Plüderhausen

Lieferengpässe bei Medikamenten: Apothekerinnen erklären, wie es dazu kommt

SymbolfotoMedikamente
Bei einigen Medikamenten bestehen derzeit - und teils auch schon seit Jahren - Lieferengpässe. © Gaby Schneider

Wer Medikamente verschrieben bekommt, der erwartet, dass er sie in der Apotheke bekommen kann. Das ist allerdings nicht immer möglich – ein Schock für Menschen, die auf ihre Medizin angewiesen sind. Immer wieder kommt es bei einigen Medikamenten zu Engpässen, besonders betroffen sind aktuell zum Beispiel Paracetamol- und Ibuprofensäfte für Kinder. Wir haben mit Apothekerinnen darüber gesprochen warum das so ist und was Kundinnen und Kunden machen können, um eventuell trotzdem noch an ihre Medikamente zu kommen.

„Das geht jeder Apotheke gerade so“, sagt Franziska Fritz, deren Familie die Hohberg-Apotheke und die Nickel-Apotheke in Plüderhausen gehören, auf die Frage, ob sie auch Probleme damit hat, bestimmte Medikamente zu beschaffen. „Was uns etwas schockiert, ist, dass sogar Schmerzmedikamente für Kinder gerade nicht mehr zu bekommen sind.“ Das zeige, dass die Situation auf dem Arzneimittelmarkt durchaus schwierig sei. Bei diesen bestimmten Medikamenten müsse dennoch keine Panik ausgerufen werden und auch Hamsterkäufe seien unnötig, so Fritz. Die Apotheke sei inzwischen dazu übergegangen, die Säfte selbst herzustellen.

Manche Menschen müssen schon auf alternative Medikamente ausweichen

Dasselbe machen auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Michaels-Apotheke in Winterbach, wie deren Inhaberin Sigrid Dätsch-Lokies berichtet. Auch andere Produkte wie Insulin seien aber betroffen. „Wir versuchen, lösungsorientiert zu arbeiten“, sagt die Apothekerin. „Manchmal haben die Kunden noch ein bisschen Reserve, so dass sie Lieferengpässe überbrücken können, oder wir nehmen Kontakt mit dem Arzt auf.“ Teilweise müssten Kundinnen und Kunden ihre Medikamente dann umstellen.

„Die Kunden sind dann oft überrascht und nicht sehr amüsiert“, so Dätsch-Lokies. Wie es zu den Lieferengpässen bei einigen Medikamenten komme, könne sie nicht genau sagen. „Wenn man es über den Großhandel nicht bekommt, gehen wir oft direkt über den Hersteller“, erzählt sie. Dort seien die Medikamente dann manchmal noch verfügbar, allerdings zu für die Apotheke schlechteren Konditionen, da sie dann zum Beispiel im Gegensatz zur Bestellung beim Großhändler Porto zahlen müsse, das aber nicht an die Kundschaft weitergegeben werden könne.

Sigrid Dätsch-Lokies ist sich nicht sicher, inwiefern der Krieg zwischen Russland und der Ukraine über Lieferengpässe einen Einfluss auf die Medikamenten-Knappheit haben könnte, die Probleme bestünden schon seit Jahren. Dass das Problem schon länger besteht, kann auch Franziska Fritz bestätigen, sie nennt aber klarere Gründe für den Medikamenten-Mangel.

Apothekerin: Preisdruck sorgt dafür, dass manche Pharmahersteller aussteigen

„Es sind eigentlich zwei verschiedene Probleme“, sagt sie. Das erste: Kundinnen und Kunden sowie Krankenkassen sind ihrer Meinung nach nicht mehr bereit, so viel für Medikamente zu bezahlen wie früher. „Wenn Kunden kommen und sagen, ein rezeptfreies Medikament kostet im Internet nur 1,20 Euro, dann muss ich als lokaler Einzelhändler wohl oder übel sagen, dann verkaufe ich es auch für 1,20 Euro“, erklärt Franziska Fritz. „Den Preis muss ich dann an den Großhändler weitergeben, indem ich härter verhandle.“ Der gebe die niedrigeren Preise dann wiederum an den Hersteller weiter.

