Plüderhausen

Plüderhäuser Bahnhof: Besteht noch Hoffnung auf Barrierefreiheit?

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Viele Plüderhäuserinnen und Plüderhäuser glauben laut Bürgermeister Benjamin Treiber nicht mehr daran, dass der Bahnhof in absehbarer Zukunft barrierefrei wird. © Gaby Schneider

Barrierefreiheit soll dazu dienen, dass alle Menschen gleichermaßen am Alltag teilnehmen können. Der Plüderhäuser Bahnhof ist bei dem Thema ein Totalversager. Er ist von keiner Seite aus barrierefrei erreichbar, ein Zustand, der seit Jahrzehnten für Ärger in der Gemeinde sorgt. Getan hat sich trotzdem nichts. Die Gemeinde hält die Deutsche Bahn für zuständig, das Unternehmen blockt aber alle Investitionsanfragen ab.

So geschehen erst wieder Anfang dieses Monats. Der neue Bürgermeister Benjamin Treiber hatte Vertreter der Bundesregierung und der Deutschen Bahn zu einem Vor-Ort-Termin am Plüderhäuser Bahnhof eingeladen. Die Aussage der Bahn bei dem Termin war ernüchternd: In den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren werde sie kein Geld in die Hand nehmen, um den Bahnhof barrierefrei herzurichten. Das will die Gemeinde so nicht akzeptieren.

Benjamin Treiber: Die Bahn drückt sich um ihre Verantwortung

„Die Aussage der Bahn war sehr enttäuschend“, sagt Benjamin Treiber im Nachgang des Vor-Ort-Termins. Den Bahnhof barrierefrei umzubauen, davon ist er und sind die Gemeinderäte und -rätinnen überzeugt, das ist eigentlich Aufgabe der Bahn. „Und sie drückt sich um ihre Verantwortung“, bemängelt der Bürgermeister.

Ein Argument der Bahn für ihre Untätigkeit war bei dem Termin, dass vor elf Jahren die Bahnsteige in Plüderhausen komplett erneuert und mit Leitstreifen für Blinde versehen wurden. „Nach dieser Logik wurden erst Maßnahmen durchgeführt“, sagt Treiber. „Für uns ist das nicht nachvollziehbar.“ Im Nachhinein wäre es vielleicht für die Zusammenarbeit mit der Bahn besser gewesen, wenn die Maßnahme nicht umgesetzt worden wäre, weil es dann eventuell schneller eine Gesamtlösung gegeben hätte.

Lieber viele kleine Projekte als ein großes?

Benjamin Treiber vermutet, dass die Deutsche Bahn lieber mehrere kleine Projekte für die Barrierefreiheit umsetzt als ein großes wie Plüderhausen, für das als Einzelmaßnahme viel Geld anfallen würde. Auf grob acht Millionen Euro schätzt die Bahn laut Treiber die Kosten für die Maßnahmen, die nötig wären, um den Plüderhäuser Bahnhof barrierefrei zu machen.

Bedeutet die Absage der Bahn also, dass es beim Bahnhof nun wieder einmal nicht weitergeht? Jein. Der Gemeinde stehen mehrere, wenn auch unbequeme, realistische und weniger realistische Möglichkeiten offen. Sie involvieren aber alle, dass die ohnehin sehr klamme Kommune selbst finanzielle Mittel aufwendet.

