Rems-Murr-Kreis

Ab wann mache ich mich strafbar?

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Bei „Mundraub“ lassen Richter zumeist Milde walten. Denn häufig ist nicht erkennbar, ob ein Grundstück einer Privatperson gehört. © Isolde Lannert

Waiblingen. Die vollen Apfelbäume sind derzeit Verführung pur. Wer in nichts reinkommen will, lässt sie aber lieber hängen. Denn Pflücken und herzhaft Reinbeißen fällt unter Diebstahl und Hausfriedensbruch, wie der Winnender Rechtsanwalt Philipp Wendel klarstellt. Bei der nächsten Wanderung also die Obst-Gelüste besser am Brombeerstrauch stillen.

Alle die zu viel Obst haben, um es selbst zu pflücken und alle, die gerne pflücken würden, aber keine eigenen Bäume haben, können sich auf unserer Apfelbörse auf Facebook zusammenfinden.

Im Herbst sind es die Äpfel, im Frühjahr der blühende Holunder oder der Bärlauch: Was ist erlaubt? Was dürfen wir bedenkenlos in unser Täschchen oder ins leere Joghurteimerchen füllen – wovon lassen wir lieber die Finger?

Bis 1975 enthielt das Strafgesetzbuch noch den sogenannten „Mundraub“ als eigenen Tatbestand. Das Gesetzbuch nannte das Delikt offiziell „Verbrauchsmittelentwendung“. Nach § 370 StGB war Mundräuber demnach, wer „ein paar Äpfel einsteckte und sie bald danach aufaß“, skizziert Rechtsanwalt Philipp Wendel die rechtliche Einordnung. Dem Mundräuber winkte eine Geldstrafe von 150 D-Mark oder sogar bis zu sechs Wochen Freiheitsstrafe.

Äpfelpflücken kann auch heute noch unangenehme Folgen haben

„Es war eine milder bestrafte Form des Diebstahls“, sagt Wendel. Das Äpfelpflücken könne auch heute, über 40 Jahre nach Streichung des Tatbestands aus dem Gesetzestext, noch unangenehme Folgen haben – nämlich in Form des Diebstahls gemäß § 242 StGB. Aber, so Wendel weiter, da Obst und Gemüse bis zu einem Wert von 50 Euro meistens unter sogenannte „geringwertige Sachen“ fielen, würde die Strafjustiz gemäß § 248a StGB „nur auf einen Strafantrag hin“ tätig werden.

Belangt werden könnte man außer wegen Diebstahls aber auch wegen Hausfriedensbruch, und zwar dann, wenn man beim illegalen Ernten unerlaubt ein privates Grundstück betritt.

Oft ist nicht erkennbar, ob ein Grundstück einer Privatperson gehört

„Ein großes Problem ist, dass für Spaziergänger oft nicht erkennbar ist, ob ein Grundstück einer Privatperson gehört“, sagt Wendel. Gärten seien meist umzäunt und damit gut als Privateigentum erkennbar. Bei Feldern oder Wäldern sei das oft nicht so.

„Daher lassen Richter in diesen Fällen meist Milde walten“, so Wendel. Zumal Landesnaturschutzgesetze der Bundesländer das Betreten agrarischer Flächen in den Zeiten vor der Aussaat im Frühling und nach der Ernte im Sommer sogar ausdrücklich zulassen.

Holunderblüten und Bärlauch, Hagebutten und Brombeeren:

Was ist mit dem Brombeerstrauch, dem Eimerchen Wildheidelbeeren und Hagebutten? Nach Information von Philipp Wendel erlaubt das Bundesnaturschutzgesetz ausdrücklich, die Produkte wild lebender Pflanzen zu pflücken. Wer Pilze, Kräuter und Beeren im Wald oder das Obst wilder Bäume pflückt, gilt vor dem Gesetz nicht als Dieb. In kleinen Mengen und zum privaten Gebrauch dürfen Beerchen bedenkenlos geerntet werden. Als wild lebende Pflanzen gelten alle nicht kultivierte Pflanzen. Es spiele dabei keine Rolle, ob sie auf privaten Flächen wachsen. „Zu beachten ist aber, dass die Pflanzen nicht unter Naturschutz stehen oder in einem Naturschutzgebiet wachsen“, so Wendel.

Erdbeeren:

Früchte – selbst die am Wegesrand – stehen im Eigentum eines anderen. Das Eigentum daran werde durch den Mundraub entzogen. „Theoretisch dürfte man also auch liegen gelassene Erdbeeren am Feldrand nicht essen“, gibt der Jurist zu bedenken. Ausnahme seien liegende Erdbeeren: Sogenannte „herrenlose bewegliche Sachen“ dürfe sich jeder aneignen.“ Herrenlos bedeute, dass es keinen Eigentümer oder Besitzer der Früchte gibt, weil er darauf verzichtet oder den Acker aufgegeben hat. „Zur Klärung sollte man bei dem nachfragen, dem das Grundstück gehört“, empfiehlt Wendel.

Kirschen, Äpfel, Birnen, Zwetschgen und Walnüsse:

Wie schaut es beim Nachbarschaftsstreit um einen Kirschbaum aus, der auf Grundstück A wurzelt, dessen Zweige aber auf das Grundstück B ragen? „Im Zivilrecht ist Obst immer Eigentum des Baumbesitzers, auch wenn der Zweig, an dem die Frucht hängt, über die Grundstücksgrenze ragt“, sagt Wendel. Abpflücken sei demnach nicht erlaubt. „Die Nachbarn werden erst zum Eigentümer des Obstes, wenn es auf ihr eigenes Grundstück fällt.“ Nachhilfe, durch Schütteln der Äste, sei verboten. Fallen die Früchte auf öffentlichen Grund, bleibe der Baumbesitzer Eigentümer des Obstes. „Demnach begeht Diebstahl, wer sich die Frucht einfach einsteckt“, verdeutlicht Wendel. Schlechte Nachrichten für uns Wanderer, die wir mit wässrigem Mund am Wegrand die prallen Äpfel, die diesen Sommer wundervoll groß geratenen Birnen und die leuchtend lilafarbenen Zwetschgen an den Bäumen hängen sehen. Wir müssen uns auf die Fingerchen hauen und können uns dafür in die Brombeerhecken werfen.

Sonderfall Waldpilze:

Bei Pilzen ist die Rechtslage eine andere. Das Bundesnaturschutzgesetz bestimmt, dass jeder wild lebende Pilze „pfleglich entnehmen und sich aneignen“ darf. Dies jedoch „in geringen Mengen zum eigenen Verbrauch“ gemäß der Bundesartenschutzverordnung. Gleich oder ähnlich lautende Beschränkungen finden sich auch in den Naturschutz- und Waldgesetzen der einzelnen Bundesländer. Das Sammeln sei ferner nur an Stellen erlaubt, die keinem Betretungsverbot unterliegen. Gar nicht oder nur sehr eingeschränkt erlaubt sei das Sammeln von Pilzen in Naturschutzgebieten. Genaueres regelt eine Schutzgebietsverordnung. Die Einschränkungen gelten auch für ein Grundstück, das einen Eigentümer hat.