Rems-Murr-Kreis

"Aufruf zur Geschlossenheit" von Jens Steinat, dem Pandemie-Beauftragten des Rems-Murr-Kreises

"Aufruf zur Geschlossenheit“: So lautet die Überschrift eines Briefs, den uns Dr. Jens Steinat zugeschickt hat, Arzt aus Oppenweiler und Pandemiebeauftragter der Kassenärztlichen Vereinigung Baden Württemberg für den Rems-Murr-Kreis. Wir veröffentlichen Steinats Appell im Wortlaut:

Ja, es ist alles anstrengend. Für diejenigen, die zu Hause sind und nicht arbeiten dürfen oder können, aber auch für diejenigen, auf deren Schultern die Arbeit nun liegt. In der ersten Welle hatten alle noch geklatscht und all denjenigen Dank gezollt, die die Versorgung der Bürgerinnen und Bürger aufrechterhielten. Nach nunmehr über einem Jahr Pandemie kehrt Resignation und Verdruss ein. Verständlich, aber niemand kann etwas dafür, dass ein Virus uns in Atem hält und unser Leben und unsere Gesellschaft durcheinanderbringt.

In einer Situation der schnellen Virusausbreitung, der schleppenden Impfungen und der Gefahr weiterer Mutationen ist Geschlossenheit gefragt. Es ist nicht die Zeit, der Politik und den Verantwortlichen Vorwürfe zu machen. Die Politik ist zum Getriebenen unser aller Wünsche und Verhaltens und unseres Ärgers geworden. Es ist Zeit, dass jeder sich auf unser aller Gemeinwohl besinnt und sein Bestes zum Schutze von uns allen tut.

Was jetzt wichtig ist, sollte eigentlich mittlerweile allen klar sein

Es liegt doch auf der Hand: Masken, Abstand, Kontaktreduktion, Testungen und Impfungen sind unsere Werkzeuge, diese gesundheitliche und wirtschaftliche Krise zu bewältigen. Ich erwarte von allen, dass diese Punkte zum Konsens werden. In der jetzigen Situation persönliche Lebensphilosophien gegenüberzustellen und Gerichte zu beschäftigen, das Demonstrationsrecht auszunutzen und andere dadurch in Gefahr zu bringen, ist nicht im Sinne der Verantwortung für unser Land. Nur wenn wir eine niedrige Inzidenz erreichen, ist ein halbwegs normales Leben wieder möglich.

Ich wünsche mir in den nächsten Wochen Geschlossenheit, konstruktive Argumentationen und Diskussionen im Rahmen der wissenschaftlichen Evidenz, Unterstützung und Verständnis für alle, die sich aufopfernd um unsere Gesundheit kümmern, und für alle, die die Abfederung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen planen.

"Die Bürokratie", das sind nicht immer nur die anderen

Wir müssen wieder lernen, pragmatisch zu handeln und die Bürokratie beiseitezuschieben. Wir alle sind an dieser Bürokratie schuld, weil wir für alles eine klare Regelung einfordern, um zur Not auch zu unserem Recht zu kommen. Diese Bürokratie trägt eine Teilschuld an manchem momentan zögerlichen Fortschritt. Nur ein Miteinander im Rahmen eines zwingenden grundlegenden Konsenses und eines pragmatischen Vorgehens kann dazu beitragen, die dritte Welle zu brechen und diese zur letzten werden zu lassen.