Plüderhausen

Wie haben Senioren die Corona-Pandemie erlebt?

Jahrgang 1944/45
Gemütlichkeit, aber auf Abstand: Vier von acht Männern und Frauen des Plüderhäuser Jahrgangs 1944/45. © Gabriel Habermann

Nach wochenlanger Kontaktsperre haben es die Mitglieder des Jahrgangs 1944/45 in Plüderhausen wieder gewagt: Acht Männer und Frauen trafen sich diese Woche erstmals wieder gemeinsam im Schützenhaus. Doch wie läuft so ein coronakonformer Stammtisch ab? Und wie haben die Plüderhäuser die letzten Wochen erlebt?

Die Corona-Zeit hatte für viele durchaus auch etwas Positives

Richtig schlimm fand keiner der Anwesenden die vergangenen Wochen. Der eine hat sich im Garten ausgetobt, der andere war viel mit dem Hund spazieren und eines der anwesenden Pärchen hat die Zeit dazu genutzt, die Wanderwege in der Umgebung genauer zu erkunden. Nur einer der Senioren sagt, er sei sich bisweilen vorgekommen wie im Gefängnis.“ Dass sie ihre Enkel nicht sehen konnte, sei ihr schon schwergefallen, erzählt eine andere Teilnehmerin. Erst vergangene Woche habe ihre Familie die lange Zeit der Kontaktsperre aufgehoben. Die Umarmungen nach wochenlangem Distanzhalten hätten ihr sehr gutgetan, berichtet sie.

Es gibt aber auch Dinge, die durchaus positiv in Erinnerung bleiben werden aus dieser besonderen Zeit: dass Nachbarn sich in der Distanz plötzlich nähergekommen sind. Dass man untereinander solidarischer war als sonst, dass Familie und Freunde Einkäufe für einen erledigt haben. Oder dass das sonst eher selten genutzte Telefon ununterbrochen klingelte, weil so viele sich auf einmal nach dem Wohlergehen ihrer Nächsten erkundigen wollten.

Auch am Tisch gilt es, Abstand zu halten

Die Normalität, das ist allen an den zwei Tischen bewusst, mag inzwischen ein Stückchen nähergerückt sein. Doch wieder vollständig da ist sie noch nicht. Das macht auch dieses Treffen im Schützenhaus deutlich. Alle müssen (für den Fall, dass es zu einer Infektion kommt) ihren Namen und ihre Telefonnummer hinterlegen. Die Kellnerin trägt „eine Sturmhaube“, wie es einer der Teilnehmer des Treffens formuliert, womit ihr Visier gemeint ist, das als Mund-Nasen-Schutz dient. Es dürfen nicht mehr als vier Personen an einem Tisch sitzen, weshalb die Gruppe weit verteilt in der Außenwirtschaft sitzt. Damit der Abstand auch am Tisch eingehalten wird, packt einer der Senioren den Meterstab aus und misst, wenn auch nur augenzwinkernd, nach – was zur Erheiterung der Gruppe beiträgt.

Der Kelch Corona ist an den Plüderhäusern vorbeigegangen

Dass nicht alle die Lage so locker nehmen, zeigt sich daran, dass nur etwa die Hälfte der üblichen Teilnehmerzahl sich zum Stammtisch im Schützenhaus eingefunden hat. Die anderen hätten wohl Angst vor einer Infektion, mutmaßt einer. Jene, die gekommen sind, freuen sich umso mehr, endlich wieder zusammensitzen zu können. „Jetzt semmer wieder richtig dahoim“, meint eine Teilnehmerin breit lächelnd.

Der Kelch Corona, er ist an ihnen allen zum Glück vorbeigegangen. Dass Plüderhausen insgesamt nicht allzu viele Fälle hatte (und nur einen im Seniorenheim, der auch noch glimpflich verlief), darüber ist man in der Runde erleichtert. Denn von den Gefahren des Virus wissen sie durchaus zu berichten. Etwa von jenem Mann mittleren Alters aus dem Bekanntenkreis, der nach einem Skiurlaub in Ischgl ins künstliche Koma versetzt werden musste. Oder von entfernten Verwandten aus Norditalien, wo jeder in der Umgebung einen Todesfall in der Familie zu verzeichnen hatte.

"Verrückt", wie voll der Plüderhäuser Badesee inzwischen wieder ist

Deshalb wundern sich einige auch, dass der Badesee bei gutem Wetter inzwischen wieder proppenvoll ist, was „verrückt“, wenn nicht gar „eine Katastrophe“ sei. Über Pfingsten war zeitweise so viel los, dass die Polizei einschreiten musste, um das Einhalten der Abstandsregel zu gewährleisten.

Andererseits: Den Plüderhäusern kann man den Badesee eben nicht so einfach wegnehmen (und der benachbarte in Waldhausen ist nach wie vor gesperrt). Das sieht auch eine Teilnehmerin so, die sagt: „Ich geh’ da trotzdem baden.“

Schützenhaus-Wirt sorgt sich um die Zukunft seiner Gaststätte

Einer freut sich übrigens ganz besonders über den Besuch: der Schützenhaus-Wirt.

„Schön, dass ihr wieder da seid“, begrüßt Roland Przybilla seine Gäste. Die entgegnen ihm: „Wir leben noch.“ Darauf er: „Dass will ich doch hoffen.“ Die Freude mischt sich bei ihm aber auch mit der Sorge. Denn wenn das Geschäft nicht mehr in Gang kommen sollte dieses Jahr, müsse er wohl aufhören, berichtet der Wirt.

Dass die Gastronomen eine „schlimme Zeit“ erlebt haben, das wissen natürlich auch die Besucher. In den vergangenen Wochen haben deshalb manche zum ersten Mal überhaupt einen Abhol- und Lieferservice in Anspruch genommen – um die Wirte vor Ort zu unterstützen. Ein Zeichen gelebter Solidarität in Zeiten der Pandemie.

„Schwäbische Wirtschaften gibt es nicht mehr viele, die muss man erhalten“, findet eine der Teilnehmerinnen.

Es wird auch politisiert und ausgiebig gelacht bei dem Treffen

Es geht aber beileibe nicht nur um Corona bei diesem Treffen. Der Plüderhäuser Jahrgang 1944/45 ist eine muntere Truppe. Und so wird an den Tischen dann auch rege politisiert. Was Trump in den USA treibt, kann keiner so recht verstehen. Dass er der Falsche im Amt ist, darüber ist sich die Runde einig. Wie sich der neue Alfdorfer Bürgermeister Ronald Krötz, der ja von der Polizei kommt und ein Remstäler ist, bislang im Amt schlägt, da gibt es noch keinen Konsens in der Gruppe. Eine der Teilnehmerinnen wohnt mittlerweile in Alfdorf. Deshalb kommt das Thema auf. Weniger politisch als persönlich sind die Gespräche über Bekannte und Freunde.

Und natürlich wird auch jede Menge gelacht. Wie an einem ganz normalen Jahrgangstreffen eben – auch wenn die Umstände immer noch alles andere als normal sind.

Nach wochenlanger Kontaktsperre haben es die Mitglieder des Jahrgangs 1944/45 in Plüderhausen wieder gewagt: Acht Männer und Frauen trafen sich diese Woche erstmals wieder gemeinsam im Schützenhaus. Doch wie läuft so ein coronakonformer Stammtisch ab? Und wie haben die Plüderhäuser die letzten Wochen erlebt?

Die Corona-Zeit hatte für viele durchaus auch etwas Positives

Richtig schlimm fand keiner der Anwesenden die vergangenen Wochen. Der eine hat sich im Garten ausgetobt,

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