  • Im Zuge des Landesgemeindeverkehrsfinanzierungsgesetzes (LGVFG) könnte der barrierefreie Ausbau des Bahnhofs laut Treiber mit einem Fördersatz von 75 Prozent der zuwendungsfähigen Baukosten gefördert werden. Zusätzlich gäbe es zehn Prozent für die Planungskostenpauschale der zuwendungsfähigen Baukosten. Die Sache hat allerdings einen Haken: Der Antrag für die Forderung müsste inklusive der fertigen Planunterlagen bis Ende Oktober erstellt sein. Bei der Planung muss die Verwaltung allerdings mit von der Bahn zertifizierten Planungsbüros zusammenarbeiten – die haben, so Treiber, jedoch erst ab Ende des Jahres Kapazitäten. Damit kann der Stichtag für den Antrag auf Förderung nicht eingehalten werden. Außerdem müsste die Gemeinde schon für die Planung viel Geld in die Hand nehmen - ohne jede Zusicherung, dass tatsächlich realistische Chancen auf eine Aufnahme in das Förderprogramm bestehen. Und selbst wenn der Bahnhof in das Programm aufgenommen werden würde, wäre der Eigenanteil der Kosten für die Gemeinde noch schmerzhaft.
  • Das Bundes-Gemeindeverkehrsfinanzierungsprogramm (BGVFG) bietet ähnlich dem LGVFG eine Förderung von bis zu 75 Prozent für den Umbau des Bahnhofes. Auch hier gibt es aber einen Haken: Projekte unter 30 Millionen Euro werden in dem Programm nicht gefördert, in Einzelfällen wird die Grenze aber laut Benjamin Treiber auf bis zu zehn Millionen Euro gesenkt. Selbst dann müsste Plüderhausen sich zur Erreichung der Summe aber wohl mit einer anderen Kommune zusammenschließen.
  • Als dritte Möglichkeit käme laut dem Bürgermeister noch ein Sonderprogramm des Bundes infrage: die Förderinitiative zur Attraktivitätssteigerung und Barrierefreiheit von Bahnhöfen 2 (FABB 2). Sie dient der beschleunigten Herstellung der Barrierefreiheit an kleinen und mittleren Stationen. Die Problematik hier: Die Entscheidung zur Stationsauswahl erfolgt durch das Land Baden-Württemberg, der Bund muss dann aber eine Auswahl aus den Vorschlägen treffen – und eine Mitfinanzierung der Kommune ist Voraussetzung.

Eines ist also klar: Einfach wird es für die Gemeinde nicht, beim Thema Bahnhof in den nächsten Jahren voranzukommen. Und billig erst recht nicht. Trotzdem: „Eines haben wir der Vertreterin der Bahn bei dem Vor-Ort-Termin ganz deutlich gesagt,“ betont Benjamin Treiber. „Wir werden nicht lockerlassen und sehen es auch gar nicht ein, dass der Steuerzahler und die Kommune volle Kosten für etwas übernehmen, das eigentlich Aufgabe der Bahn wäre.“

Viele haben den Bahnhof schon aufgegeben

Die Haltung der Bahn stehe in Widerspruch sowohl zur geplanten Offensive, bis 2030 deutlich mehr Menschen mit dem öffentlichen Personennahverkehr befördern zu wollen als auch zu den Vorgaben der UN Behindertenrechtskonvention zur Barrierefreiheit. Die Menschen im Ort beschäftige das Thema weiterhin, viele hätten den Bahnhof aber auch schon aufgegeben. Das möchte Benjamin Treiber aber nicht. Sein Plan: weitermachen und immer wieder zu Terminen vor Ort einladen.

„Das kann man so nicht stehenlassen“, findet der Schultes. Es habe auch Bundes- und Landtagsabgeordnete gegeben, die den ersten Vor-Ort-Termin nicht wahrnehmen konnten, der Gemeinde aber ihre Unterstützung zugesagt hätten. „Mit denen stehen wir in Kontakt. Der Plan ist schon, da zeitnah noch einmal Dinge zu klären und Fördermöglichkeiten genau abzuklopfen.“

Die Deutsche Bahn ließ unsere Anfrage zu dem Thema bis Redaktionsschluss unkommentiert.

Barrierefreiheit soll dazu dienen, dass alle Menschen gleichermaßen am Alltag teilnehmen können. Der Plüderhäuser Bahnhof ist bei dem Thema ein Totalversager. Er ist von keiner Seite aus barrierefrei erreichbar, ein Zustand, der seit Jahrzehnten für Ärger in der Gemeinde sorgt. Getan hat sich trotzdem nichts. Die Gemeinde hält die Deutsche Bahn für zuständig, das Unternehmen blockt aber alle Investitionsanfragen ab.

So geschehen erst wieder Anfang dieses Monats. Der neue Bürgermeister

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