Plüderhausen

Plüderhäuser Theater hinterm Scheuerntor: Neue Erfahrungen in ungewöhnlicher Spielsaison

Dunkel-Theater
Wolfgang Kammer Anfang des Jahres bei der Aufführung von „Lob der Dunkelheit“. © ALEXANDRA PALMIZI

Plötzlich Zeit: Das ist für Theaterleiter Wolfgang Kammer eine neue Erfahrung. Nach der Premiere ist vor der Premiere: So galt es in den vergangenen 13 Jahren, erzählt er, als „durchgepowert“ wurde, um das „Theater hinterm Scheuerntor“ aufzubauen. Der Lockdown hat Pläne für Aufführungen, Konzerte, Proben, Öffentlichkeitsarbeit beendet. „Plötzlich ist das weg.“

Das bietet Gelegenheit zum Innehalten, „auch Zeit, mir Gedanken zu machen über das Theater, was ist in meinen Augen notwendiges Theater, das der Mensch auch braucht“, sinniert Kammer. Mit einem Stück weit auch „Zweifel an der reinen Unterhaltung“, wobei sie in diesen Zeiten nicht unterschätzt werden muss. „Wir machen auch Stücke, die unterhaltsam sind“, räumt der Theatermacher ein. Doch er will darüber hinaus „einen gewissen Mehrwert“, Sinn-Fragen nachgehen. Insofern lässt sich die coronabedingte Pause zur Reflektion nutzen.

Pläne zu schmieden, das fällt, bei aller Leidenschaft fürs Theater, derzeit schwer. Ein klassisches Jahresprogramm gibt es für 2021 nicht. Vielmehr wird auf Sicht gefahren. „Sowie wir merken, wir dürfen, werden wir für den kommenden Monat etwas planen“, so Wolfgang Kammer. Er hofft, „dass wir im Laufe des Frühjahrs wieder im Theater spielen dürfen“. Einen Monat Vorlauf braucht es, „um wieder in die Puschen zu kommen“. Daher werden, sobald es geht, zunächst Stücke aufgeführt, „die wir schon drauf haben“. Gastspiele können das Repertoire ergänzen, überwiegend Musiker fragen bereits an. Gedanken zum Spielplan machen sich die Organisatoren ebenfalls bereits für Juni bis August, auf den Sommermonaten ruhen die meisten Hoffnungen. Gute Chancen rechnet sich der Theaterleiter für Open-Air-Aufführungen aus.

Das Unmittelbare im Theater fehlt beim Streamen oder als Film

Genaueres zu sagen, ist im Moment noch unmöglich. Beim ersten Lockdown hatte Kammer noch gedacht: „Der Spuk ist schnell vorbei“ und an einem Herbstprogramm getüftelt, auch wenn es nur für wenige Zuschauer war. Nun, im zweiten Lockdown, hat er sich ein Stück weit „ergeben in die Krise“, sagt er. Aufführungen ins Internet zu streamen oder dort gefilmte Produktionen anzubieten, „das ist überhaupt nicht meins“, räumt Kammer ein. „Die Gefahr ist ein bisschen, dass sich das Theater überflüssig macht. Das Unmittelbare im Theater ist da nicht vorhanden.“

Finanziell geht’s dem Theater hinterm Scheuerntor besser als anderen Kulturbetrieben. Die Spieler spielen gegen einen Teil des Eintritts, wobei Kammer weiß: „Es gibt natürlich die Leute, die im freien Kunstbereich arbeiten. Für die ist das ganz schnell ganz bitter.“

Das Theatergebäude gehört der Hilde- und Hermann-Walter-Stiftung. Die Theatermacher müssen die Miete aufbringen. „Viel mehr an Fixkosten haben wir nicht.“ Die Hälfte der Einnahmen konnten die Engagierten in diesem Jahr generieren. Dazu kommen Mitgliedsbeiträge. „Wir sind nicht in so einer existenziellen Situation.“ Ein Landeszuschuss und Spenden gingen ein. Und ein wichtiger Unterschied zu hauptberuflichen Künstlern: „Wir leben nicht davon“. So hat Wolfgang Kammer durchaus Spenden für Künstler empfohlen, die von der Kunst leben müssen. Wenngleich er froh ist über jede Zuwendung, die der ambitionierte kleine Theaterbetrieb bekommt.

Die Finanzen und die momentane Ruhe im Theaterbetrieb sind eine Seite. Die andere: „Es fehlt auch die Aufführungspraxis.“ Texte geraten in Vergessenheit, Abläufe, „man verliert Routinen, die man auch braucht“. Dazu kommt die Sorge, „dass das Publikum uns vergisst“.

Andererseits hat Wolfgang Kammer im coronabedingten Spielbetrieb ein dankbares Publikum erlebt, dass froh war über die Aufführungen und seine Freude Künstlern gegenüber geäußert hat. „Das ist schön.“

Dafür haben sich die Engagierten ins Zeug gelegt. Immerhin etwa die Hälfte der üblichen Vorstellungen konnte stattfinden, der Sommer wurde „fast ganz durchgezogen“. Mitte März musste der Theaterbetrieb bereits einmal schließen. Die erste Abendvorstellung, die ausfiel, war eine Geburtstagsfeier für Hölderlin und Beethoven. Sie sollte im Herbst nachgeholt werden, das klappte wieder nicht. Die Hoffnungen ruhen nun auf einem dritten Versuch.

Zur Aufführung kamen indes zum Beispiel „Romeo und Julia“, „Mein lieber Schwan“, das „Lob der Dunkelheit“ und ein neueres Programm von Silke Zech „Zu Gast bei Eve Lerchle“ zu Claire Waldoff.

Mit wenig Zuschauern und großem Abstand: „Nicht jedes Stück funktioniert gleich gut“

Das Ladystrings-Quartett spielte in der sehr gut besuchten Staufenhalle, „da waren die Leute sehr glücklich“. Und: „Wir hatten auch ein Eins-zu-Eins-Konzert“, berichtet Kammer von sehr guten Musikern, die für nur einen Zuschauer gespielt haben.

Das Theater selbst bot mit den Abständen für den Infektionsschutz 15 Plätze, wobei die Theatermacher damit unter der möglichen Höchstzahl blieben. Andererseits: „Nicht jedes Stück funktioniert gleich gut“, stellt der Theaterleiter für die Atmosphäre fest, die entsteht, wenn nur wenige Leute mit großem Abstand im Publikum sitzen.

So oder so: Die Theatermacher haben neue Erfahrungen gesammelt. „Das auf jeden Fall“, bestätigt Wolfgang Kammer.

Plötzlich Zeit: Das ist für Theaterleiter Wolfgang Kammer eine neue Erfahrung. Nach der Premiere ist vor der Premiere: So galt es in den vergangenen 13 Jahren, erzählt er, als „durchgepowert“ wurde, um das „Theater hinterm Scheuerntor“ aufzubauen. Der Lockdown hat Pläne für Aufführungen, Konzerte, Proben, Öffentlichkeitsarbeit beendet. „Plötzlich ist das weg.“

Das bietet Gelegenheit zum Innehalten, „auch Zeit, mir Gedanken zu machen über das Theater, was ist in meinen Augen

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