Rems-Murr-Kreis

Beim Fressen die Landschaft schützen

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In Rudersberg-Asperglen lässt Lea Mundorf zurzeit ihre Ziegen grasen. Stefan Hoffmann(im Hintergrund) erfreut sich an der Schönheit der Tiere. © Habermann / ZVW
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Eine Delegation des Landschaftserhaltungsverbands auf Rundfahrt im Rems-Murr-Kreis. © Gabriel Habermann
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Das Ehepaar Schmid hat sich in Berglen mit einem Schäfereibetrieb einen Traum erfüllt. © Gabriel Habermann
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Neugierige Tiere.

Berglen/Rudersberg. Sebastian Schmid hat sich einen Lebenstraum erfüllt – und ist Schäfer geworden. „Nein, ich bringe es einfach nicht übers Herz, die Lämmchen vor der Zeit von der Mutter wegzunehmen“, gesteht seine Frau Melanie Schmid. Die Schäferei Schmid war eine von drei Stationen, welche am Mittwoch Besuch von Mitgliedern des Landschaftserhaltungsverbands erhalten hat. Das Motto der Exkursion: „Schäfer und Ziegenhalter und ihre Bedeutung für den Rems-Murr-Kreis.“

Melanie Schmid erklärt, weshalb sie die Lämmchen bei der Mutter lässt: „Dadurch verringert sich zwar der Milchertrag im Vergleich zur mutterlosen Aufzucht, aber andererseits ist die Muttermilch die beste und gesündeste Nahrung, die wir den Kleinen zukommen lassen können. Dies hat dann andererseits auch wieder sein Gutes für das Wohlbefinden der Tiere und letztendlich auch für die Fleischqualität.“

Am Mittwoch früh hatte die zweite Mitgliederrundfahrt des Landschaftserhaltungsverbandes Rems-Murr (LEV) in Backnang begonnen. Der LEV ist in der Backnanger Außenstelle des Landratsamts beheimatet. Erstes Ziel war die Milchschäferei Schmid, die Melanie und Sebastian Schmid in Berglen-Birkenweißbuch betreiben. 120 Tiere der Rasse Lacaune gehören zum Betrieb, davon wird die Hälfte gemolken. Die Lämmer bleiben im Stall, die erwachsenen Tiere werden tagsüber auf die Weide getrieben und abends gemolken. Über Nacht dürfen sie dann zu den Lämmern, so dass die sich satt trinken können. Die Tiere geben von April bis Oktober Milch; 40 bis 45 Liter Milch Tagesausbeute werden dann zu Frisch- und Weichkäse, Quark und Jogurt verarbeitet und im Hofladen verkauft.

Schafe und Schäfer sind ständig unterwegs

Sebastian Schmid hat sich in Berglen einen Lebenstraum verwirklicht. 2003 baute er seinen Stall, seit 2004 ist der Betrieb Bioland zertifiziert – „also schon damals, als man mit dem Zertifikat noch nicht Geld verdiente, sondern seine Überzeugung zum Ausdruck brachte“, erklärt er den Besuchern. 2009 beendete Schmid seine Ausbildung zum Tierwirtschaftsmeister und eröffnete mit seiner Frau den Hofladen. Die Schafe beweiden 86 unterschiedliche Schläge im Umkreis von ungefähr vier Kilometern, insgesamt 30 Hektar. Dies bedeutet, dass Schafe und Schäfer ständig unterwegs sind, von einer Weide zur anderen.

Schafe auf der Weide sind nicht nur ein Anblick, der Augen, Seele und Gemüt gleichermaßen erfreut, so Dr. Kirsten Kindermann, die LEV-Geschäftsführerin. Beweidung stelle die schonendste Art der Bewirtschaftung überhaupt dar. Während selbst das Mähen einer Wiese durchaus mit einem Kahlschlag im Wald zu vergleichen sei, mit dem massiv in den Lebensraum eingegriffen werde, halte Weidevieh nicht nur Grünflächen offen, sondern leiste einen wichtigen Beitrag zur Förderung der Artenvielfalt bei Pflanzen und Tieren.

