Plüderhausen

Michael Gomolzig geht montags spazieren, kommt aber nicht in den Gemeinderat

GomolzigCorona
„Ich bin stockkonservativ“, sagt Michael Gomolzig über sich selbst. © Gaby Schneider

Seit Wochen gehen montagabends im ganzen Land Menschen „spazieren“. Was treibt sie zu diesem diffusen Protest gegen die Corona-Maßnahmen an? Das hat sich auch Michael Gomolzig gefragt. Mehrere Male ist er deshalb bereits mitgelaufen, denn „ich wollte mir selbst ein Bild davon machen“. Doch nicht nur aus Recherchezwecken nahm er daran teil, sondern weil ihm an der Politik seit Ausbruch der Pandemie ebenfalls vieles nicht passt.

Nun ist Michael Gomolzig alles andere als ein Unbekannter. Der 69-Jährige sitzt (mit Unterbrechungen) seit 1998 für die CDU im Plüderhäuser Gemeinderat, ist Mitglied des Kreistages, war bis zu seiner Pensionierung vor anderthalb Jahren Grundschulrektor in Geradstetten – und er ist nach wie vor Pressesprecher und stellvertretender Landesvorsitzender des Berufsverbandes Bildung und Erziehung (VBE). Seine Stimme hat, auch als reger Leserbriefschreiber in dieser Zeitung, durchaus Gewicht.

Der 69-Jährige beklagt eine „toxische Atmosphäre im Gemeinderat“

Zumindest im Gemeinderat war diese seit November jedoch nicht mehr zu vernehmen. Seitdem die 3G-Regel gilt und das Tragen einer FFP2-Maske dort zur Pflicht wurde, hat sich der CDU-Rat stets entschuldigen lassen. „Wegen meiner Gesundheit“, sagt er. Aber auch, weil ihm die Atmosphäre dort zuletzt immer mehr „toxisch“ erschien.

Das Thema Corona hatte vor Weihnachten bekanntlich für eine Kontroverse gesorgt, deren Ausgang ein missglückter Impf-Aufruf des SPD-Rats Klaus Harald Kelemen war, in dem dieser Ungeimpfte mit Müllsündern verglich. Was von FW-FD-Rat Silvan Vollmar öffentlich kritisiert wurde, der sich zugleich fragte, ob die SPD etwa der Demokratie den Rücken zugekehrt habe.

Michael Gomolzig hat sich bisher nicht gegen das Coronavirus impfen lassen. „Ich halte das für mich nicht für richtig“, sagt er. Ein Stück weit auch aus Trotz, denn „wenn alle sagen, ich soll das jetzt tun, dann wächst nur mein Oppositionsgeist“. Ein grundsätzlicher Impfgegner sei er aber nicht – und er schließt auch nicht aus, dass er sich in Zukunft vielleicht doch gegen eine Covid-19-Erkrankung impfen lassen wird.

Doch an der Wirkung der bestehenden Impfstoffe hat er seine Zweifel, er vertraut weder ihnen noch denen, die dafür werben. Er verweist dabei auf die Statistik des Robert-Koch-Instituts. Diese belege, dass auch Geimpfte auf der Intensivstation landen und sogar am Virus sterben können (auch wenn die Wahrscheinlichkeit für Ungeimpfte deutlich höher ist). Und sie zeige, dass die Impfung gegen eine Infektion mit der (vergleichsweise harmlosen) Omikron-Variante schlechter schütze als gegen andere Varianten (siehe dazu die Infobox am Ende des Textes zum Zusammenhang von Covid-Erkrankung und Impfstatus).

In der Impfkampagne seien Dinge versprochen worden, die nicht eingehalten wurden, findet Gomolzig. Die Regierungen in Land und Bund hält er für abgehoben, sie agierten fern der Lebensrealität der Menschen. Auch sei das Maßnahmenwirrwarr (Beispiel: Wann und wo gilt 3G, 2G oder 2G plus?) nicht mehr nachvollziehbar. Und nicht zuletzt fehle es in der Politik aus seiner Sicht an Selbstkritik, was Fehler und Fehleinschätzungen während der bald zwei Jahre Pandemie anbelangt.

Menschen, die sich nicht mehr von der Politik ernst genommen fühlen

Deshalb hält er den stummen Protest der Montagsspaziergänger (deren Demo-Konzept von den rechtsextremen "Freien Sachsen" übernommen wurde) auch für eine legitime Form der Unmutsbekundung, denn „viele fühlen sich ohnmächtig“. Er habe dort vor allem Menschen getroffen, die sich von der Politik nicht mehr ernst genommen fühlten. Es mag sein, dass dort auch Personen mitliefen, die Verschwörungserzählungen anhängen (oder ohnehin eine sehr eigentümliche Weltsicht vertreten wie eine gewisse selbst ernannte Heiligkeit in Plüderhausen). Die Mehrheit sei das aber nicht. Mit seiner Teilnahme wolle er ausdrücken, „dass das die einzige Möglichkeit ist, sich zu äußern“ – auch wenn auf den Spaziergängen kaum Äußerungen zu gemeinsamen Zielen und Forderungen formuliert werden.

Wer spaltet hier die Gesellschaft?

Aus seiner Sicht sind es übrigens nicht die Spaziergänger, sondern die Gegendemonstranten, die spalterisch wirken – allen voran die Kirchen, die sich für die Impfung positionieren würden. „Dabei sollen sie doch versöhnen und für alle da sein“, findet der evangelische Christ.

Obwohl Gomolzig ein altgedienter Kommunalpolitiker ist, steht er auch der CDU kritisch gegenüber. Zwar ist er Teil der Fraktionen in Gemeinderat und Kreistag, doch Parteimitglied war er nie – und der 69-Jährige, der von sich sagt: „Ich bin stockkonservativ“, wäre sonst auch längst ausgetreten.

Im öffentlichen Diskurs zum Thema Corona beklagt der Rektor im Ruhestand grundsätzlich eine fehlende Streitkultur und einen teils missionarischen Eifer. Dabei sei das Aushaltenkönnen von anderen Standpunkten doch ein demokratischer Grundsatz, findet Michael Gomolzig.

Ist es in Ordnung, dass Gomolzig dem Gemeinderat fernbleibt?

Für den politischen Streit wäre der Plüderhäuser Gemeinderat, der bekanntermaßen keine Kontroverse scheut, eigentlich das passende Forum. Dass Gomolzig angesichts der pandemischen Lage dem Gremium gerade fernbleibe – dafür hat sein Fraktionsvorsitzender Ulrich Scheurer indes durchaus Verständnis. Auch er sitze nur sehr ungern dreieinhalb Stunden mit FFP2-Maske in den Sitzungen. Und dass Gomolzig bei Montagsspaziergängen mitläuft, ist für den CDU-Rat Scheurer ebenfalls kein Problem, „das ist eine persönliche Entscheidung“, findet er.

Nach knapp zwei Jahren Pandemie sitzt auch bei Scheurer selbst der Frust über die Politik tief. Viele Maßnahmen hält er für nicht mehr nachvollziehbar. Er ist außerdem skeptisch, ob die gerade in vielen Orten stattfindenden Gegendemonstrationen die richtige Antwort auf die Spaziergänge sind. Denn „uns zerreißt es bald die Gesellschaft“, fürchtet er. Kürzlich sei er etwa in der S-Bahn körperlich angegangen worden, nur weil er einen Mitfahrer auf die Einhaltung der Maskenpflicht hingewiesen habe. Künftig werde er das nicht mehr tun.

Und überhaupt sei es aus seiner Sicht allmählich an der Zeit, wieder andere Themen in den Mittelpunkt zu stellen: „Alltagssorgen“ wie die Inflation, Windkraft, der Pflegenotstand oder die Entwicklung der Energiepreise, „das treibt die Menschen um“.

Was Gemeindeordnung und Bürgermeister dazu sagen

Und was sagt die Gemeindeordnung zur Anwesenheit der Räte im Gremium? Darin heißt es unmissverständlich: „Die Gemeinderäte sind verpflichtet, an den Sitzungen teilzunehmen.“ Der Plüderhäuser Bürgermeister Benjamin Treiber sagt jedoch: „Da Mitglieder des Gemeinderates diese Tätigkeit im Ehrenamt ausüben, sind Verhinderungsfälle in diesem Sinne eher großzügig zu bewerten.“ Aus der Vergangenheit seien ihm in Plüderhausen keine Fälle bekannt, in denen das ausgenutzt worden sei.

Pflicht wird großzügig ausgelegt

Während der Corona-Pandemie sei zudem auch aus Sicht des Landes-Innenministeriums eine großzügige Auslegung der Anwesenheitspflicht vertretbar. „Als Vorsitzender des Gemeinderates habe ich gegenüber dem Gremium eine ähnliche Linie vertreten“, so Treiber. „Nichtsdestotrotz gebietet es der Respekt vor der Tätigkeit an sich und die Verantwortung gegenüber den Wählerinnen und Wählern, regelmäßig an den Sitzungen teilzunehmen. Ich rechne fest damit, dass alle Mitglieder des Gemeinderats dies genauso sehen.“

Und was Michael Gomolzigs bisheriges Fernbleiben betrifft, so habe dieser im vergangenen Jahr bei drei von 15 Sitzungen gefehlt. „Das bewegt sich aus meiner Sicht im normalen Rahmen. Er hat sich jeweils vorab entschuldigt und einen Grund angegeben, der nicht zu beanstanden ist.“

Wann der CDU-Rat wieder an Präsenzsitzungen teilnimmt, hängt letztlich davon ab, wie lange dort noch die FFP2-Maskenpflicht gilt. An Kreistagssitzungen hingegen nimmt der 69-jährige Plüderhäuser nach wie vor teil. Denn die finden gerade digital statt – und daher ohne Maske.

Seit Wochen gehen montagabends im ganzen Land Menschen „spazieren“. Was treibt sie zu diesem diffusen Protest gegen die Corona-Maßnahmen an? Das hat sich auch Michael Gomolzig gefragt. Mehrere Male ist er deshalb bereits mitgelaufen, denn „ich wollte mir selbst ein Bild davon machen“. Doch nicht nur aus Recherchezwecken nahm er daran teil, sondern weil ihm an der Politik seit Ausbruch der Pandemie ebenfalls vieles nicht passt.

Nun ist Michael Gomolzig alles andere als ein Unbekannter.

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