Rems-Murr-Kreis

Ärztemangel, wehleidige Patienten und Dr. Google

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Leutenbach. Hausarzt ist „der denkbar schönste Beruf“, sagt Dr. Markus Schuler. Schuler ist Allgemeinmediziner mit einer Praxis in Leutenbach und Sprecher der Waiblinger Ärzteschaft. Beim Stichwort Ärztemangel gibt er zu bedenken, dass Patienten verwöhnt – und manchmal auch wehleidig sind.


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Herr Dr. Schuler, werden im Rems-Murr-Kreis die Ärzte knapp?

Der Rems-Murr-Kreis ist ein lebens- und liebenswerter Landkreis, insofern sind wir – vor allem im Süden im Remstal – in einer etwas besseren Lage als andere Stadt- und Landkreise. Aber trotzdem ist es schwierig, für Hausarzt-Praxen eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger zu finden – es braucht einen langen Atem.

Warum?

Da die Arbeitsmöglichkeiten für junge Ärzte exzellent sind, besteht für sie auch keine Notwendigkeit, sich frühzeitig verbindlich festzulegen – und wir Alten sind entnervt, weil wir keine Planungssicherheit haben und fangen an zu klagen. Aber in den meisten Fällen findet sich zum guten Ende bei uns doch noch ein Nachfolger – manchmal aber auch nicht. Meist sind dann Haare in der Suppe. Dann wird es eng für die Patienten, da die Nachbar-Praxen „voll“ sind. Längere Erkrankungen von Kollegen stellen uns jetzt wirklich vor Probleme.

Was muss sich aus Sicht der Ärzteschaft ändern, um einen Ärztemangel zu vermeiden?

Kurzfristig: Schaffung eines Bewusstseins, dass Hausärztin oder Hausarzt der denkbar schönste Beruf ist. Wir müssen mit Vorurteilen aufräumen, an denen wir selbst durch unserer frühere Zweck-Jammerei teilweise schuld sind. Gemessen an einem leitenden Klinik-Arzt ist unsere Freiheit grenzenlos. Wir können, wenn wir wollen, drei Wochen im Quartal Urlaub machen und brauchen, wenn wir es nicht wollen, kein einziges Wochenende und keine Nacht zu arbeiten. Wir können jede Geschäftsführerin und jeden Geschäftsführer und ihre/seine Benchmarking- und Qualitätssicherungs-Truppen freundlich grüßen und ansonsten können die uns völlig egal sein. Außer der Frage natürlich, was da wann schief gelaufen ist, das so einer als Arzt vor so blöden Zahlen hockt und nicht in einer Hausarztpraxis. Natürlich müssen auch wir uns wie jeder Bürger an Recht und Gesetz halten. Auch unser Einkommen stimmt mittlerweile wieder. Der kostenlose Zusatz-Frondienst um die Jahrhundertwende als Folge der Rationierung ist für Hausärzte – und nicht für die Gebietsärzte – mittlerweile schon Jahre Geschichte. Als Hausarzt toppe ich locker die Oberarzt-Einkommen. Und das Allerwichtigste: Nirgendwo gibt es so tolle Teams und ein Super-Arbeitsklima wie in einer Hausarztpraxis – und jeden Tag jede Menge Spaß und Lachen.

Und woran klemmt’s?

Bei den Praxisinhabern braucht es mehr Wille zur Zusammenarbeit und es braucht mehr kollegialen Austausch. Wir sollten das in Zeiten der Ärzteschwemme konditionierte Konkurrenzdenken und die Geheimniskrämerei hinter und lassen. Auch die fast kollektive ärztliche Panik-Störung vor neuen Technologien müssen wir überwinden.

Was können die Patienten beitragen?

Bei den Patienten wird ein Umdenken stattfinden müssen. Wir Ärzteschwemme-Docs haben die Patienten maßlos verwöhnt: Der Doktor ist da, wenn er da ist, vielleicht ist er nicht da, wenn die Kita zu ist oder die Schule einen pädagogischen Tag hat. Die Zeit wird wieder kommen wie in den 60-ern, dass der Doktor pünktlich Feierabend macht und nicht mehr alles abarbeitet und der Patient am nächsten Tag den nächsten Versuch starten wird.

Und langfristig?

Mehr Studienplätze, bis die nächste Ärzteschwemme rollt, damit mich im fortgeschrittenen Alter einer versorgt, mit dem ich mich verständigen kann. Bis dahin weiterhin Förderung der Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin.

Ihr Backnanger Kollege Dr. Steinhäuser hat in einem Interview zum Spahn-Vorstoß auch erklärt, dass Patienten zu schnell und zu oft wegen Wehwehchen zum Arzt rennen. Können Sie diese Aussage bestätigen?

Meinem Kollegen Glückwunsch zu dem gelungenen Interview, er hat viel klargemacht! Wir behandeln an jedem Tag viele schwerkranke Patienten, die dringend unsere Hilfe benötigen. Und oft machen Beschwerden Angst, die durch einen Besuch bei Dr. Google nicht unbedingt besser wird, so dass es unsere verdammte Pflicht ist, die Beschwerden abzuklären und gründlich zu untersuchen – und wenn es ganz harmlos ist – prima. Wir Hausärzte lösen über 90 Prozent der Beratungsanlässe mit unseren Teams alleine.

Aber?

Fakt ist aber auch, dass die deutschen Weltmeister in der Häufigkeit von Arztbesuchen sind. Fast nirgendwo gibt es ein System, das so wenig Steuerung durch Kosten-Selbstbeteiligung kennt. Es gibt Montage im Winter, an denen ich nach den ersten 30 von 100 Patienten denke, jetzt war noch keiner da, dem es schlechter geht wie dir. Dann denke ich: Aber es war auch noch keiner da, der so gerne wie ich jeden Tag zum schönsten Job ever forever morgens sein Bett verlässt. Den 30 fehlen halt die Hausarzt-Endorphine, deswegen leiden sie.

Was halten Sie von der Idee, dass Ärzte nicht nach drei Tagen eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausstellen sollen?

Das Fass, das mein Kollege aufgemacht hat mit der Frage, ob es zur Feststellung der Arbeitsunfähigkeit einen Arzt braucht, müssen wir erstmal auf Risiken und Nebenwirkungen gründlich untersuchen. Noch niedrigschwelligere Arbeitsunfähigkeit und volle Lohnfortzahlung passen nicht 100-prozentig zusammen – und manchmal braucht es auch einen väterlichen Freund, der einem den Tipp gibt, am nächsten Tag doch gefälligst wieder zur Arbeit zu gehen – auch wenn es nicht der schönste Job der Welt im stärksten Team der Welt ist.