Rems-Murr-Kreis

Auch Männer erleiden sexuelle Gewalt

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Richard Horváth von Pro Familia Waiblingen berät Männer, die sexualisierte Gewalt erlitten haben. © Habermann/ZVW

Waiblingen. Auch Männer erleiden sexuelle Übergriffe, auch Männer erleiden sexualisierte Gewalt – die Waiblinger Beratungsstelle Pro Familia reagiert darauf mit einer ganz bewussten Ausweitung ihres Angebots.

Männer?! Wieso Männer?! Das ist die erste Frage bei diesem Thema, immer. Belästigt, begrapscht, beleidigt, missbraucht, vergewaltigt werden doch Frauen – auch Männer sollen Opfer sein? Die können sich doch wehren! Richard Horváth, 35, kennt diesen Reflex, der sich einstellt, wann immer das Gespräch auf seine Arbeit kommt: Er bietet bei Pro Familia Beratung an für Betroffene. So verfestigt sind unsere Geschlechterbilder, dass jeder erst mal sagt: Männer?!

Doch, auch Männer. Es beginnt bei der übergriffigen Wortwahl, erklärt Horváth, und kann von „unerwünschten Berührungen“ bis hin zur Vergewaltigung reichen, von der Kränkung über die Demütigung bis zur Traumatisierung. Manche der Männer, die zu Horváth kommen, wurden in ihrer Kindheit missbraucht und können sich dem, was sie erlitten haben, erst nach vielen Jahren der Verdrängung und Abspaltung stellen. Andere sind als Erwachsene in eine Lage geraten, die sie erstarren und „einfrieren“ ließ, in eine Situation, die jede Handlungsfähigkeit lähmte. Schwule Männer sind darunter und heterosexuelle; Männer, die von Männern angegangen wurden oder von Frauen. Oft spielen Machtverhältnisse eine Rolle, Konstellationen, „wo Hierarchien ausgeprägt sind“.

Übergriffige Sprüche, unerwünschte Berührungen, blanke Gewalt

Wenn Horváth in Schulklassen sexualpädagogische Workshops leitet, komme es vor, dass Jungen Vertrauen fassen, sich öffnen und erzählen – sie berichten von sexualisierten Grobheiten und Demütigungen, im Sportverein, in der Schule, in der Umkleide, unter der Dusche. Und auch das gehört zum Themenkomplex: „Viele, die zu uns geflüchtet sind, waren in ihrer Heimat oder auf ihrer Flucht-Route sexueller Gewalt ausgesetzt“ – es ging dabei nicht um Lust, es ging um Erniedrigung, es ging darum, Menschen zu brechen.

"Bist du schwul?"

„War ich selber schuld? Hätte ich es verhindern können?“ Frauen martern sich oft mit solchen Selbstvorwürfen. War mein Rock zu kurz, habe ich zu viel getrunken, falsche Signale ausgesandt? So verdoppelt sich die erlittene Ohnmacht und schreibt sich fort – erst recht, wenn das Umfeld, die Gesellschaft, die Polizei der Betroffenen nicht glaubt. Bei Männern kommt ein Weiteres hinzu: „Ich bin doch ein Kerl, ich hätte mich doch wehren können.“ Und Bekannte spötteln ungläubig: „Das passiert doch nur Frauen.“

So werden Betroffene in die sprachlose Scham gedrängt, die Gesellschaft kennt keine Worte für diesen Schmerz, weiß nicht darüber zu reden, neigt dazu, ihn nicht gelten zu lassen. Ein Mann, der von einem Mann belästigt wurde, muss, wenn er sich offenbart, damit rechnen, dass er zu hören bekommt: „Bist du schwul?“ Und ein Mann, der von einer Frau belästigt wurde? „Ach, das wünschst du dir wohl!“

Hohe Dunkelziffer

Die Dunkelziffer, sagt Horváth, „ist sehr hoch. Aber wie hoch? Da brauchen wir gar nicht anzufangen.“ Es gibt nur wenige belastbare Studien. Eine aus dem Jahr 2004 wurde in Auftrag gegeben vom Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend – jeder fünfte befragte Mann berichtete von sexualisierten Übergriffen im Kinder- und Jugendalter, von verletzenden Sprüchen über ungewollte Berührungen bis zu handfester Gewalt.

Die Ergebnisse einer englischen Untersuchung aus dem Jahr 2014 sind noch beunruhigender: Acht Prozent der befragten Männer hatten als Kinder nicht-einvernehmlichen Sex erlebt, fünf Prozent als Jugendliche, drei Prozent als Erwachsene.

Beratungsangebote sind rar

Klienten, die zu Horváth kommen, haben in der Regel bereits lange mit sich gerungen, „im Internet recherchiert“ und seien „teilweise am Verzweifeln: Was mir passiert ist, gibt es anscheinend gar nicht! Ich stehe alleine da.“ Beratungsangebote sind rar, fundierte Hintergrund-Artikel auch. Deshalb setzt Pro Familia Waiblingen einen sehr bewussten Gegenakzent – das Projekt „Flügel“ trägt neuerdings den Untertitel „Wir helfen Frauen und Männern, die aktuell oder in der Vergangenheit von sexualisierter Gewalt betroffen sind“. Das Signal lautet: Doch, das gibt es. Und ja, es gibt Hilfe.

Manchmal reicht ein klärendes Gespräch, oft wirken einige Beratungsstunden heilsam, bisweilen hilft nur die Weitervermittlung in eine Therapie. Das Erste und Wichtigste aber, das Horváth bei jeder einzelnen Erstbegegnung dem Betroffenen zu vermitteln versucht, ist immer dies: „dass ihnen geglaubt wird; dass ihr Leid gesehen wird.“


Info

Näheres zum Beratungsangebot „Flügel“: www.fluegel-waiblingen.de, 07151/9 82 24 89 40, info@fluegel-waiblingen.de, Pro Familia, Alter Postplatz 17, 71332 Waiblingen.