Plüderhausen

Plüderhäuser Theatersommer startet mit "Romeo und Julia"

Open-Air-Theatersommers
Wolfgang Kammer vom Theater hinterm Scheuerntor als Arrangeur der regenbeschirmten Liebestragödie „Romeo und Julia“. © Palmizi

Nun ja, was soll man nun davon halten? Da hören wir einen abgründig gut gelaunten Jahrmarktsschreier auf der Bühne des Plüderhäuser Theatersommers Werbung trommeln für „die allerliebste Liebesgeschichte“ der Weltliteratur: William Shakespeares „Romeo und Julia“. Und etwa anderthalb Stunden später sehen wir im Schlussbild der Generationen-Tragödie auf der Open-Air-Bühne einen Schragen mit vier aufgebahrten Leichen. Irgendwas muss da doch schiefgelaufen sein.

Das Glück der Kinder wird geopfert

In Shakespeares 1597 erschienenem Theaterstück geht es im Kern darum, wie eine verknöchert patriarchale Gesellschaft das auf freie Zuneigung gegründete Zukunftsglück ihrer Kinder zerstört. Greta Thunberg lässt grüßen: aktueller geht’s kaum. Die Liebe, als grenzensprengendes Motiv wird geopfert. Das hätte in Corona-Zeiten durchaus sozialen Sprengstoff. Die Inszenierung von Angelika Gök und das Spiel von Wolfgang Kammer aber machen leider so gar nichts daraus.

Sie vertändeln den Stoff ins gefällige Sommertheater. Und weil sie’s anders könnten, ist das doch ein wenig sehr schade. Umso mehr, als man Wolfgang Kammer doch auch als kritisch verschmitzten Theatergeist mit immer wieder verblüffenden poetischen Subversions-Tableaus zu schätzen gelernt hat.

Geschichte lässt frösteln

„Wir sind hier in Verona“, erklärt Kammer augenzwinkernd sowohl als Conferencier, Puppenspieler und Shakespeares/Beckettscher Clown, der die Fäden seiner Figuren in den Händen hält. Derweil aber beginnt es stark zu regnen während des Plüderhäuser Theatersommers. Schirme werden aufgespannt. Es ist nass-kühl. Aber auch die auf der Bühne verhandelte Geschichte macht einen frösteln.

Es herrscht Bürgerkriegs-Atmosphäre in Verona zwischen den verfeindeten Familienhäusern Capulet und Montague, zu denen jeweils Romeo und Julia gehören. Eine Liebe über diese Grenzen? Sie darf nicht sein! Kann Liebe sich daran halten? Nein!

Und so entfaltet Kammer in dieser Inszenierung von Angelika Gök ein Brecht’sches Tableau der Schicksalsverfallenheit einer Gesellschaft – der unseren – in der immer alles als „alternativlos“ erscheint. Dabei singt er englische Weisen, kommentiert und bewegt seine Stabfiguren, die in seinen Händen als plappernde, aber sich selbst nicht kenntliche Figuren erscheinen.

Theatralisch durchgeleierter Sound

Schade, dass Kammer dabei mit einer der Verständlichkeit zuwiderlaufenden Penetranz das Versmaß der Schlegel’schen Shakespeare-Übersetzung theatralisch überbetont durchleiert. Sehr zum Schaden der Verständlichkeit und vor allem der analytischen Schärfe des Textes. Das Stück wird so, warum nur, dem Sound eines faulen Volkstheater-Tons geopfert.

Verschenkt leider auch einige Momente der verblüffenden Poesie, für die man Wolfgang Kammers Arbeiten seit vielen Jahren immer wieder bewundert und beneidet hat. Kaum ein Moment des staunenden Innehaltens. Stattdessen Mechanik des Schicksalverlaufs. Aber vielleicht: So sind die Zeiten.

Die Balkon-Szene

Und doch! Da gibt es dieses Bild, wie die Hände von Romeo und Julia sich in der berühmten Balkon-Szene über eine große Distanz berühren, ineinandergreifen. Das ist berührendes Theater. Und während der berühmte Satz nach der jugendlichen Liebesnacht erklingt, „es war die Lerche, nicht die Nachtigall“, fingen in Plüderhausen die verschiedensten Vögel an, ihren verlockend schmetternden Nachtgesang anzustimmen. Am Ende versöhnen sich die verfeindeten Familien über den Gräbern ihrer Kinder. Wollen wir es glauben?

Nun ja, was soll man nun davon halten? Da hören wir einen abgründig gut gelaunten Jahrmarktsschreier auf der Bühne des Plüderhäuser Theatersommers Werbung trommeln für „die allerliebste Liebesgeschichte“ der Weltliteratur: William Shakespeares „Romeo und Julia“. Und etwa anderthalb Stunden später sehen wir im Schlussbild der Generationen-Tragödie auf der Open-Air-Bühne einen Schragen mit vier aufgebahrten Leichen. Irgendwas muss da doch schiefgelaufen sein.

Das Glück der Kinder wird

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