Rems-Murr-Kreis

100-facher Betrug: Die Frage nach dem Warum

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Das Stuttgarter Landgericht. © ZVW/Gabriel Habermann

Fellbach/Stuttgart. Die Angeklagte, 63, hat mutmaßlich mehr als 100 Leute um rund 380 000 Euro betrogen. Vor dem Landgericht Stuttgart sagten am Montag zwei enge Freundinnen als Zeugen aus. Sie können sich nicht erklären, wie ihre Freundin zu einer Betrügerin wurde – und nicht zurückschreckte, sie jahrelang mit rührseligen Geschichten zu umgarnen, Lügen zu erzählen und ihnen Geld aus der Tasche zu ziehen.

Die Verhandlung vor der 8. Strafkammer des Landgerichts Stuttgart drehte sich ein ums andere Mal um die Frage nach dem Warum. Die Staatsanwaltschaft wirft der ehemaligen Gemeindereferentin Katarina K. (alle Namen geändert) vor, in den Jahren 2014 bis 2018 mehr als 100 Opfer in 291 Fällen um 377 750 Euro betrogen zu haben: Zu den Opfern zählte ihr Bruder; es gehörten Freundinnen und Freunde dazu, aber auch Menschen, die die 63-Jährige in ihrem beruflichen Umfeld als Gemeindereferentin in der Katholischen Kirche kennengelernt hatte. Anfangs waren es mal ein paar Hundert Euro, die sie sich ausborgte, wie ihre Freundin Gertrud Z. vor Gericht erzählt hat. Später sind es mehrere Tausend wie bei Sabine L. Beiden Freundinnen ist während der Vernehmung der Schmerz anzumerken, zwar auch Geld, vor allem aber eine enge, vertraute Person verloren zu haben.

„Ich bin genauso ratlos wie Sie“, stellte Gertrud Z. gegenüber dem Vorsitzenden Richter der Kammer, Ulrich Tormählen, fest. Er hatte nach Spuren geforscht, wie Katarina K. in diesen Teufelskreis aus Lügen und Betrügen geraten ist. Und Tormählen sucht den Strohhalm, dass die Angeklagte selbst einen Weg aus dem Teufelskreis gefunden hat und ihm in seinem Urteil eine positive Sozialprognose für die Angeklagte ermöglicht.

„Das war eine andere Katarina“

„Das war eine andere Katarina“, erklärt sich Gertrud Z. die betrügerische Seite der Angeklagten. Nicht die Katarina, die als Gemeinde-Referentin in verschiedenen Kirchengemeinden, darunter auch in Fellbach, ackerte und half. Und ja, typisch für den Beruf einer Gemeindereferentin in der Katholischen Kirche, oft genug auch aufopferte, ohne Dank und Anerkennung zu bekommen.

Die 65-jährige Zeugin kennt die Angeklagte seit Mitte der 80er Jahre, als beide ihre Laufbahnen in der Kirche starteten und sich anfreundeten. Umso schwerer ist es Gertrud Z. gefallen, die andere Seite von Katarina zu erfahren. Die Katarina, deren Geschichten, unter deren Vorwand sie sich sehr erfolgreich Geld borgte, sich allesamt als Lügen entpuppten.

Eine dieser Geschichten waren Katarinas Krankheiten wie der Muskelschwund, dessen Behandlung teuer sei, aber nicht von der Kasse bezahlt würde. Eine andere war die der Geldanlage in der Schweiz, die die Bank nicht herausrückt und um die sie deshalb prozessieren müsse. Und eine dritte ist die, dass Katarina K. selbst das Opfer eines Betrügerrings ist. Der funktionierte nach der Masche, dass der Kreditnehmer das Darlehen erst dann erhält, nachdem er eine Gebühr entrichtet hat.

"Ihre Notlage hat mich nicht unberührt gelassen"

„Ich habe bis zum Schluss gedacht, ich bekomme das Geld von denen“, hatte Katarina K. in ihrer Vernehmung versucht zu erklären, wieso sie den Betrügern Rate für Rate in den Rachen geschoben hatte – und selbst zur Betrügerin geworden sein will. Eines dieser Opfer war ihr eigener Bruder, der eigenen Angaben zufolge 150 000 Euro verloren hat.

Wie sehr der Vertrauensbruch schmerzt, zeigte die Vernehmung von Sabine L. Sie will sich trotz aller Enttäuschungen zumindest die schönen Erinnerungen an die Freundschaft mit Katarina K. nicht nehmen lassen. „Ich habe sie als wundervolle Kameradin erlebt.“ Eine Freundschaft, die die Angeklagte ausnutzte, indem sie sich mehrfach von ihr Geld auslieh, insgesamt mehr als 4000 Euro, von denen sie nur einen Bruchteil zurückzahlte. „Sie war eine Freundin. Ich habe ihr vertraut“, sagt L. auf die Frage des Richters, warum sie ihr denn weiter Geld lieh, obwohl die alten Schulden nicht zurückgezahlt waren. „Ihre Notlage hat mich nicht unberührt gelassen.“ Und noch im Sommer 2019, die Freundschaft war doch längst zerbrochen und die Kontakte waren eingeschlafen, kam Katarina K. wieder auf ihre alte Freundin mit einer ihrer Notgeschichten zu. Um Geld von einer Familienhilfe zu erhalten, müsse sie 200 Euro Gebühren entrichten – ob sie ihr nicht aushelfen könne.

Die beiden Zeuginnen waren sich in einem einig. Katarina K. ist krank und braucht Hilfe. Doch selbst der Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik, auf die die Freundinnen 2017 Hoffnungen gesetzt hatten, endete mit einem Eklat. K. pumpte ihre Mitpatienten um Geld an und flog aus der Klinik. Ihre Freunde und ihren Job hatte sie zu diesem Zeitpunkt schon verloren. Und alle Versuche der Freundinnen, Katarina K. die Wahrheit zu entlocken und zu einer Umkehr zu bewegen, waren gescheitert.

Die Verhandlung wird diese Woche fortgesetzt. Das Urteil wird Ende nächster Woche erwartet.