Rems-Murr-Kreis

Bahnstreik-Chaos im Rems-Murr-Kreis

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Die Ungewissheit als Gemeinsamkeit: Stehen gelassene Bahnkunden an der Schorndorfer Station. © Joachim Mogck
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Ein seltenes Bild: Freie P+R-Stellplätze am Waiblinger Bahnhof.
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Symbolbild
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Wegen des Streik staut sich der Verkehr am Morgen (10.12) in ganz Baden-Württemberg - das wirkt sich auch auf den Busverkehr aus.

Waiblingen. Ein Streik wie Montagfrüh ist misslich für die Betroffenen, keine Frage. Aber richtig ärgerlich wird es, wenn die Bahn-AG selbst noch für Chaos sorgt. S-Bahn und Regionalzug sind beide Bahnsache. Aber keiner darf offenbar vom anderen Verkehr etwas wissen.

Das hat Seltenheitswert. Montagvormittag, kurz nach 9 Uhr: freie Parkplatzwahl auf der P+R-Anlage am Waiblingen Bahnhof. Wegen des Streiks der Eisenbahnergewerkschaft fuhren keine S-Bahnen. Petra Figaschewski ist gegen halb zehn mit der ersten S-Bahn aus Richtung Stuttgart gekommen. Seit kurz vor 7 Uhr hatte sie am Sommerrain auf einen Zug gewartet und kam mit gut drei Stunden Verspätung zu ihrem Arbeitsplatz bei der Agentur für Arbeit. Dass auch der Nahverkehr vom Streik der Bahnbeschäftigten betroffen ist, habe sie völlig überrascht.

Alexander Frey stand um diese Zeit auch am Waiblinger Bahnhof und wartete auf eine S-Bahn. Er musste zur Schule nach Stuttgart. Aus der Whatsapp-Gruppe seiner Technikerklasse wusste er, dass es nur acht von 26 Schülern am Montagmorgen pünktlich geschafft haben. Er hatte es gar nicht erst zur ersten Stunde versucht.

Ungebremst rauscht der Regionalzug durch

7.15 Uhr am Schorndorfer Bahnhof. Bald geht die Kunde um: Vor 9 Uhr kommt nix. Es kommt einem der Song der Neue-Deutsche-Welle-Musiker DÖF in den Sinn: „Kummt net, kummt net“. Schorndorfer aber werden einer anderen sagenhaften Erscheinung gewahr: Gelbwesten! Gelbwesten im milden Süden dieser verschlafenen Republik. Es handelt sich um Bahn-Mitarbeiter, die informieren sollen. Die aber nicht mehr wissen, als dass es um 9 Uhr weitergehen könnte.

So erzählen es einem die Schorndorfer, die stehen gelassen wurden. Und: Es kommt zur Absetzbewegung. Die S-Bahn könnte fahren. Zehn Minuten vor 9 kommt die Info, auf dem Abstellgleis 14 wird demnächst losgefahren. Proppenvoll zeigen sich die Waggons. Andere, Schorndorfer Stadtbewohner, sind heimgelaufen. Das Auto holen. Um sich dann im Gänsemarsch auf die B 29 einzureihen. Es sind noch mehr auf die Idee gekommen.

So weit sind jetzt alle verstaut im langen Triebwagen auf Gleis 14. Aber es passiert nichts. Der Fahrer sitzt vorne drin, ist aber ganz offenbar auch nicht im Bilde. Da ploppt im Internet die Ansage auf, der Regionalzug um 9.14 Uhr komme ganz normal. Heißt das jetzt, wieder aussteigen und rüberrennen? Manche machen es. Aber warum, bitteschön, weiß das niemand? Warum kann der S-Bahn-Triebwagenfahrer nicht im Bild sein und eine Durchsage machen? Beide Angebote werden von der Bahn AG betrieben.

Das alte Elend der Bahn

Es ist das alte Elend der Bahn, bei der die rechte Hand nicht weiß, was die linke tut. 9.30 Uhr dann, die S-Bahn ruckelt an. Eine Viertelstunde später. So, als ob alles ganz normal sei. Ist es aber nicht. Und hat mit dem Streik wenig zu tun.

Auch der Redaktionskollege Joachim Mogck erlebte das Bahnstreik-Chaos in Schorndorf: „Dass sich der angekündigte Streik so auswirkte, hätte keiner vermutet. Blauäugig bin ich halt etwas früher gefahren, um den Streik vielleicht zu umgehen. Am Schorndorfer Bahnhof ging nichts mehr, das seit morgens um 6 Uhr. Ein freundlicher Mitarbeiter der Bahn beantwortete die Fragen, wann und ob überhaupt noch die Bahn heute fährt.“

Zumindest seien die wartenden Leute in Schorndorf nicht aufgebracht und chaotisch geworden und hätten die Wartezeit mit Gelassenheit genommen, auch wenn der eine oder andere Termin nicht erreicht werden konnte, sagt Mogck.

