Rems-Murr-Kreis

Amtsgericht: Frühmorgens in Kneipe ausgerastet

Amtsgericht Waiblingen
Am Amtsgericht Waiblingen wird derzeit gegen einen 24-Jährigen verhandelt, der zwei junge Frauen angegriffen haben soll. Er sitzt seit April dieses Jahres in U-Haft. © Büttner / ZVW

Fellbach/Waiblingen. Ein Mann soll frühmorgens in einer Fellbacher Kneipe ausgerastet und andere Gäste mit einer Glasscherbe bedroht haben. Das schildern drei Zeugen übereinstimmend. Die Version des 35-jährigen Beschuldigten klingt etwas anders – er sei provoziert worden und habe sich verteidigt. Er musste sich nun wegen Bedrohung vor dem Waiblinger Amtsgericht verantworten.

Eins vorweg: Der Angeklagte hat über seinen Verteidiger Widerspruch gegen den Strafbefehl eingelegt. Aus seiner Sicht stimmt nicht, was dort drinsteht. Vorgeworfen wird dem 35-Jährigen Folgendes: In den frühen Morgenstunden eines Tages im April dieses Jahres soll er in einer Bar in Fellbach ausgerastet sein. Dabei soll er angeheitert, aber nicht betrunken gewesen sein. Auch Drogen sollen keine Rolle gespielt haben. Der Produktionshelfer soll auf eine Bank gestiegen sein und mit einer Glasscherbe andere Gäste bedroht haben. Die Wirtin rief die Polizei.

Diese Version bestätigen drei Zeugen vor Gericht. Eine Zeugin, die an besagtem Abend zu Gast in der Kneipe war, berichtet, der Angeklagte sei wie aus dem Nichts auf die Bank gestiegen, habe „Ich stech’ euch alle ab“ gerufen und dabei mit der Scherbe herumgefuchtelt. Ob es zuvor eine Provokation gegeben habe, habe sie nicht gesehen, so die Frau. „Total durchgedreht“ sei der Mann, schildert die Wirtin der Bar in ihrer Zeugenaussage. Sie ist sichtlich schockiert von dem Vorfall. „Ich kenne ihn ja, er war oft da und immer auffallend nett. Ich weiß nicht, was da los war“, sagt sie. Eine Provokation hat sie weder beobachtet, noch kann sie sie ausschließen. Der Türsteher, der zu dem Vorfall dazukam, hat Ähnliches beobachtet: Der Angeklagte habe sich überhaupt nicht beruhigen lassen. Zudem will der Sicherheitsmann beobachtet haben, wie der 35-Jährige ein Glas an einem Pfosten zerschlagen hat.

Den Daumen quer über den Hals gezogen

Der Angeklagte selbst schildert den Vorfall ganz anders: Bereits als er mit Kumpels die Kneipe betreten habe, sei ihm ein bärtiger Mann aufgefallen, der offenbar Stress suchte. Kurze Zeit später sei er mit ihm aneinandergeraten. Eine Rolle spielten dabei wohl auch zwei weibliche Bekannte des Bärtigen. „Ich habe ihn beschimpft und den Stinkefinger gezeigt, das gebe ich zu“, räumt der Angeklagte vor Gericht ein. Aber der andere habe ihn ganz klar provoziert – und den Daumen quer über den Hals gezogen, als wollte er ihm drohen: „Ich mach’ dich kalt.“ Daraufhin habe er selbst eine Scherbe gegriffen, die bereits auf dem Tisch gelegen hatte, sei auf die Bank gestiegen und habe dem Mann mit Bart zugerufen: „Was, du willst mich umbringen? Dann komm’ doch her!“ Ein Kumpel des Bärtigen habe jenen zurückgehalten und Schlimmeres verhindert. Als die Polizei eintraf, war die Situation bereits beruhigt. Letzteres steht so auch im Polizeibericht.

Angeklagter lässt sich leicht provozieren

Ein Bekannter des Angeklagten, der mit in der Bar gewesen war, erinnert sich nach eigener Angabe „nicht an alle Details“ und bezeichnet die Sache rückblickend als „lustige Geschichte“. „Ich war ja auch betrunken“, ergänzt der Mann. Als die Richterin Christel Dotzauer ihn ermahnt, auch ja die Wahrheit zu sagen, bleibt er dabei: Da sei ein bärtiger Mann gewesen und der habe den Streit begonnen.

Ein weiterer Zeuge ist am Tag der Gerichtsverhandlung verhindert. Er hätte möglicherweise etwas Licht ins Dunkel bringen können, so bleibt jedoch unklar, wie das Ganze sich wirklich zugetragen hat. Denn auch der Angeklagte bleibt bei seiner Version. Ja, er lasse sich leicht provozieren. Aber nein, er habe danach keine Gedächtnislücken, antwortet er auf Nachfrage der Richterin.

Da offenbar keine der Parteien Interesse an einem weiteren Verhandlungstag hat, wird das Verfahren schlussendlich nach Paragraf 153a Absatz 2 der Strafprozessordnung eingestellt. Demnach kann unter Auflagen von der Strafverfolgung abgesehen werden, wenn die Schwere der Schuld dem nicht entgegensteht. Der 35-Jährige muss nun 1800 Euro an einen Verein zahlen, der Abhängige beim Ausstieg aus der Drogensucht unterstützt. Zum Schluss ermahnte die Richterin den Mann: „Wenden Sie sich an eine Beratungsstelle wegen der Ausraster. Das ist bedenklich.“