Genauso verhandelten Krankenkassen laut Fritz immer härter mit den Pharmaherstellern und zahlten weniger für deren Produkte, so dass einigen die Gewinnmargen nicht mehr hoch genug seien, teilweise melden sie sogar Verluste. Dann könne es vorkommen, dass sie bestimmte Produkte überhaupt nicht mehr herstellen. Wenn dann bei den wenigen verbleibenden Anbietern eines Medikaments etwas schieflaufe, dann seien bestimmte Wirkstoffe auf dem deutschen Markt irgendwann überhaupt nicht mehr verfügbar.

„Viele Pharmahersteller bringen Medikamente, die es in anderen Ländern gibt, in Deutschland nicht mehr auf den Markt“, sagt Franziska Fritz. „Dann haben die Leute ein richtiges Problem.“ Diese von ihr beschriebenen Schwierigkeiten hätten sich zum Beispiel auf das Brustkrebs-Medikament Tamoxifen ausgewirkt, das auch derzeit wieder schwer verfügbar ist. Auch einige Blutdruck- oder cholesterinsenkende Medikamente sind laut Fritz momentan schwer zu bekommen.

Vielseitige Lieferketten-Schwierigkeiten verschlimmern die Situation

Das zweite Problem laut Fritz: Zum Preisdruck kommen aktuell auch viele Schwierigkeiten bei den Lieferketten, so ihr Eindruck. Viele Rohstoffe für Medikamente kämen aus weit entfernten Ländern, hingen in Container-Schiffen fest oder könnten im Hafen nicht weiterverarbeitet werden, weil keine Arbeitskräfte zur Verfügung stünden. „Jede Firma sagt uns etwas anderes“, so Fritz. Die Gründe für Lieferengpässe seien also vielseitig, die Wut der Kunden bekämen die Apotheker zu spüren. Bereit, mehr für Medikamente oder höhere Krankenkassenbeiträge zu bezahlen, sei aber auch niemand. „Wir können nichts dafür“, sagt Franziska Fritz. Sie wünscht sich, dass die Krankenkassen den Pharmaherstellern die Preise nicht so rigoros kürzen. Gespart werden solle lieber an anderer Stelle.

In mehreren Apotheken nach einem Medikament zu fragen, kann sich lohnen

Und was können Kundinnen und Kunden denn nun machen, wenn das Medikament, das sie benötigen, tatsächlich einmal nicht verfügbar ist?

In manchen Fällen sind die Lieferengpässe so drastisch, dass sie tatsächlich mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt über Alternativen sprechen müssen. Das ist dann natürlich sehr unbefriedigend. Oft lohnt es sich aber auch, in verschiedenen Apotheken anzurufen und weitere Wege auf sich zu nehmen. Das kostet zwar Zeit und Nerven, da verschiedene Apotheken aber auch mit verschiedenen Großhändlern zusammenarbeiten, kann es durchaus vorkommen, dass eine Apotheke ein Medikament überhaupt nicht mehr vorrätig hat, während eine andere Apotheke es noch bestellen kann. Wer regelmäßig die gleichen Medikamente braucht, sollte, wenn möglich, zudem etwas Vorlaufzeit einplanen und schon vorbestellen, wenn die alte Packung noch nicht leer ist.

Wer Medikamente verschrieben bekommt, der erwartet, dass er sie in der Apotheke bekommen kann. Das ist allerdings nicht immer möglich – ein Schock für Menschen, die auf ihre Medizin angewiesen sind. Immer wieder kommt es bei einigen Medikamenten zu Engpässen, besonders betroffen sind aktuell zum Beispiel Paracetamol- und Ibuprofensäfte für Kinder. Wir haben mit Apothekerinnen darüber gesprochen warum das so ist und was Kundinnen und Kunden machen können, um eventuell trotzdem noch an ihre

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