Rems-Murr-Kreis

Ärzte an kommunalen Kliniken im Warnstreik

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"Gute Arbeitsbedingungen für Ihre Gesundheit!", forderten die Mediziner am Mittwoch vor der Rems-Murr-Klinik in Schorndorf. © ZVW/Sarah Utz

Schorndorf/Winnenden. Das Pflegepersonal ächzt schon lange – und auch den Ärzten reicht es jetzt: Am Mittwoch traten angestellte Mediziner an kommunalen Krankenhäusern bundesweit in Warnstreik. Sie klagen: Das Prinzip der Fallpauschalen, das unser Gesundheitssystem einem derben Rentabilitätsdiktat unterwirft, führe zu aberwitzigen Arbeitsbelastungen.

So ein Weißkittel verdient einen Sack voll Knatter, nimmt die Kurven des Lebens im Porsche – und jetzt kriegt der den Hals nicht voll und streikt auch noch? Gregor Schalhorn von der Anästhesie in Winnenden kennt die Vorurteile. „Nur“, lacht er, „ist es leider nicht so.“ Mag sein, dass auf dem einen oder anderen Chefarzt-Parkplatz ein Bolide steht – ein Assistenzarzt an einer öffentlichen Klinik bekommt im ersten Jahr 4400 Euro brutto Grundgehalt und ist nach sechs Jahren bei 5600. Sicher, auch für Bereitschaftsdienste fließt Geld – aber Stoff für Sozialneid ist das eher nicht.

Das Geld indes sei bei diesem Warnstreik „tatsächlich in Anführungszeichen nebensächlich“, sagt Schalhorn. In den Tarifverhandlungen zwischen der Ärztevertretung Marburger Bund und der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände ist das Maß der Gehaltserhöhung – 5,4 Prozent – kaum umstritten; die Ärzte stört allenfalls, dass ein Teil der Aufstockung erst Mitte 2020 fällig werden soll.

An der Belastungsgrenze

„Wirklich wichtig“, sagt Schalhorn, sei anderes: Es gehe um Arbeitszeiten, Wochenenddienste, Belastungsgrenzen. Was er und Kollege Dimitrios Vasiliadis von der Unfallchirurgie Schorndorf dazu erzählen, ist kaum zu glauben; es klingt zu schräg. Ein Krankenhausarzt macht derzeit zum Beispiel teilweise 24-Stunden-Dienste: acht Stunden regulär, direkt im Anschluss 16 Stunden Bereitschaft. „Mit Glück“ bedeutet das ein Drittel Voll-Last und zwei Drittel Rumsitzen bei gelegentlichen Einsätzen. Oft sieht es anders aus: „24 Stunden am Stück“ von einem Notfall zum nächsten hecheln. In keinem anderen Beruf, wo „potenziell andere Menschen gefährdet werden“, gebe es so etwas; nicht „beim Busfahrer“, vom „Piloten“ zu schweigen.

40 Stunden, das ist die wöchentliche Arbeitszeit. „Offiziell.“ De facto sind mit Überstunden 48 erlaubt (wobei die Arbeitgebervereinigung eine Regelung einführen will, die bis 58 geht), und diese Grenze gilt es nicht Woche für Woche einzuhalten, sondern nur als Durchschnitt aufs Jahr. Sprich: Es kann sein, dass ein Arzt, wenn im Januar, Februar, März die Grippewelle rollt, „monatelang 60 und mehr Stunden arbeitet“. Er habe, sagt Schalhorn, „Kollegen mit 700 Überstunden“.

So weit, so schrill; jetzt wird es absurd: Nach einer 24-Stunden-Schicht muss der Arzt einen Tag Pause nehmen, das ergibt auf dem Arbeitszeitkonto acht Stunden Abzug – die 16 Stunden Bereitschaft aber werden nicht als Überstunden aufgebucht. Folge: Ein Arzt, der viele Bereitschaftsdienste schrubbt, weil zum Beispiel Kollegen krank sind, baut „massiv Minusstunden“ auf.

Und Wochenenddienste? „Wenn’s gut läuft, zwei im Monat. Wenn’s schlecht läuft, vier. Durchschnittlich eher drei.“

„Das System ist Banane“

Warum nur ist das alles so? Die Antwort kommt prompt: „Das DRG-System“, sagt Vasiliadis. Diagnosis Related Groups. Fallpauschalen. Für jedes Krankheitsbild erhält die Klinik von der Kasse einen festen Vergütungssatz. Wenn ein Patient länger Pflege braucht als vorgesehen, tickt die Defizit-Uhr. Das DRG-System zwingt die Krankenhäuser ins Hamsterrad der Rentabilität, sie müssen möglichst viele Patienten in möglichst kurzer Zeit durchschleusen. Geldlogik schlägt Heilungslogik: „Das Gesundheitssystem ist mittlerweile auf Gewinn ausgerichtet“, sagt Schalhorn.

Die Krankenkassen können darüber nicht klagen, sie „haben zuletzt ein Milliardenplus gemacht“. Pflegepersonal und Ärzte aber pfeifen aus dem letzten Loch. „Das System ist Banane“, fasst Dimitrios Vasiliadis zusammen. „Man müsste es ändern.“
Um die Streikfreude der Krankenhausärzte war es „in der Vergangenheit sehr, sehr schlecht bestellt“, sagt Schalhorn. „Weil wir uns um die Patienten kümmern wollen. Das ist ja der Grund, warum 90 Prozent der Leute Ärzte geworden sind.“ Sie stehen sich im Arbeitskampf selber im Weg.

Aber jetzt, sagt Vasiliadis, wachse eine „junge Generation“ nach, die nicht mehr nach diesen Regeln spielen wolle. Eine Generation, die merkt: „Es gibt durchaus andere Berufe, die lukrativer sind bei besseren Arbeitsbedingungen.“ Eine Generation, die sich Fragen stellt: „Wieso soll ich das machen“, wenn ich, statt Medizin zu studieren, Ingenieur bei Bosch werden oder, falls ich nun mal schon Medizin studiert habe, „in die Pharmaindustrie“ gehen kann oder „in die Schweiz oder nach Schweden“?
Um die „Work-Life-Balance“, sagt Vasiliadis, sei es übel bestellt bei ihnen. Und Schalhorn: „Teilzeit – kann ich jedem empfehlen.“

Keine Gefahr

Ärzte der Kliniken in Winnenden und Schorndorrf beteiligten sich am Mittwoch an dem bundesweiten Warnstreik – ums gesundheitliche Wohl musste sich gleichwohl kein Patient sorgen. Geschäftsführung und Ärzte einigten sich vorab auf eine Notdienstvereinbarung: Nicht alle Mediziner gingen raus, dringende Operationen fanden statt wie immer, aufschiebbare nicht. Marc Nickel, Geschäftsfüher de Rems-Murr-Kliniken, in aller Gelassenheit: „Das Streikrecht ist ein hohes Gut. Es muss ausgeübt werden, ganz einfach. Ein Grundrecht. Wir fahren halt auf Wochenendbetrieb runter. Das Patientenwohl ist nicht gefährdet.“ Und die Kritik der Ärzte am Fallpauschalensystem teilt Nickel sowieso.