamt. Welche Maßnahmen konkret ergriffen werden, werde in enger Abstimmung mit dem Seniorenzentrum entschieden. Die Frage, wie mit Covid-19-Fällen in Heimen umgegangen wird, sei generell eine schwierige. „Das ist komplexer,als bei einer Einzelperson“, so der Landrat.

Die Vielschichtigkeit des Problems wurde auch in dem Gespräch klar, das wir schon Mitte der Woche mit der Leiterin des Haus am Brunnenrain, Sigrid Jost, führten. Zum damaligen Zeitpunkt war zwar noch kein positiver Fall in der Einrichtung bekannt, das Seniorenzentrum war aber auf den Ernstfall - der jetzt leider eingetreten ist - vorbereitet.

„Als erstes gab es einen Pandemie-Plan, den wir auf die Einrichtungen heruntergebrochen haben“, erklärte Sigrid Jost. Das Haus am Brunnenrain ist eine Einrichtung des diakonischen Sozialunternehmen Die Zieglerschen. „Außerdem fanden regelmäßige Mitarbeiterschulungen zum Thema statt.“ Vor unserem Telefonat führte die Heimleiterin zum Beispiel eine Übung zur korrekten Anwendung von Schutzausrüstung mit ihrem Team durch.

„Im Prinzip war das allen schon bekannt, wir hatten ja auch schon vorher infektiöse Krankheiten“, so Sigrid Jost. „Jetzt wird aber alles noch einmal sorgevoller gesehen.“ So weit das im Schichtdienst möglich war, versuchte das Team auch schon vor dem bekannten Corona-Fall, einzelne Bewohnergruppen zu trennen. Auch die Arztbesuche wurden reduziert, nur noch in wirklich akuten Fällen konnten Bewohner sie wahrnehmen.

„Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist die Situation eine große Herausforderung“, sagte Sigrid Jost bei unserem Gespräch. Bei den Mitarbeitern herrsche Angst, sich bei jemandem mit Covid-19 anzustecken oder unwissentlich die Heimbewohner zu infizieren. Außerdem beschäftigt sie die Frage, ob das Besuchsverbot für Angehörige auch gilt, wenn jemand im Sterben liegt. „Die Situation ist angespannt“, sagte Sigrid Jost, auch weil zum Zeitpunkt des Gesprächs der Corona-Test eines Bewohners noch offen war.

Nun ist der Ernstfall eingetreten. Es gilt, den Dienstplan neu zu organisieren und die Kontakte der Bewohner auf so wenige Pflegekräfte pro Person wie möglich zu reduzieren, um das Ansteckungsrisiko bei den Heimbewohnern und den Mitarbeitern gering zu halten.

„Wenn wir nur einen Fall haben, dann ist es kein Problem, ihn im Einzelzimmer zu isolieren“, sagte Sigrid Jost. Bei mehreren Infizierten müsse man sich aber überlegen, ob es Sinn mache, Mitbewohner in andere Zimmer zu verlegen. Dieses Verfahren birgt aber seine ganz eigenen Probleme. „Die Bewohner, die kein Corona haben, müssten dann umziehen“, sagte Sigrid Jost. „Jemand, der kognitive Einschränkungen hat, versteht aber nicht, warum er umziehen muss.“

Sobald das positive Testergebnis vorlag, fingen die Heimleiterin und ihr Team an, die Angehörigen der Bewohner zu informieren. Schon seit Wochen konnten diese das Heim nicht mehr besuchen. „Das war natürlich sowohl für die Angehörigen als auch für die Bewohner irritierend“, sagte Sigrid Jost. „Viele Bewohner bekommen täglich Besuche.“ Als Trost durften die Angehörigen den Bewohnern noch aus sicherer Entfernung am Fenster zuwinken.

Es wird knapp: Die Belieferung mit Schutzausrüstung ist eingebrochen

Liege eine Infektion vor, so Sigrid Jost im Gespräch, müsse auch die Schutzkleidung gesichtet werden, um zu sehen, was noch gebraucht werde und wie lange der Vorrat reicht. Einen kleinen Vorrat hat das Haus am Brunnenrain. „Da war der Träger sofort da“, sagte Sigrid Jost. Es sei aber nicht genug für alle Einrichtungen. Das bestätigt auch eine Pressemitteilung der Zieglerschen, die der Träger am Freitagmorgen veröffentlichte.

„In stationären Einrichtungen wie Pflegeheimen, Wohnangeboten für Menschen mit Behinderung oder Suchthilfe-Kliniken leben viele Menschen aus der Corona-Risikogruppe unter einem Dach“, heißt es in der Mitteilung. Bei der zentralen Verteilung von Schutzausrüstung müssen sie darum weit oben auf der Prioritätenliste stehen, fordern die Zieglerschen. „Die Belieferung mit Schutzausrüstung für die Heime ist wie überall binnen Tagen fast vollständig zusammengebrochen“, so die Mitteilung weiter. Weil es bislang nur vereinzelte Fälle in den Einrichtungen des Trägers gegeben habe, konnten die vorhandenen geringen Bestände erst einmal zielgerichtet umverteilt werden. Bei der Versorgung der Bewohner in einem Heim mit Corona-Fällen müsse das Personal aber Schutzausrüstung nach FFP-Standard tragen. „Es ist infolge der Gesamtentwicklung nur eine Frage der Zeit, bis sich die Fälle häufen. Und dann wird es ganz schnell eng werden“, warnt Gottfried Heinzmann, Vorstandsvorsitzender der Zieglerschen.

Auch die dieser Tage anlaufende Verteilung von Schutzausrüstung über die öffentliche Hand, die von den Landkreisen koordiniert wird, bereitet dem diakonischen Unternehmen Sorgen. Wenn es am Ende nur für die Krankenhäuser reiche und in sozialen Einrichtungen nichts ankommt, wo viele Menschen aus der Risikogruppe unter einem Dach wohnen, dann könne das dramatische Folgen haben. Bleibt zu hoffen, dass diese Prophezeiung für das Haus am Brunnenrain und andere Seniorenheime nicht zur bitteren Wahrheit wird.