Rems-Murr-Kreis

Angst vor dem Ärzteschwund

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Winnenden. Jeder dritte Hausarzt ist über 60 und wird in absehbarer Zeit in Ruhestand gehen. Ob er oder sie einen Nachfolger für die Praxis findet, ist eine spannende Frage – vor allem für die Patienten. Knapp könnten auch Fachärzte werden, obwohl zumindest auf dem Papier kein Notstand herrscht. Doch auch jeder zweite HNO-Arzt hat schon seinen 60. Geburtstag gefeiert.


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Eine kleine Anfrage des CDU-Landtagsabgeordneten Siegfried Lorek wirft ein Schlaglicht auf die Ärzteversorgung im Rems-Murr-Kreis. Gesetzlich Versicherte klagen über lange Wartenzeiten auf einen Termin beim Facharzt; junge Eltern sind verzweifelt, weil sie für ihr Neugeborenes keinen Kinderarzt in der Nähe finden. Mancherorts haben Arztpraxen eine Aufnahmesperre, weil ihre Wartezimmer überquellen. Die Versorgung mit Ärzten ist ein Reizthema, auf das Gesundheitsminister Jens Spahn jüngst reagiert hat und die Ärzte zu längeren Öffnungszeiten zwingen will.

Warum quellen Wartezimmer über, obwohl es doch genügend Ärzte gibt?

Wieso aber sind Arztpraxen überlaufen, obwohl die Ärzteversorgung im Kreis als gut gilt? Hohe Versorgungsquoten lassen in den meisten Facharzt-Disziplinen keine Niederlassungen zu. Siegfried Lorek macht sich Sorgen: „In den nächsten Jahren wird ein großer Teil der im Rems-Murr-Kreis tätigen Ärzte in den wohlverdienten Ruhestand gehen. Dies zu kompensieren, wird umso besser gelingen, je besser die Rahmenbedingungen für junge Nachwuchsmediziner sind“, kommentiert er die Antworten des baden-württembergischen Sozialministeriums. Den Anstoß für die Anfrage hatte ein Brief des Winnender Seniorenrates gegeben. Dieser beklagte, dass am Ort Augen- und Hautärzte fehlen.

Wieso spiegelt die Bedarfsplanung die Versorgungsrealität nicht wider?

Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW), die für Zulassungen zuständige Stelle, hatte den Seniorenrat beschieden, dass es im Kreis genügend Augen- und Hautärzte gebe und somit die Versorgung gewährleistet sei – auf dem Papier. Wohlwissend, „dass die Bedarfsplanung häufig nicht der Versorgungsrealität entspricht“. Zwischen gefühlter Versorgungssituation und dem rechnerischen Versorgungsgrad könne ein deutlicher Unterschied bestehen, so die KVBW. Und selbst wenn sich ein Hautarzt in Winnenden niederlassen dürfte, weil der Versorgungsgrad unter 110 Prozent liegt, sei die Frage offen, ob sich überhaupt ein Mediziner findet.

Im Rems-Murr-Kreis praktizieren aktuell 609 Ärzte. Deren Zahl ist seit 2008 zwar um rund 50 gestiegen, doch bedeuten mehr Köpfe keine bessere Versorgung, da es zunehmend Teilzeitärzte gibt. „Um die Arztzeit konstant zu halten, werden in Zukunft mehr Ärztinnen und Ärzte benötigt“, schreibt das Sozialministerium.

Gibt es noch genügend Hausärzte?

Knapp sind schon heute Hausärzte, wie der Versorgungsgrad in den drei Mittelbereichen Waiblingen/Fellbach (86,5 Prozent), Schorndorf (101,8 Prozent) und Backnang (95,5 Prozent) zeigt. Hausärzte können sich im Kreis uneingeschränkt niederlassen.

Anders sieht es den Fachärzten aus. Es besteht nämlich rechnerisch keine Unterversorgung in den gängigen Disziplinen wie bei Frauen-, Haut- oder HNO-Ärzte und sogar Kinderärzten. Also dürfen sich keine Ärzte neu niederlassen. Und selbst wenn: Die Entwicklung hat gezeigt, dass nicht alle Arztstellen nachbesetzt werden können. „Dieser Trend wird sich fortsetzen“, so das Sozialministerium. Den Hausarzt, der rund um die Uhr für seinen Patienten da ist, gibt es nur noch im Fernsehen und in Groschenromanen. Junge Ärzte schauen verstärkt auf ihre Arbeitsbedingungen, neudeutsch work-life-balance genannt.

Wieviele Ärzte werden in absehbarer Zeit ihre Praxen aufgeben?

Zum Problem kann das zunehmende Alter der Ärzte werden. Von den 609 Ärzten sind 181 schon 60 und älter. In absehbarer Zeit gehen also viele Doktoren in Ruhestand.

Von den 247 Hausärzten sind 78 schon 60 und älter. Ihr Durchschnittsalter beträgt 55,1 Jahre.

Bei den 78 Psychotherapeuten hat die Hälfte die 60 schon überschritten.

Von 19 HNO-Ärzten im Rems-Murr-Kreis sind elf älter als 60.

Relativ jung sind Augenärzte (23 von 28 sind unter 60), Hautärzte (elf von 15), Kinderärzte (31 von 35), Frauenärzte (39 von 48) oder Urologen (elf von zwölf).

Die älter werdende Ärzteschaft geht einher mit einer älter werden Bevölkerung. Und die braucht mehr medizinische Versorgung, sei es durch niedergelassene Ärzte oder in den Krankenhäusern. „Insbesondere für die steigende Anzahl an Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf sei eine wohnortnahe ärztliche Versorgung von Bedeutung, „damit sie ihren Wünschen entsprechend, solange es möglich ist, in der eigenen Häuslichkeit leben können“, so das Sozialministerium zur Herausforderung.

Gibt es auf dem Land bereits einen Ärztenotstand?

Vor allem in den ländlichen Gebieten werden Ärzte schmerzlich vermisst. Das „Förderprogramm Landärzte“ des Landes will dem entgegenwirken. Im Rems-Mur-Kreis zählen die Gemeinden Althütte, Aspach, Auenwald, Berglen, Großerlach, Kaisersbach und Spiegelberg zu den „akuten Fördergebieten“. Die Landarzttätigkeit soll wieder attraktiv gemacht werden, verweist das Sozialministerium auf diverse Programme. Siegfried Lorek lobt diese Maßnahmen. und verweist darauf, dass im Nachtragshaushalt begonnen worden sei, die Zahl der Medizinstudienplätze um zehn Prozent zu erhöhen. „Bedauerlich finde ich, dass unser grüner Koalitionspartner nicht bereit ist, gemeinsam mit uns eine Landarztquote bei der Zulassung zum Medizinstudium einzuführen.“

Fazit

Dem Sozialministerium ist um die medizinische Versorgung zwischen Rems und Murr nicht bang. In der Antwort auf die Frage des CDU-Landtagsabgeordneten Siegfried Lorek heißt es: „Grundsätzlich besteht allerdings kein Zweifel, dass die stationäre Versorgung der Bevölkerung des Rems-Murr-Kreises mit starken Krankenhäusern in der Region, insbesondere mit den Rems-Murr-Kliniken und dem Zentrum für Psychiatrie, auf absehbare Zeit auf hohem Niveau gewährleistet ist.“