Plüderhausen

Ex-Freundinnen erlebten Angeklagten nicht als brutal

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Ortsschild von Plüderhausen. © Joachim Mogck

Plüderhausen/Stuttgart. Der junge Asylbewerber war zuvor eher nicht durch übersteigerte Eifersucht oder gewaltgeneigtes Macho-Verhalten aufgefallen – weshalb beging er am Ende doch eine solch brutale Tat? Diese Frage ist offen nach dem zweiten Verhandlungstag im Prozess um die Plüderhäuser Messerattacke.


Die gesamte Berichterstattung zur Messerattacke in Plüderhausen haben wir hier gesammelt.


Ein junger Kerl aus Afghanistan dringt nachts ins Zimmer seiner Ex-Freundin ein, bewaffnet mit einem Messer, findet sie nicht, sticht brutal auf ihren Vater ein, verletzt ihn schwer – typisch, werden viele sagen: ein archaisches Frauenbild, maßlose Besitzansprüche, die fatalen Prägungen seiner Herkunft, keine Ahnung von den Werten und Regeln in Deutschland ... Es ist niemandem zu verübeln, der sich solche Gedanken macht. Aber wie so oft, wenn ein Gerichtsprozess all die Details und Nuancen hinter der plakativen Fassade ausleuchtet, beginnt auch in diesem Fall das zunächst klar Scheinende zu schillern.

Der Angeklagte, mittlerweile 20, brach mit 16 Jahren mutterseelenallein von zu Hause auf und schlug sich in einer vielmonatigen Odyssee nach Deutschland durch. Dass es schwer ist für solch einen blutjungen Menschen, zurechtzukommen in einem völlig anderen Kulturkreis, liegt auf der Hand – der Junge blieb aber durchaus nicht völlig sich selbst überlassen. Er fand zunächst Aufnahme auf dem Mönchhof, lebte phasenweise bei einer Pflegefamilie, später in einer Wohngruppe des SOS-Kinderdorfes und erst, als er bereits 19 war, allein in einer Schorndorfer Obdachlosenunterkunft. Er mag überfordert gewesen sein mit seinen Freiheiten, überfordert mit der Fremde – aber eine vollkommen verunglückte Integrationsgeschichte? Eher nicht.

Offenbar ein Mädchenschwarm

Sicher, er begann, Alkohol zu trinken, er kiffte – aber offenbar nicht exzessiv. Sicher, er kämpfte mit der deutschen Sprache – aber er besuchte immerhin eine Klasse, um sich auf den Hauptschulabschluss vorzubereiten. Nebenbei arbeitete er, erst in einem Schnellimbiss, dann in einer Pizzeria. Zuverlässig sei er gewesen, ein „guter Junge“ und „niemals wütend“, berichtet ein ehemaliger Kollege im Zeugenstand.

Zu drei deutschen Mädchen pflegte er zärtliche Beziehungen, alle drei waren offenbar schwer verliebt in den hübschen, schlanken Burschen mit den großen Augen und dem männlich dunklen Bartschatten im noch jugendlichen Gesicht.

Eine Gymnasiastin: Zwischen März 2016 und Frühsommer 2017 waren sie zusammen, auseinander, zusammen, on, off, wohl ein Dutzend Mal. Eine damals 13-, 14-Jährige: Sie war von Frühjahr bis Herbst 2017 mit ihm liiert. Und die mittlerweile 19-jährige Plüderhäuserin: Während er sich von Frühjahr 2017 bis Mai 2018 mit ihr traf, ließ er den Kontakt zu den anderen nicht ganz einschlafen, phasenweise scheint er die drei Affären parallel unterhalten zu haben.

„Er war immer nett zu mir“

Manchmal, sagt das erste Mädchen, habe er sie auf Whatsapp „blockiert“ und „getan, als würde ich nicht existieren“; dann wieder habe er um sie geworben und erklärt, „dass die Frauen in Afghanistan immer zurückkommen, wenn der Mann es will“. Dort hätten die Männer „immer mehrere Frauen“. Sie sei „dumm und naiv“ gewesen, „er hat mich ziemlich verarscht“. Aber abgesehen davon war er „immer nett zu mir. Er hat mich zu nichts gezwungen, er war auch nicht gewalttätig. Ich habe mich nicht unter Druck gesetzt gefühlt.“

„Immer freundlich“ sei er gewesen, sagt das zweite Mädchen, 15 mittlerweile. Sie habe die Beziehung erst beendet, als sie merkte, dass er auch mit einer anderen was hatte. Sie habe ihn einen „Hurensohn“ geheißen, er habe zurückgeschrieben, „er würde mich lieben und so“.

Erst bei der Dritten wollte er das Handy kontrollieren, um zu sehen, ob sie auch anderen Jungen schriebe. Aber auch sie erlebte ihn nicht als brutal herrisch. Dass er sie einmal im Streit schmerzhaft am Arm packte, war seine schlimmste Entgleisung. Selbst, als sie die Beziehung beendete, habe sie ihn „noch geliebt“.

Nachbarin: "So viel Blut habe ich noch nie gesehen"

Teenager-Dramen um große, noch unreife Gefühle – nichts wies hin auf das, was dann geschah: Er ging nach Plüderhausen, einen Überziehschal mit Augenschlitzen und Handschuhe in der Tasche, ein Messer mit 17-Zentimeter-Klinge unter der Jacke.

„Die Bilder verfolgen mich im Schlaf“, berichtet im Zeugenstand eine Nachbarin: Sie eilte nach der Tat zu Hilfe – da lag der Mann aus dem Nebenhaus, mit Wunden an Kopf, Arm, Bein. „So viel Blut habe ich noch nie gesehen.“ Bis Polizei und Rettungskräfte kamen, versuchte sie, die Blutungen zu stillen: „Ich hab mir gewünscht, ich hätte fünf oder zehn Hände.“

Was trieb diesen Heranwachsenden, der, wenn er auch krause Ideen von Liebe und der Rolle einer Freundin hegte, bis dahin nicht als hochaggressiv aufgefallen war, dann doch zu diesem Exzess, der den finstersten Klischees vom Messerstecher aus der Fremde entspricht? Wenn man ihn so im Gericht sitzen sieht – ein Häufchen Elend, mal die Hände vorm Gesicht, mal den Kopf auf der Tischplatte, mal die Augen geschlossen vor Scham –, drängt sich der Eindruck auf: Er begreift sich selber nicht.