Rems-Murr-Kreis

Architekten zeichnen 19 Bauprojekte aus

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„Beispielhaftes Bauen“ im Rems-Murr-Kreis_0
Zweimal „Beispielhaftes Bauen“: Die Aussichtsplattform im Großheppacher Weinberg und die neue Kelter des Weinguts Ellwanger in Winterbach. Draufblick haben, von links: Carmen Mundorff, die neue Rems-Murr-Kammervorsitzende Helga Lambart, Jury-Vorsitzender Wolfgang Sanwald, Ex-Kammer-Vorsitzender Christoph Fetzer und Dr. Timo John, Vertreter des Landkreises. © Habermann / ZVW
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Klinikum Winnenden.
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Ausgezeichnet: Degustationsraum Weingut Idler in Strümpfelbach.
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Firma Selco in Urbach.
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Kindertagesstätte in Waiblingen.

Waiblingen. Ja, es gibt sie, die Beispiele von guter Architektur und gelungener Stadtgestalt. Aber es gibt im Rems-Murr-Kreis auch noch „Luft nach oben“, etwa was den Gewerbe- und den Wohnungsbau angeht. So sieht es Wolfgang Sanwald, Architekt aus Heidenheim, der den Jury-Vorsitz innehatte beim Wettbewerb „Beispielhaftes Bauen“. Prämiert wurden 19 Objekte, die von 2011 bis 2018 im Kreis hingestellt wurden.

Alle fünf Jahre lädt die Architektenkammer Baden-Württemberg in den einzelnen Landkreisen zum Auslobungsverfahren „Beispielhaftes Bauen“. Dann können Bauherren und Architekten ihre Arbeiten einreichen, von denen sie denken, dass sie überdurchschnittlich mit einer Bauaufgabe umgegangen sind.

Eingereicht wurden für „Beispielhaftes Bauen 2018“ 91 Arbeiten, vom Wohnen über öffentliche Bauten, Gewerbebau, Bauen im Bestand, Landschaftsanlagen bis zu Innenräumen. Die siebenköpfige Jury, vorne dran vier Architekten, die nicht aus dem Rems-Murr-Kreis kommen, hat sich zwei Tage lang nach einer Vorauswahl 31 Objekte angeschaut. Und sich dann in mehreren Runden auf 19 auszeichnungswürdige geeinigt, meistens einstimmig.

Kelter mit stählernem Gehäuse

Carmen Mundorff, Architektin und Pressesprecherin der Landes-Architektenkammer, zeigte sich jetzt bei der Bekanntgabe angetan von der „enormen Bandbreite“ des Ausgezeichneten. Dass der Weinbau mit mehreren Gebäuden vertreten war, wundert nicht. Unter den Siegern ist denn auch die neue Kelter mit stählernem Gehäuse der Wengerter-Familie Ellwanger in Winterbach und das ganz in Holz gehaltene Weinprobehäusle von Marcel Idler in Strümpfelbach.

Mega-Objekte sind darunter, wie das Winnender Klinikum oder die Fassadenbaufirma Riva in Backnang. Nun wirklich nicht alltägliche Aufgaben finden sich mit der Aussichtsplattform im Großheppacher Weinberg oder mit der – an sich leicht zu übersehen – Freiflächengestaltung „Umgehungsgerinne Häckerwehr und Remsuferpark“ in Waiblingen.

Es zeigt sich in der Liste ein Wohnhaus der High-End-Klasse, das sich ein Mensch auch mit gutem Gehalt nicht wird leisten können. Und dann wiederum ein Familienhaus aus industriell vorgefertigen Fassaden- und Dachelementen, das Eigentum bezahlbar macht. Eben alles, „was gute Qualität hat“ (Mundorff).

Die Angemessenheit der Mittel und Materialien

Es geht bei „Beispielhaftes Bauen“ um äußere Gestaltung, Maß und Proportion des Baukörpers. Um die innere Raumbildung, Zuordnung und Zweckmäßigkeit. Die Angemessenheit der Mittel und Materialien sollte ablesbar sein, somit die konstruktive Ehrlichkeit. Dann geht es noch ums Einfügen und den Umgang mit dem städtebaulichen Kontext und der Umwelt. Und nicht so sehr, brachte es der Jury-Vorsitzende auf den Punkt, um „Architektur mit dem großen A, sondern die des Alltags“. Gebrauchstauglichkeit ist ein häufig gebrauchter Begriff.

Die vielen Architekturbüros, auch ausgezeichneten, in Stuttgart drängen auf den Markt im Kreis. Aber immerhin sind 38 Prozent der vorbildlichen Arbeiten von hiesigen Gestaltern gezeichnet worden.

Und wie schätzen nun Außenstehende die Bauqualität im Rems-Murr-Lande ein? Jury-Vorsitzender Sanwald kommt aus dem Raum Heidenheim und hat schon drei Auszeichnungsverfahren mitgemacht. Was er an den zwei Tagen der Auslese gesehen hat, liege im „Bereich dessen, was man erwarten kann“. Das ist noch kein Lob. Es kommt aus der Einsicht, dass der Siedlungs- und Niederlassungsdruck hier immens ist. Es hat sich nun mal über das ganze Remstal eine zähe Masse aus Beton und Ziegelwerk ergossen. „Luft nach oben“ gebe es, speziell auch im Gewerbebau.