Nur noch 150 hauptberufliche Schäfer im Land

Bereits in der dritten Generation besteht die 900 Muttertiere und 40 Hektar umfassende Schafhalterei von Bernd Almendinger in Allmersbach-Heutenbach. Er würde sie gern später seinem jetzt 15-jährigen Sohn übergeben. Als sein Großvater den Betrieb 1949 gründete, habe noch niemand an Landschaftspflege gedacht; damals sei es ausschließlich um Fleisch und Wolle gegangen. Nachdenklich mache ihn, dass es in Baden-Württemberg inzwischen nur noch 150 hauptberufliche Schäfer gebe, für die es immer schwerer werde, den Standard zu halten. Als Hemmnisse nennt Almendinger mehrere Punkte: Landwirtschaftsfeindliche Bürgerinitiativen, fehlendes Verständnis und zu wenig Anerkennung, von der Politik verschuldetes Fehlen von Planungssicherheit, Streichungen der EU-Zuschüsse.

„Wir befinden uns in einer Nische“, so Almendinger, „sie ist sehr eng, und wenn sie für die nächste Generation zu eng wird, dann ist sie sehr schnell unwiederbringlich verschwunden.“ Letztendlich sei es eine gesellschaftliche Entscheidung, ob man auch in Zukunft Schafhalterei und damit verbunden natürlichen Landschaftsschutz wünsche und was einem dies wert sei.

Immer weniger und dafür größere Betriebe

Der Erste Landesbeamte Michael Kretzschmar verwies auf die Bemühungen des Landschaftserhaltungsverbands Rems-Murr, die Schaf- und Ziegenhalter in den Landschaftsschutz einzubinden, mit diesen langfristige Verträge abzuschließen und ihnen soweit wie möglich entgegenzukommen. Betriebsberater Dr. Florian Wagner wagte die Prognose, dass in den kommenden Jahren noch einige der haupt- und nebenberuflichen Schäfereien in Baden-Württemberg schließen werden.

In den letzten Jahren habe die Betriebswirtschaft auch in den Schafhaltereien Einzug gehalten. Der Trend gehe hin zu immer weniger und immer größeren Betrieben. Großbetriebe seien allerdings nur bedingt in die Landschaftspflege einzubinden.

Trend: Weniger und dafür größere Betriebe

Behördlicherseits müsse man sich darüber klar werden, dass die Beweidung eines Hektars je nach Lage etwa zwischen 1 000 und 2 000 Euro Kosten verursache. Somit müsse das bisherige System, nach dem die Landschaftspflege honoriert werde und bei dem die maschinelle Bewirtschaftung um bis zu zwei Drittel höher bezuschusst werde, unbedingt überdacht werden. Die Betriebe seien keine „Ersatzfreischneider“ für nicht mehr bewirtschaftete Steillagen, aber bei einem durchschnittlichen Stundenlohn in den Betrieben von 6,60 Euro seien die Betriebe mittlerweile zwischen 60 und 90 Prozent auf Zuschüsse angewiesen.

Wie erfolgreiche Landschaftspflege funktionieren kann, demonstrierten Roland Blümle und Bürgermeister Raimon Arens in Rettersburg. Sie stellten bei der Exkursion eines der von der LEV betreuten Projekte vor: Seit März lässt Ziegenhalterin Lea Mundorf von 18 Waliser Schwarzhalsziegen circa zwei Hektar Waldrandbiotop beweiden. In den Jahren 1830 bis 1860 wurden in die Steillage Trockenmauern für den Weinbau eingezogen. Der wurde allerdings noch vor dem Ersten Weltkrieg wieder aufgegeben. Nach den 70er-Jahren sei das Gelände dann zunehmend verwildert, bis es um die Jahrtausendwende durch den Landkreis „entbuscht“ und zur Beweidung freigegeben wurde.


Keine Angst vor dem Wolf

Direkt Angst vor Wölfen habe er nicht, versichert Schäfer Sebastian Schmid. Allerdings gebe es ihm schon zu denken, wenn einem Schäfer in einer Nacht 40 Tiere gerissen werden, wie kürzlich im Schwarzwald geschehen.

Der Verlust betreffe ja nicht nur die Tiere als solche, sondern bedeute stets auch die Zerstörung von züchterischer Arbeit über Jahre hinweg.

Wie Tiere im Freien zuverlässig zu schützen seien, darauf könne er keine Antwort geben. Er glaube nicht, dass sich Wölfe durch einen zweiten Zaun wirklich abhalten ließen, und könne sich andererseits auch nicht vorstellen, dass die Verwendung von Hütehunden hierzulande akzeptiert würde.

Der Ball sei im Feld der Politik, so Schmid: Sie müsse entscheiden, ob man Wölfe im Land wolle und wie Schäden zu handhaben seien.