Bis zu vier Stunden Wartezeit

„Nach gefühlt einem halben Tag und in der Kälte stehend konnte die Bahn wieder gegen 9.30 Uhr fahren, auch ein Regionalzug aus Aalen kam. Eingepfercht in der S-Bahn ging es wie im Bummelzug von Station zu Station, aber es ging vorwärts.“ Der eine oder andere hatte so fast vier Stunden Wartezeit hinter sich. „Ich bin zwar verspätet, aber in Waiblingen angekommen“, so Mogck.

In Backnang hatte an diesem Morgen ein 39-jähriger Umschüler etwas mehr Glück. Er erwischte um 9.11 Uhr die erste S 3 an diesem Tag überhaupt von Backnang nach Waiblingen Nachdem er eineinhalb Stunden mit geschätzt 300 anderen Pendlern auf dem Backnanger Bahnhof der Dinge geharrt hatte, die da kommen würden. Um 9.03 Uhr war die erste S 4 über Marbach nach Stuttgart gefahren. Der Bahnsteig leerte sich etwas. Die erste S 3 war proppevoll. Aber sie fuhr.

Die Klassenzimmer sind leer

Am Montagmorgen blieben viele Klassenzimmer leer. „Überraschend leer“, sagte Hans-Jürgen Bucher, Schulleiter der Gewerblichen Schule in Waiblingen. Seine Schüler hatten sich nicht auf den Streik einstellen können. Dass nicht nur der Fernverkehr vom angekündigten Streik betroffen war, sondern die S-Bahnen ihren Betrieb einstellten, habe viele Schüler überrascht. Im Rektorat stand am Montagmorgen das Telefon nicht still; die Schüler versuchten sich zu entschuldigen. Erst nach 10 Uhr kam der Unterricht wieder in Gang.

Für die wenigen Schüler habe zuvor ein Notunterricht stattgefunden. Regulärer Unterricht war vor allem bei den Berufsschülern nicht möglich. Sie kommen oft von weit her und steckten fest, gingen zum Teil wieder nach Hause und ließen sich in die Schule fahren. In den Vollzeitschulen, deren Einzugsgebiet eher der Raum Waiblingen ist, wirkte sich der Bahnstreik indes nicht so stark aus, sagte Hans-Jürgen Bucher auf Anfrage unserer Zeitung.

Und schon ist der Termin vorbei

Um 9.30 Uhr musste Volontärin Laura Steinke bei einem Gerichtstermin in Waiblingen sein. Aus Bad Cannstatt fährt sie normalerweise mit der S-Bahn. „Ab 9 Uhr sollten die Bahnen ja wieder fahren. Darauf verlassen wollte ich mich nicht“, sagt sie. Also musste eine Ersatzlösung her. Mit der U-Bahn, die durch den Streik allerdings auch knapp zehn Minuten Verspätung hatte, machte sie sich auf den Weg nach Fellbach. Von der Haltestelle Lutherkirche sollte es in Richtung Waiblingen gehen. Doch durch die Verspätung der Bahn verpasste sie mehrere Busse, bevor sie die Linie 207 schließlich an der Oberen Bahnhofsstraße absetzte.

Die Verspätung machte sich bemerkbar: Als Laura Steinke im Amtsgericht eintraf, war die Verhandlung – die nur zehn Minuten gedauert hatte – vorbei.


Am Dienstagnachmittag wird verhandelt

Sonntagabend verkündete der VVS: „Ein Sprecher der Gewerkschaft EVG hat bundesweite Streikmaßnahmen bei der Deutschen Bahn am Montagmorgen zwischen 5 und 9 Uhr angekündigt. Es ist davon auszugehen, dass es auch darüber hinaus Beeinträchtigungen im Bahnverkehr geben wird.“

Und am Montag um 10.27 Uhr und um 11.01 Uhr meldete der VVS gleichlautend: „Der Warnstreik der EVG ist beendet. Die Stellwerke nehmen ihre Arbeit wieder auf. Der S-Bahn-Verkehr rollt langsam wieder an. Es kommt weiterhin noch den ganzen Tag zu Verspätungen, und möglichen Teil- und Ausfällen. Bitte prüfen Sie ihre Verbindung vor Reiseantritt.“

Am Dienstag droht nach Aussage der Gewerkschafter der EVG und der Bahn nichts. Am Nachmittag wird verhandelt.