Plüderhausen

Gemeinde übernimmt zähneknirschend Aufgabe der Bahn: Wird der Plüderhäuser Bahnhof jetzt endlich barrierefrei?

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Abschreckendes Beispiel für einen nicht-barrierefreien Bahnhof – die Plüderhäuser Bahnstation. © Gaby Schneider

Viel weiter weg von barrierefrei als der Plüderhäuser Bahnhof kann eine Bahnstation kaum sein. Treppauf, treppab, Winkel hier, Tunnel dort. Ein Hindernisparcours könnte kaum anspruchsvoller sein. Rampe oder Aufzug? Fehlanzeige. Dennoch: Hier passiert seit 30 Jahren nichts. Und das, obwohl sich die Bundesrepublik entsprechend der UN-Behindertenrechtskonvention dazu verpflichtet hat, Barrierefreiheit an allen Bahnstationen umzusetzen. Konkret zuständig dafür wäre die Bahn. Keinesfalls aber das Land oder gar die Kommune. Aber Zuständigkeiten hin oder her – seit Jahren setzt man sich in Plüderhausen dafür ein, dass der Bahnhof zeitgemäß umgebaut wird.

Immer wieder liefen die Anträge ins Leere

Immerhin, für viele Bewohner der Gemeinde ist’s ein echtes Problem, zu den entsprechenden Zügen zu gelangen. Man hat etliche Anträge gestellt, Gespräche geführt, Briefe geschrieben, sich eben eingesetzt, damit ein echtes Plüderhäuser Ärgernis endlich aus der Welt geschafft wird. Offenbar hat man nun endlich im Landesministerium für Verkehr mit Amtschef Prof. Dr. habil. Uwe Lahl einen Mitstreiter gefunden. Nachdem nämlich Plüderhausen in zwei Bewerbungsrunden um Bundes- sowie Landesgelder nicht zum Zuge gekommen war, hat er jetzt eine neue Option ins Spiel gebracht, die allerdings eine finanzielle Beteiligung der Gemeinde voraussetzt. Und diese Option hört auf den klingenden Namen „Landesgemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz“.

Land übernimmt 75 Prozent der Kosten

Demnach fördert das Land Vorhaben zur Herstellung der vollständigen Barrierefreiheit mit bis zu 75 Prozent. Dazu gibt’s eine Planungskostenpauschale in Höhe von zehn Prozent der zuwendungsfähigen Investitionskosten. Eine weitere Förderoption, mittels der die Umbauten der Haltestellen in der Region Stuttgart beschleunigt werden sollen, schwebt aktuell noch im Vagen, eine Unterstützung des Bundestagsabgeordneten Pfeiffer wäre dafür unter anderem vonnöten.

Also schlug Bürgermeister Andreas Schaffer den Plüderhäuser Gemeinderäten in der jüngsten Sitzung des Gremiums vor, einen Antrag zu stellen, um die 75-prozentige Förderung des Landes in Anspruch nehmen zu können. Im Oktober läuft die entsprechende Frist dafür ab, weshalb inzwischen ein gewisser Handlungsdruck bestehe. Aussichtsreicherer Möglichkeiten zur Förderung des herbeigesehnten Bahnhofumbaus sieht man seitens der Gemeindeverwaltung aktuell nicht.

Gemeinderäte sind verärgert

Bei möglichen Investitionskosten von rund zwei Millionen Euro bliebe der Gemeinde ein Anteil von 300 000 Euro zu zahlen. Außerdem müsste die Gemeinde mit einer Planung in Vorleistung gehen, die immerhin mit insgesamt 80 000 Euro zu Buche schlagen würde.

Auch wenn ihm wirklich daran gelegen ist, dass der Plüderhäuser Bahnhof endlich barrierefrei wird, ärgert Bürgermeister Andreas Schaffer eine Sache enorm: „Je mehr wir uns dem Thema widmen, umso mehr werden wir dafür verantwortlich gemacht, dass nichts passiert.“

In den sauren Apfel beißen

Und das, obwohl nicht das Land und noch weniger die Kommune dafür verantwortlich sei. Ulrich Scheurer (CDU) versteckte seinen Ärger über die vielen vergangenen Förderabsagen keineswegs. Und an die jetzt in Aussicht gestellte Förderung des Landes glaube er erst „wenn sie da ist“. Eine „unsägliche Geschichte“ sei es, wie die Zuständigkeiten hier weitergeschoben würden. Andreas Theinert (CDU) erkannte an, dass die Verwaltung sich seit Jahrzehnten um den Bahnhof bemühe. Dass die Gemeinde jetzt in Vorlaufkosten gehen soll, gefiel ihm keineswegs. Auch Marcel Schindler (SPD) ärgerte sich, die Verschiebung der Zuständigkeiten würde auf dem Rücken der Plüderhäuser Bürger ausgetragen. Das könne man so nicht weiter hinnehmen, weshalb man nun eben in den saueren Apfel beißen und das Geld für die Planungskosten ausgeben müsse.

Neue Schulden aufnehmen?

Und auch Claudia Jensen (FW-FD) stellte fest, dass von der Gemeinde den Bahnhof betreffend wirklich viel unternommen worden sei. „Die Bahn kommt einfach nicht in die Pötte.“ Über den jetzt vorgeschlagenen Weg zeigte sie sich mittelmäßig begeistert. „Das kostet uns erst mal eine heftige Summe“, kritisierte sie. Das notwendige Geld solle aber keinesfalls im Rahmen der Wohnbauförderung eingespart werden, appellierte sie an die Gremiumskollegen „und wenn wir neue Schulden dafür aufnehmen müssen“. Der Bahnhof sei so einfach nicht mehr tragbar.

ärgerte sich darüber, dass die Gemeinde sich die Planungskosten nun mühselig zusammensparen müssen. „Wir zahlen den VVS wie alle anderen auch, haben nun aber das Nachsehen.“

Bei aller Kritik und Beteuerung, dass es eigentlich keine Plüderhäuser Aufgabe sei, stimmte der Rat bei zwei Enthaltungen (Michael Gomolzig, CDU, und Carlo Fritz, FW-FD) dafür, mit den Planungskosten in Vorleistung zu gehen und außerdem beim Regierungspräsidium Stuttgart den entsprechenden Förderantrag zu stellen.

Viel weiter weg von barrierefrei als der Plüderhäuser Bahnhof kann eine Bahnstation kaum sein. Treppauf, treppab, Winkel hier, Tunnel dort. Ein Hindernisparcours könnte kaum anspruchsvoller sein. Rampe oder Aufzug? Fehlanzeige. Dennoch: Hier passiert seit 30 Jahren nichts. Und das, obwohl sich die Bundesrepublik entsprechend der UN-Behindertenrechtskonvention dazu verpflichtet hat, Barrierefreiheit an allen Bahnstationen umzusetzen. Konkret zuständig dafür wäre die Bahn. Keinesfalls aber das

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