Plüderhausen

"Das ist für mich absolute Freiheit": Zwei Malerinnen berichten über ihren Weg zur Kunst

Kunstschule Weitsicht
Sabine Drewes (links hinter ihrem Gemälde „Heile Welt“) und Carolin Buckreus von der Kunstschule Weitsicht. © Mathias Ellwanger

Wenn es etwas gab, das Sabine Drewes in den Wochen des Lockdowns besonders vermisst hat, dann das Atelier in der Zehntgasse 25. Dort verbringt die 57-Jährige immer ihre Dienstagabende. Sie hat ihre beruflichen Termine so gelegt, dass ihr nichts dazwischenkommen kann. „Es muss die Welt untergehen, dass ich nicht hier herkomme.“ Doch wegen Corona war das Abendatelier in der Kunstschule Weitsicht für viele Wochen nicht möglich.

Seit 17 Jahren besucht Drewes die Kurse von Angelika Feilhauer. Die freischaffende Künstlerin bietet seit Mitte der Neunziger Malkurse an, seit knapp zehn Jahren in ihrer eigenen kleinen Kunstschule. Die gelernte Grafikdesignerin möchte bei ihren Teilnehmern die Lust an der Malerei wecken. „Mir ist es wichtig, dass nicht zu viel vorgeschrieben wird und sich jeder frei entfalten kann.“

In jedem steckt ein kleiner Künstler, glaubt die Kunstschul-Leiterin

Feilhauer ist davon überzeugt, dass jeder Mensch eine künstlerische Begabung hat. Wenn jemand zu ihr kommt und sagt „Ich kann gar nicht malen“, dann fühlt sie sich herausgefordert, diese Begabung zu fördern. „Sich auszuprobieren ist das Wichtigste, sonst bleibt man stehen“, sagt sie.

„Auf jeden Fall“, bestätigt Sabine Drewes, die erzählt, dass ihr die Lust am Malen durch die Schule nachhaltig verdorben wurde. „Ich hatte Panik, wenn ich einen Stift in die Hand nehmen musste.“ Ein Kasten Pastellkreide, die sie als Erinnerungsstück an ihren viel zu früh verstorbenen Vater viele Jahre aufhob, animierte sie schließlich dazu, es doch noch mit dem Malen zu probieren. Das Feuer war dadurch schnell entfacht.

Der perfekte Ausgleich für einen geradlinigen, logischen Job

Ein Jahr lang kopierte sie mit Pastellkreide ausschließlich alte Meister, bis sie schließlich zur freien Malerei und ihrem eigenen Stil fand, dabei immer weiter ihre Grenzen austestete.

Ein gutes Beispiel dafür ist das Gemälde „Heile Welt“ (zu sehen auf dem Foto). Hier hat die 57-Jährige Spachtelmasse, Zeitungspapier, Zwiebelnetze, Acrylfarben und Kreide auf der Leinwand verarbeitet. Weil sie zunächst unzufrieden war, hat sie das Bild mit dem Cuttermesser zerschnitten und mit einer Gartenschnur die Wunden wieder geheilt.

Wie eine "Meditation mit einer unendlichen Fülle an Materialien"

„Malerei, das ist für mich absolute Freiheit. Hier kann ich jede Grenze überschreiten“, sagt Drewes. Und sie ist der absolute Kontrast zu ihrer Arbeit als IT-System- und Netzwerkadministratorin. Eine geradlinige, logische Tätigkeit, bei der es nur falsch oder richtig gibt. Die 57-Jährige mag diesen Job, aber das Malen bietet ihr dafür den perfekten Ausgleich, es ist für sie wie eine „Meditation mit einer unendlichen Fülle an Materialien“.

Weshalb sie nach 17 Jahren immer noch zu den Kursen von Angelika Feilhauer kommt? „Das Malen in der Gruppe ist durch nichts zu ersetzen“, findet sie. „So lernt man nie aus.“

Carolin Buckreus kann das nur bestätigen. Die 16-Jährige hatte im Jahr 2010 den ersten Malkurs bei Feilhauer und ist ihr seitdem treu geblieben. „Die anderen geben hilfreiche Rückmeldungen“, das sei für sie das Wichtigste am Malen in der Gruppe.

„Aus purem Spaß“ hat sie sich damals mit der Malerei beschäftigt „und dann einen Ehrgeiz dafür entwickelt“. Sie lernte mit den Jahren, sich durchzubeißen und ein Gemälde nicht zu früh als fertig zu betrachten – etwas, das ihr Feilhauer immer wieder eingeschärft hat.

„Hier kannst du machen, was dein Herz will“, sagt eine Schülerin

Der Ehrgeiz und das Durchhaltevermögen machen sich mittlerweile bezahlt: Carolin ist seit Ostern mit einer Auftragsarbeit beschäftigt, die noch nicht ganz fertig ist: ein Gemälde im Großformat (160 auf 120 Zentimeter), das eine Landschaft im Wilden Westen zeigt. Als Vorlage dient ihr eine Fotografie, die sie aber nicht eins zu eins auf die Leinwand überträgt, sondern frei interpretiert. Noch vor einem Jahr hätte sie einen solchen Auftrag nicht angenommen. Jetzt fühlt sie sich dazu bereit. Auch wenn ihr die Vorstellung noch schwerfällt, dafür später wirklich Geld zu verlangen.

Beim Malen kann die 16-Jährige total abschalten. Wenn sie die Zeit dafür hat, malt sie auch schon mal den ganzen Tag lang. Demnächst beginnt sie ihre Ausbildung zur Grafik-Designerin an der Stuttgarter Johannes-Gutenberg-Schule, die auch Angelika Feilhauer einst besucht hat.

Ins Abendatelier will sie aber auch weiterhin kommen. Denn „hier kannst du machen, was dein Herz will“. Beim Malen kann sie ihren Gefühlen freien Lauf lassen. „Das tut der Seele gut.“

Weitere Informationen über die Kunstschule Weitsicht gibt es auf dieser Homepage

Wenn es etwas gab, das Sabine Drewes in den Wochen des Lockdowns besonders vermisst hat, dann das Atelier in der Zehntgasse 25. Dort verbringt die 57-Jährige immer ihre Dienstagabende. Sie hat ihre beruflichen Termine so gelegt, dass ihr nichts dazwischenkommen kann. „Es muss die Welt untergehen, dass ich nicht hier herkomme.“ Doch wegen Corona war das Abendatelier in der Kunstschule Weitsicht für viele Wochen nicht möglich.

Seit 17 Jahren besucht Drewes die Kurse von Angelika

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper