Plüderhausen

Knapp sieben Jahre Haft nach Jugendstrafrecht

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Das Stuttgarter Landgericht. © ZVW/Gabriel Habermann
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Redakteur Peter Schwarz.

Plüderhausen/Stuttgart. Urteil im Prozess um die Plüderhäuser Messerattacke: Sechs Jahre und zehn Monate Jugendhaft wegen versuchten Mordes für den 20-jährigen afghanischen Asylbewerber, der einen Familienvater brutal heimgesucht hat.


Unsere gesamte Berichtersatttung zum Thema finden Sie unter www.zvw.de/messerattacke-pluederhausen


Es gehört zu den Grundbausteinen so eines Prozesses, sowohl die Tat und das Leid der Opfer als auch die biografischen Umstände des Angeklagten zu reflektieren. Richterin Cornelie Eßlinger-Graf beginnt ihre Urteilsbegründung beim Täter. Was wir über ihn wissen, entstammt seinen eigenen Aussagen – „überprüfen können wir das nicht“. Aber: Es gibt Kriterien, die helfen, die Glaubwürdigkeit zu bewerten. Der junge Mann hat über Jahre hinweg – gegenüber Vertrauten, Bekannten, Polizisten, dem Gericht – immer wieder konsistent dasselbe berichtet. Es gebe „keinen Hinweis, dass es nicht zutreffend ist“, sagt die Richterin.

Er wuchs auf als ältestes von sieben Kindern, der Vater war Polizist, bis die Taliban ihm so zusetzten, dass der den Beruf aufgab und einen Laden eröffnete. Der Junge wuchs auf in einem Dorf, mit acht Jahren aber kam er im zwei Autostunden entfernten Tschalalabad auf eine Privatschule; er lebte dort ohne die Eltern bei wechselnden Verwandten. Um das Schulgeld zu erwirtschaften, arbeitete er schon mit neun Jahren nach dem Unterricht in einer Schneiderei. Als er 16 wurde, forderten die Taliban, er müsse sich ihnen anschließen. Darauf organisierte der Vater für den Sohn die Flucht. In Deutschland lebte er zuerst im Mönchhof, dann bei einer Gastfamilie, später in einer Wohngruppe des SOS-Kinderdorfes und strandete schließlich in einer Schorndorfer Obdachlosenunterkunft.

Es liegt nahe, dass er seiner Ex-Freundin Gewalt antun wollte

2017 lernte er ein Mädchen aus Plüderhausen kennen, sie hegten „starke Gefühle“ füreinander. Im Frühjahr 2018 aber häuften sich die Krisen. Er konnte nicht ertragen, dass eine „junge Frau, die in der Bundesrepublik Deutschland aufgewachsen ist“, auch dann, wenn sie eine Beziehung eingeht, „nicht hinter verschlossenen Türen verschwindet“, sondern „ihr Leben weiter lebt, mit Freunden, Bekannten, Freizeitaktivitäten“. Er machte ihr Eifersuchtsszenen, einmal drohte er, sie umzubringen oder zu vergewaltigen – sie habe seine „Ehre gefickt“. Das Mädchen „hing an dieser Beziehung“, merkte aber: Es geht nicht mehr. Sie trennte sich von ihm. Danach habe er sich derart in seine „Wut, Verzweiflung, Verletzung, gekränkte Ehre hineingesteigert“, dass er in der Nacht auf den 15. Juli, bewaffnet mit einem scharfen Fleischmesser, Klingenlänge 17 Zentimeter, das Haus der Ex-Freundin heimsuchte. Was genau wollte er dort? „Es liegt nahe, dass Sie sie umbringen wollten“; oder entführen, vergewaltigen, verunstalten? Jedenfalls: „Ihr Gewalt antun, welcher Art auch immer.“

Der Angreifer ging "besonders brutal" vor

Die Eltern des Mädchens, das zu dem Zeitpunkt nicht zu Hause war, hörten ein Geräusch. Ein Marder unterm Dach? „An einen Einbrecher dachte niemand.“ Der Vater ging „vollkommen ohne Arg“ ins Zimmer der Tochter, um eine Balkontür zu schließen – der erste Messerschlag traf in an der Schläfe, „gottseidank“ nicht an Hals oder Auge. Als der Vater aus dem Zimmer floh und sich von außen gegen die Tür stemmte, „haben Sie nicht nachgegeben“, obwohl es „ein Leichtes gewesen wäre“, durchs Fenster zu verschwinden. Stattdessen stürmte der Eindringling, als der Vater die Tür losließ und stolperte, auf den Flur und schlug „mindestens siebenmal“ heftig mit der Schneide auf den Liegenden ein. „Es war Ihnen vollkommen gleichgültig, wohin Sie trafen.“

Der Angreifer ging „besonders brutal“ vor; er lauerte seinem Opfer „im geschütztesten Rahmen auf, den der Mensch haben kann“, in der eigenen Wohnung; der Vater erlitt „große, klaffende Schnittwunden“ an Arm und Bein; einmal drang das Messer so wuchtig ein, dass es eine Kerbe in einen Knochen hieb; die Klinge durchtrennte eine Sehne; die psychischen Wunden reichen wohl noch tiefer und „betreffen die ganze, schwerstens traumatisierte Familie“, für die „nichts mehr so ist, wie es vorher war“: All das „wiegt sehr schwer“.

Der Angeklagte bat um Entschuldigung

Für den Angeklagten sprach: Er gestand zumindest in groben Zügen; er bat im Prozess um Entschuldigung – „wir glauben Ihnen, dass Sie das bereuen“, wenngleich da auch „Selbstmitleid“ durchklinge; er hat keine Vorstrafen; zumindest die körperlichen Folgen beim Vater sind einigermaßen überschaubar; es blieb beim bloßen Mordversuch; auch sei nur von „bedingtem“, keinem „direkten Vorsatz“ auszugehen – der Angreifer nahm den Tod eines Wehrlosen zwar „billigend in Kauf“, als er so wahllos dreinschlug, setzte aber nicht nach, als der Verletzte sich in ein Nebenzimmer schleppte, obwohl es leicht möglich gewesen wäre, „das Werk zu Ende zu führen“.

Sechs Jahre und zehn Monate also – nach Jugendstrafrecht. Das Gericht geht bei dem 20-Jährigen von „Reifeverzögerungen“ aus. Er musste schon als Kind von den Eltern fort – „auch in Afghanistan brauchen Acht- oder Neunjährige verlässliche Beziehungen, um stabile Erwachsene zu werden“. Und die Obdachlosenunterkunft in Schorndorf sei ebenfalls „kein Umfeld, in dem ein junger Mensch weiter reift und gedeiht“.

Die Richterin schließt mit einem persönlichen Wort: Die Haltung der Familie habe sie „tief beeindruckt“. Die Zeugenaussage des Vaters zu den Geschehnissen der Tatnacht sei nicht nur außerordentlich „wertvoll“ gewesen ob ihrer Genauigkeit, sondern auch „vollkommen frei von Rache- und Belastungstendenzen“; zu schweigen von seiner „großherzigen Bereitschaft, zu vergeben“. Cornelie Eßlinger-Graf ist eine erfahrene Richterin – aber dergleichen „habe ich in all den Jahren selten so erlebt“.


Abschiebung

„Sie werden ausgewiesen werden, da gibt es überhaupt keinen Zweifel“, machte Richterin Cornelie Eßlinger-Graf dem Verurteilten klar. Vermutlich wird er einen größeren Teil der Haftstrafe absitzen, bevor er nach Afghanistan abgeschoben wird.


Kommentar zum Prozess von Peter Schwarz

Die Messerattacke von Plüderhausen war eine schlimme Tat, kein noch so sorgsam geführter Strafprozess kann dieses Verbrechen ungeschehen machen. Dennoch war diese juristische Aufarbeitung ein Glücksfall.

Allein schon die umsichtige Art, wie die Kammer um Richterin Cornelie Eßlinger-Graf aus den Aussagen von Zeugen und Sachverständigen das Tatmosaik zusammensetzte und das Geschehene minuziös rekonstruierte, war beispielhaft. In ihrer Urteilsbegründung hat die Richterin aber noch viel mehr geleistet. Sauber arbeitete sie heraus, was für den Angeklagten sprach, nachvollziehbar begründete sie, warum Jugendstrafrecht anzuwenden war – dass der Täter wahrgenommen wird in seiner Persönlichkeit und seinen Herkunftsumständen, ist ein wichtiges Kennzeichen eines funktionierenden Rechtsstaates. Darüber geriet der Richterin aber keine Sekunde lang das körperliche wie seelische Leid der betroffenen Familie aus dem Blick. Auch die Brutalität der Tat beschrieb Eßlinger-Graf angemessen deutlich. Sie wurde Täter wie Opfern gerecht; „gerecht“ ist hier sehr wörtlich zu verstehen.

Es ist absehbar, dass nun Gegrummel, wohl auch Hetze anheben wird auf rechten Plattformen: Von Kuscheljustiz wird die Rede sein, von Mama Gnädig, die da ein Pipifax-Urteil gesprochen habe; auch Hohn wird es setzen – aha, der Täter hat also eine schlimme Kindheit gehabt. Aber das ist alles Unsinn. Dieses Urteil ist nicht milde und nicht streng, es ist angemessen. Im Übrigen ist Jugendstrafrecht kein Mimimi-Strafrecht und Jugendhaft keine Erlebnisfreizeit. Die Idee dabei ist, einen jungen, noch ungefestigten, noch prägbaren Menschen auf den rechten Weg zu führen, damit er so etwas nie wieder tut – gelingt das, ist der ganzen Gesellschaft gedient. Ja, auch pädagogische Begleitmaßnahmen gibt es im Jugendgefängnis, Anti-Aggressionstraining oder psychologische Gespräche, die den Verurteilten zum Nachdenken bringen sollen über seine Eifersucht, seine Wut, sein verqueres Frauenbild. Aber das ist nicht kuschelig – es kann höchst unbequem sein, in die Abgründe der eigenen Persönlichkeit blicken zu müssen.

Wird dieser Verurteilte tatsächlich in sich gehen? Die Zeichen von Reue und Scham, die er im Prozess äußerte, erschienen zumindest glaubwürdig.

Der Familie, die so Schlimmes erlitten hat, ist zu wünschen, dass die Seelenwunden heilen – und wer Vater, Mutter und Tochter während der Verhandlung erlebt, wer ihre Vertrautheit, Nähe und Wärme im Umgang miteinander wahrgenommen hat, spürte da eine große innere Kraft. Sie haben – das ist selbstverständlich, aber vielleicht sollte man es in Zeiten, wo so viel bösartiger Unsinn kursiert, doch noch einmal eigens betonen – keinerlei Schuld auf sich geladen. Die Eltern verboten ihrer Tochter nicht den Umgang mit dem jungen Mann, gleichwohl äußerten sie ihre Bedenken, ließen dabei aber nie den Gesprächsfaden zu dem Mädchen abreißen – das war klug und vernünftig. Und die Tochter? Wer auf einen Menschen aus einem anderen Land zugeht, Vertrauen fasst, sich verliebt, macht sich nicht schuldig, sondern verhält sich menschlich. Schuld trägt einzig und allein der junge Mann, der dieses Vertrauen so schrecklich brach.

Dass die Familie signalisiert hat, dem Täter vergeben zu wollen, ist erst recht kein Zeichen naiven Gutmenschentums, sondern bewundernswert; und vielleicht auch heilsam. Sich nicht zu verfangen in einem Gespinst aus Rache-Fantasien, Bitterkeit, Hass: Das kann helfen, die Traumata zu überwinden.