Zumutungen vor der Nase der Bürger

Carmen Mundorff, Architektin aus Stuttgart, weiß von vielen Mittelständlern im Remstal, die sehr wohl auf gute Gestaltung ihrer Firmensitze achten. Als Teil der Corporate Identity. Aber auch sie muss beobachten, wie Gewerbegebiete die Stadttore ersetzen und dabei den Bürgern Zumutungen vor die Nase gesetzt werden. Man könnte auch sagen: notdürftige Umschlagplätze des schnellen Euros. Da ist für sie wahrlich noch viel Luft nach oben.

Sanwald beklagt, dass es zum gesellschaftlich dringend notwendigen Geschosswohnungsbau nichts gab – zumindest nichts Auszeichnungswürdiges. Überhaupt, fragt Carmen Mundorff, wo sind die Angebote gerade in einer Metropolregion wie Stuttgart? Für Leute, die mieten wollen, weil sie wissen, sie sind in fünf Jahren woanders. Wohnungsbau, just den bezahlbaren, „hat man dem Markt überlassen“.

Möglicher Trost: Derzeit wird ja in der Not nach jeder Fläche gesucht. Vielleicht gibt es dann in fünf Jahren Vorzeigbares. Kann auch sein, dass wieder Werkswohnungen gefeiert werden. Bosch überlegt es sich in Stuttgart schon.

Die Ausgezeichneten

Kategorie Wohnen:

Wohngruppenhaus für 24 Menschen mit Behinderung in Fellbach, Diakonie Stetten, mharchitekten, Stuttgart

Haus SG „gebaute Landschaft“, Dürer Weg Schorndorf, Finckh Architekten Stuttgart

„Einhüfter mit Aussicht“ - Wohnhaus in Beinstein, Marquardt Architekten, Stuttgart

Kategorie Öffentliche Bauten:

Alfred-Kärcher-Sporthalle in Winnenden, Albertviller Straße, Architekten Keller Daum, Stuttgart

Kindertagesstätte „Baumhaus“ der Diakonie Stetten in Waiblingen, Zeppelinstraße, Hermann Bosch Architekten, Stuttgart und Glück Landschaftsarchitektur, Stuttgart

Rems-Murr-Klinikum Winnenden, Hascher Jehle Architektur, Berlin mit Monnerjan Kast Walter Architekten, Düsseldorf und hutterreimann Landschaftsarchitektur, Berlin

Bürgerhaus in Rommelshausen, ama Architekturbüro, Burghausen mit Lohrer Hochrein.landschaftsarchitekten, München

Feuerwehrhaus Zipfelbach in Winnenden, Drei Architekten, Stuttgart

Kinderhaus Zügernberg in Großheppach, D’Inka Scheible Hoffmann Architekten, Fellbach, mit Luz Landschaftsarchitektur, Stuttgart

Kategorie Industrie- und Gewerbebau:

Selco Computer & Networks in Urbach, Gewerbegebiet, Hammer Pfeiffer Architekten, Lindau

Firmensitz RIVA in Backnang, Webler Geissler Architekten, Stuttgart

Degustationsraum Weingut Idler in Strümpfelbach, Architekten, Gunter Schulz, Stuttgart

Kelter mit Barriquekeller in Winterbach, Weingut Ell wanger, Bloss/Keinath Architekten, Winterbach

Kategorie Bauen im Bestand:

Aussichtsplattform Luitenbächer Höhe auf Frischwasserbehälter in Großheppach, Atelier Wolfshof Architekten, Weinstadt

Umbau eines Lagergebäudes zum Wohnhaus in Burgstetten, Mühlstraße, Thomas Streitberg, Burgstetten

Minimalhaus in Leutenbach, Am Überbach 14, Architekturbüro Stocker, Remshalden

Galerie Schäfer, denkmalgerechte Sanierung und Umnutzung, in Waiblingen. Lange Straße, COAST Architekten, Stuttgart

Kategorie Landschaftsanlagen:

Umgehungsgerinne Häckerwehr und Remsuferpark in Waiblingen gegenüber Galerie Stihl Waiblingen, Pfrommer Roeder Freie Landschaftsarchitekten, Stuttgart

Kategorie Innenraumgestaltung:

Aussegnungshalle, Instandsetzung, Umbau und großes Unterstelldach vor der Aussegungshalle, Kleinfriedhof in Fellbach, Architektur 109, Arnold Fetzloff, Stuttgart

Die Preisübergabe:

Die Preise werden vergeben an die Architekten und Bauherren am 14. November, 18 Uhr, im Rahmen einer Feierstunde im Klinikum Winnenden.

Ausgezeichnet wurden nur Arbeiten, die im Sinne der Ausschreibung als rundum beispielhaft anzusehen sind. Es geht um die konkrete Bauaufgabe vor Ort, passend für die Nutzer.