Plüderhausen

Prozess wegen versuchten Totschlags in Fellbach-Oeffingen: Zeugen in versuchte Strafvereitelung gedrängt

Landgericht
Wappen am Landgericht Stuttgart. © Alexandra Palmizi

Im Prozess um den versuchten Totschlag am Gemeindezentrum Oeffingen haben das Opfer und dessen Zeugen vor der Jugendstrafkammer des Stuttgarter Landgerichts ausgesagt. Nun erwartet das Gericht die Zeugen der Angeklagten. Auf sie wurde nach Informationen der Vorsitzenden Richterin, Cornelie Eßlinger-Graf, „Druck im Freundeskreis“ ausgeübt. Die Angeklagten hätten den Zeugen vorgegeben, was sie der Polizei sagen sollen. Strafverfahren gegen die Zeugen wegen versuchter Strafvereitelung wurden bereits eingeleitet, weshalb das Gericht damit rechnet, dass diese von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machen.

Der bewusstlos zu Boden geschlagene Mann, auf den der 17-jährige und der 21-jährige Angeklagte in der Nacht vom 9. Februar dieses Jahres auch noch eingetreten haben, tritt vor Gericht als Nebenkläger auf. Es handelt sich um einen 47-jährigen Handballer, der vor der Tat in der Sporthalle beim Spiel war. Die Handballer feierten noch eine Weile, bevor der 47-Jährige an der Kirche vorbeikam und sah, dass ein Freund der Angeklagten an die Kirchenwand pinkeln wollte.

Schön gerade Nase heute krumm

Als er den Pinkler aufforderte, das zu unterlassen, sprang ihn einer der Angeklagten von hinten an und schlug ihn zu Boden. „Dann war es vorbei“, erzählte der Handballer im Zeugenstand. An das, was folgte, habe er keine Erinnerung mehr. Er sei erst wieder zu sich gekommen, als ein Polizist vor ihm kniete.


Der Handballer kam mit mehreren Nasenbrüchen, einem gebrochenen Mittelgesichtsknochen, einem Bruch der Augenhöhle und einem Rippenbruch ins Krankenhaus. Heute ist seine Nase, die früher einmal schön gerade gewesen sei, „krumm“, wie er vor Gericht sagte. Dass der Handballer den versuchten Totschlag überlebte, hat er unter anderem jungen Leuten zu verdanken, die bei einer Party der Pfadfinder im Gemeindezentrum waren, wo die beiden Angeklagten aus Stuttgart als ungeladene Gäste auftauchten. Eine 24-jährige Pfadfinderin, die mit ein paar anderen zum Rauchen vor die Tür ging, bewies Zivilcourage, als sie mitbekam, wie der Handballer durch einen „Sprungschlag“ auf den Boden „knallte“. „Das Opfer war nicht ansprechbar und es war alles voller Blut“, erinnerte sich die Zeugin, welche die beiden Angeklagten vor Gericht wiedererkannte. „Hört auf, hört auf, lasst das“, habe sie gerufen. „Die hätten nicht aufgehört, wenn wir nicht hingegangen wären“, sagte die 24-Jährige über die Angeklagten.

Zeuge packt Täter am Kragen

Ein 32-jähriger Zeuge aus der Gruppe der Raucher packte einen der Täter am Kragen, als er sah, dass der Handballer „mit einem Klatschen zu Boden ging und dass der, der das getan hat, auf ihn eintrat“. Er ließ ihn aber wieder los, weil er Angst hatte, das Opfer würde sterben. Als sich der Zeuge um den Handballer kümmerte, haute der Schläger ab, und im Gerichtssaal war sich der 32-Jährige nicht sicher, ob es einer der Angeklagten war.

Ein 22-Jähriger sagte aus, er habe denjenigen, der das Opfer an den Kopf „gekickt“ hat „wie beim Fußball“, noch weggeschubst. Bei diesem Stand der Beweisaufnahme hielt es der Verteidiger des 17-Jährigen für angebracht, einen Entschuldigungsbrief vorzubringen, den der Jugendliche in einer Einrichtung der Straffälligenhilfe verfasst hat. Auch der in Untersuchungshaft sitzende 21-Jährige entschuldigte sich bei dem Opfer.

Was zu den Entschuldigungen gar nicht passte, waren Chatverläufe, die in die Beweisaufnahme eingeführt wurden. Denn darin geben die Angeklagten ihren Freunden vor, wer den „Cops“ oder „den Bullen“ zu ihren Gunsten welchen Bären aufbinden soll. Nach Informationen von Richterin Cornelie Eßlinger-Graf lief das eindeutig unter Zeugenbeeinflussung und versuchter Strafvereitelung. Ihrer Einschätzung nach werden die Strafverfahren gegen die Zeugen auch nicht mit Strafbefehlen abgehen, sondern die Staatsanwaltschaft wird Anklage erheben.

„Du lügst bei der Polizei so für mich, und du lügst bei der Polizei so für mich.“ Unter diesem Motto stehen aus der Sicht der Richterin die Chatverläufe der Angeklagten mit ihren Zeugen. Richterin Eßlinger-Graf meinte, damit hätten die Angeklagten andere zu Straftaten angestiftet und das sei ein „absolutes No-Go“ (Tabu). Gestanden haben die Beschuldigten mittlerweile nur teilweise. Der 17-Jährige einen Tritt ins Gesicht und der 21-Jährige einen Tritt in die Rippen des Handballers.

Im Prozess um den versuchten Totschlag am Gemeindezentrum Oeffingen haben das Opfer und dessen Zeugen vor der Jugendstrafkammer des Stuttgarter Landgerichts ausgesagt. Nun erwartet das Gericht die Zeugen der Angeklagten. Auf sie wurde nach Informationen der Vorsitzenden Richterin, Cornelie Eßlinger-Graf, „Druck im Freundeskreis“ ausgeübt. Die Angeklagten hätten den Zeugen vorgegeben, was sie der Polizei sagen sollen. Strafverfahren gegen die Zeugen wegen versuchter Strafvereitelung wurden

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper